Swallow Doretti - zu gefährlich für die Konkurrenz

Erstellt am 16. September 2016
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Bruno von Rotz 
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Bonhams 
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Archiv 
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Frank Rainbow, der lange Jahre bei Bristol Aircraft gearbeitet hatte, war ein begabter Konstrukteur. Für die Firma Swallow Coachbuilding, die aus Unternehmung Swallow Sidecar Company, gegründet 1922, heraus enstand, aus welcher später auch Jaguar hervorging, entwarf er einen Roller namens Gadabout, der in rund 2000 Exemplaren produziert wurde.


Swallow Doretti (1955) - mit wetterfestem Verdeck
Copyright / Fotograf: Bonhams

Sein Meisterstück lieferte er aber mit dem Swallow Doretti ab, einem Sportwagen, der komfortabel 100 Meilen pro Stunde erreichen konnte.

Nur für die Amerikaner

Im Sommer 1952 traf sich Eric Sanders, der Chef von Swallow Coachbuilding mit Arthur Anderson, der gerne einen Sportwagen für den Vertrieb in den Staaten gehabt hätte. Natürlich wurde Frank Rainbow damit betraut, den Wagen zu entwickeln.

Da Sanders gute Beziehungen zu Sir John Black von Standard Triumph hatte, war die Technik fast schon automatisch vorgegeben.

Rainbow erhielt freie Hand, musste aber innert neun Monaten einen kompletten ersten Wagen irgendwo zwischen Triumph TR2 und Jaguar XK 120 liefern, eine Herausforderung, der er gewachsen war.

Präsentation an der 39. London Motor Show

Erstmals präsentiert wurde der Wagen bereits am 7. Janur 1954 im Los Angeles Ambassador Hotel in Gardena, die britische Öffentlichkeit aber bekam den 100 Meilen-pro-Stunde-Sportwagen erst im Oktober an der Earls Court Motor Show in London zu sehen.


Swallow Doretti (1954) - auf der London Motor Show 1954 im Oktober in Earls Court
Archiv Automobil Revue

Das Interesse für die beiden in Schwarz und Weiss gespritzten Dorettis war gross, unter anderem setzten sich Faisal, der König des Irak, und der Komiker Bob Hope ans Lenkrad des Swallow Doretti.

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Mehr als ein verbesserter TR2

Zwar stammten Motor, Getriebe und die Aufhängungen vom Triumph TR2, das Fahrgestell und die Karosserie aber waren komplett neu konstruiert und das Ergebnis wies eine überdurchschnittliche Torsionssteiffigkeit auf. Der Rahmen bestand aus hochwertigen Stahlrohren, die sich um zwei kräftig dimensionierte Längsträger rankten.


Swallow Doretti (1954) - der Rohrrahmen samt Fahrwerk
Archiv Automobil Revue

Die Karosserie war aus Stahl- und Aluminiumblechen ausgebaut und wies gegenüber der Triumph-Konstruktion einen deutlichen Gewichtsvorteil auf, obschon der Swallow Doretti Sportwagen grösser und vor allem breiter war als die Triumph TR2 Basis.


Swallow Doretti (1954) - Karosseriestruktur
Archiv Automobil Revue

In der Tat mass der Swallow Doretti mass 3,962 Meter in der Länge und 1,549 Meter in der Breite, während der TR2 3,835 Meter lang und 1,397 Meter breit war. Statt 953 kg wog der Doretti nur deren 864 kg.


Swallow Doretti (1955) - der Motor wurde unverändert vom TR2 übernommen
Copyright / Fotograf: Bonhams

Übernommen wurde der Reihenvierzylindermotor des TR2 mit 1991 cm3,d er 90 PS leistete. Die meisten Wagen wurden mit Vierganggetriebe und Laycock-de Normanville Overdrive ausgestattet.

Ein Hauch von Ferrari

Auch beim Design leistete Frank Rainbow ganze Arbeit. Nicht unähnlich zu einem Austin-Healey 100 wies seine Konstruktion auch Züge der Ferrari 166 MM Barchetta von Touring auf, war aber natürlich als Granturismo-Sportwagen für mehr auf den Alltagseinsatz ausgelegt, obschon der Verkaufsprospekt auch von möglichen Renneinsätzen sprach.

Auch der Name Doretti tönte nach Italien, doch war er von Dorothy Deen, der Tochter des Chefs des amerikanischen Händlernetzes, das den Sportwagen vertreiben sollte, inspiriert. Aus Dorothy wurde dann wohl das für einen Wagen besser klingende “Doretti”.

Während die ersten Fahrzeuge alle in die USA gingen, durften ab Mitte 1954 auch die Briten einen rechtsgelenkten Swallow Doretti für rund 777 Pfund kaufen, während ein TR2 knapp über 600 Pfund kostete.

Überzeugend

Fünf Wagen konnten die 18 Männer im Werk in Staffordshire pro Woche bauen, nur wenige davon endeten als Testfahrzeuge. Trotzdem erschienen überraschend viele Berichte über den neuen Sportwagen in der Presse.

“The Motor” fuhr bereits im Sommer 1954 einen Swallow Doretti und notierte für den Spurt von 0 bis 60 Meilen pro Stunde (96 km/h) beeindruckende 12,3 Sekunden, als Höchstgeschwindigkeit wurden 100,2 MPH (163,3 km/h9 gemessen.

“Als komplett ausgestatteter Sportwagen, der Komfort, 100 MPH-Spitzengeschwindigkeit, tiefe Unterhaltskosten und ansprechende Fahreigenschaften bietet, ist der Swallow Doretti ein attraktiver Neuzugang im britischen und in anderen Automärkten”, schrieben die Tester und schlossen mit der Hoffnung ab, dass Swallow Coachbuilding noch weiterentwickeln würde.


Swallow Doretti (1954) - Blick auf Interieur und Motor
Archiv Automobil Revue

Auch die Zeitschrift “Motor Sports” fuhr den eleganten Doretti und bemerkte:
“Der Doretti ist ein interessanter Kompromiss zwischen einem Sportwagen und einem Roadster. Auf der einen Seite verfügt er über harte Federn, kurze Schaltwege, Kübelsessel und relativ wenig Gepäckraum, auf der anderen Seite ist er komfortabel, hat Allwetter-Eigenschaften und überzeugt bezüglich seiner Ökonomie.”

Die Automobil Revue erhielt anlässlich des Testtags in Goodwood Gelegenheit, sich in einem  schwarzen Pressewagen zu versuchen:

“Neben dem Triumph TR 2 schneidet der um 152 Pfund Sterling teurere, etwa 70 kg leichtere und ca. 20 cm längere Swallow-Doretti recht gut ab. So scheint die Strassenlage, dank des besonders hinten etwas steiferen Rahmens, eher etwas besser zu sein, und die Karosserie lässt sich beinahe als Cabriolet ansprechen. Dagegen ist der Doretti etwas lauter und hat einen weniger günstigen Lenkeinschlag.

Der tiefere Sinn des Swallow-Doretti liegt aber in etwas anderem. Dieser zweisitzige Zweiliterwagen verkörpert mit seinem etwas unkomfortablen Einstieg, dem kurzen Schalthebel, dem drehfreudigen Motor, der harten, fast etwas bockigen Federung und der bescheidenen Unterbringungsmöglichkeit für Gepäck den echten englischen Sportwagen unserer Tage für den echten englischen Sportfahrer, der gerne einige Unbequemlichkeiten auf sich nimmt, wenn er dafür einen raschen, handlichen, präzis lenkenden Wagen fahren kann. Originellerweise aber ist dieser Doretti, mit dem wir uns sehr rasch anfreundeten, gar nicht für Engländer bestimmt, sondern als reines Exportprodukt gedacht.”

Offenbar war man sich damals auch in der Presse noch nicht so sicher, für welche Märkte der Wagen eigentlich gebaut werden sollte.

Tödlicher Interessenskonflikt

Doch dies war alles unwichtig, denn übergeordnete Interessen machten dem kleinen Sportwagen den Garaus. Jaguar schaltete sich auf Stufe “Tube Investments Group”, der Mutter von Swallow Coachbuilding, ein und stellte die Gruppe vor das Ultimatum, entweder die Produktion des Sportwagens zu stoppen oder auf die Lieferung von Rohmaterial an Jaguar zu verzichten.

Das Management entschied sich dafür, keine weiteren mit Jaguar in Konkurrenz stehenden Produkte mehr herzustellen. Der bereits weiterentwickelte Doretti Mk II, dem man den Namen Sabre gegeben hatte, ging nie in Produktion.


Swallow Doretti (1955) - die Sitze waren bequemer als beim Triumph
Copyright / Fotograf: Bonhams

Hohe Überlebensrate

Insgesamt wurden von 1954 bis 1955 276 Autos (andere Quellen nennen 290 Fahrzeuge) gefertigt. Von diesen sollen gemäss Insidern noch 170 Wagen (andere Quellen nennen auch tiefere Zahlen) vorhanden sein, was eine hohe Überlebensrate signalisieren würde.
Trotz ihrer Seltenheit halten sich die Preise, zu denen gut erhaltene Exemplare, gehandelt werden, in Grenzen.


Swallow Doretti (1955) - mit aufgesetztem Verdeck
Copyright / Fotograf: Bonhams

Bonhams bietet den hier gezeigten hellblauen Swallow Doretti mit Baujahr 1955 an der Versteigerung anlässlich des Zoute Grand Prix für € 55’000 bis 70’000 (CHF 55’000 bis 77’000) an.

Weitere Informationen

  • AR-Zeitung Nr. 47 / 1954 vom 03.Nov.1954 - Seite 16: Kurztests anlässlich der London Motor Show 1954 - Swallow Doretti
  • The Motor, September 15, 1954, ab Seite 222: Road Test No 27/54 - Swallow Doretti
  • Motor Sport, November 1954, ab Seite 640: The 2-Litre Swallow Doretti (Test)

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