Sportwagen für die Massen - der Volks-Monteverdi aus der Schweiz

Erstellt am 4. Juli 2013
, Leselänge 7min
Text:
Stefan Dierkes / Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
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Archiv Stefan Dierkes 
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Peter Monteverdi wurde mit seinen teuren grossvolumigen Granturismo-Fahrzeugen bekannt, die Komfort mit Eleganz verbanden. Im Jahr 1968 aber entstand auch ein kleiner Monteverdi, um den sich heute noch Mythen und Gerüchte ranken.


Monteverdi 2000 GTI (1968) - Rot steht dem Coupé ausnehmend gut
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Warum wurde der Prototyp in Genf 1968 nicht gezeigt, warum verschwand der Wagen von der Bildfläche, wieviele Versuchsfahrzeuge gab es?

Zusammenarbeit zwischen BMW und Monteverdi

Im Jahr 1965 hatte Peter Monteverdi eine BMW-Vertretung für seinen Betrieb in Binnigen übernommen. In Rahmen dieser Tätigkeit traf er auch mit dem BMW-Verkaufschef Hahnemann zusammen und vereinbarte mit diesem eine Zusammenarbeit (gemäss Interview AR mit Peter Monteverdi im Jahr 1979). Ein zweisitziges Coupé auf der Basis des BMW 2000 sollte nach Monteverdi-Plänen bei Frua in Turin gebaut werden.

Für den Autosalon 1968 vorgesehen

Am 14. März 1968 berichtete die Automobil Revue, die Peter Monteverdi durchaus nahe stand, erstmals vom “Monteverdi 2000”:

“Auf der Basis des BMW 2000 TI hat Monteverdi bei Frua eine Karosserie zeichnen und konstruieren lassen, welche sich der von Frua zurzeit gebrauchten Grundlinienführung einverleibt.

Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem 375 S ist besonders in der Profilgestaltung nicht zu leugnen, hingegen unterscheidet sich die Frontpartie völlig vom grösseren Modell. Monteverdi hat die BMW-Grundlagen nicht unverändert übernommen; das ZF- Fünfganggetriebe, die veränderten Federwege der Einzelradaufhängung, den 60 Liter fassenden Benzintank sowie die Verwendung von Weber- anstatt Solex-Doppelvergasern sind einige der individuellen Merkmale, welche Monteverdi dem zweiplätzigen Coupé einverleibt hat. Verkaufspreis und Lieferfrist des neuen Modells sind zurzeit noch unbestimmt.”

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Präsentation abgesagt

Zur geplanten Präsentation auf dem Automobilsalon kam es allerdings nicht, die Gründe für die Absage wurden öffentlich nie eindeutig bekanntgegeben. Die offizielle Version beschrieb am 20. März 1968 die Automobil Revue in einer der Salon-Ausgaben:

“Das als zweite Neuheit angekündigte Monteverdi 2000 Coupé auf BMW-Basis musste im letzten Moment abgesagt werden: als man den fieberhaft fertiggestellten Wagen bei Frua auf den Lastwagen aufladen wollte, kippte er auf die Seite und wurde dabei ziemlich beschädigt.”

Detlev Lichtenstein schrieb in seinem Buch “Pietro Frua und seine Autos”, das 2001 erschien, allerdings eine andere Begründung: Zwischen Frua und Monteverdi habe sich ein Rechtsstreit entwickelt, in dessen Folge Frua die Präsentation des kleinen Monteverdi gerichtlich verbieten liess.

Ob BMW, die den kleinen Sportwagen als Konkurrent ihrer eigenen Produkte sah, intervenierte oder ob es Friktionen mit Frua wegen dessen Entwurf und seiner Hoffnung auf ein intensivierte Zusammenarbeit mit BMW gab, ist unklar.

BMW-Verkaufschef Hahnemann jedenfalls war bereits nicht mehr auf seinem Posten und sein Nachfolger zeigte offenbar wenig Interesse an diesem als Porsche-Konkurrenz aufgezogenen Projekt.

Eineiige Zwillinge?

Neben der mutmasslichen und nicht am Salon 1968 präsentierten Monteverdi-Version gab es auch noch ein Coupé mit BMW-Niere, das Pietro Frua rot lackiert im Jahr 1968 in Paris präsentierte. Technisch und optisch war dieser Wagen mit Ausnahme der Frontgestaltung eng mit der Monteverdi-Version verwandt, ob es sich wirklich um zwei Fahrzeuge handelte kann nicht abschliessend beurteilt werden.


BMW 2000 ti Frua (1968) - aufgenommen in der Nähe des Studio Technico - die Ähnlichkeit zum Monteverdi 2000 ist augenfällig
Copyright / Fotograf: Archiv Stefan Dierkes

Einige Indizien und auch die Tatsache, dass der Frua-BMW 2000 nie mehr auftauchte, unterstützen die Vermutung, dass Frua einmal mehr raffiniert einen Prototyp umfunktionierte, um seinen verschiedenen Kunden und eigenen Visionen zu dienen. Zudem lassen auch die von Frua geführten Listen nicht den schlüssigen Nachweis zu zwei verschiedenen Fahrzeugen zu.

Ein zweiter Anlauf

Sicher aber ist, dass zumindest ein Fahrzeug existierte und 1969 frei von Schäden mit Monteverdi-Front und Schweizer Kennzeichen der Presse gezeigt wurde. Denn in der Automobil Revue vom 6. März 1969 erschien ein umfangreicher Bericht zum kleinen Monteverdi, der inzwischen “2000 GTI” genannt wurde.


Monteverdi 2000 GTI (1968) - das Coupé war ausgenommen hübsch, hier mit Stahlrädern
Archiv Automobil Revue

Der kleine Monterverdi, die Presse feierte ihn auch als als “Volks-Monti”, wurde im Bericht als Studienobjekt vorgestellt, mit dem in aller Ruhe eine mögliche künftige Produktion überprüft werden solle:

“Als ein solches Projekt ist der Monteverdi 2000 GTI zu betrachten. Er basiert auf den mechanischen Teilen des BMW 2000. Von diesem hat er auch den 1990-cm3-Motor, der mit zwei Solex-Zweifachvergasern auf 130 DIN-PS bei 5500 U/min, kommt und dem Wagen eine Höchstgeschwindigkeit von 190 km/h verleihen soll.

Die selbsttragende Coupékarosserie ist auf einem BMW-Plattformchassis aufgebaut, das an der Vorderpartie abgeändert wurde. Auch die Vorderradaufhängung stammt aus München, doch wurden die Federbeine überarbeitet; sie sind niedriger, und die Federn und Stossdämpfer sind härter abgestimmt. Unverändert übernommen wurden die unteren Querlenker und der vordere Torsionsstabilisator.

Die Hinterradaufhängung mit unteren schrägstehenden Längslenkern, Schraubenfedern und Teleskopdämpfern sowie Torsionsstabilisator stammt ebenfalls von BMW. Wie bei den High-Speed-Typen von Monteverdi wurden jedoch spezielle Koni-Stossdämpfer eingebaut. Ein Zweikreis-Servosystem wirkt auf die vorderen Scheiben- und hinteren Trommelbremsen.

Das BMW-Getriebe weist folgende Untersetzungen auf: 1. Gang 3,835:1,2. Gang 2,053:1, 3. Gang 1,345:1, 4. Gang 1,000:1, Rückwärtsgang 4,180:1. Die Hinterachsuntersetzung: 3,9:1.

Der Radstand stimmt mit 255 cm mit jenem der BMW-Modellreihe 2000 überein. Die übrigen Masse: Spur vorne 134 cm, hinten 136 cm, Länge 456 cm, Breite 172 cm, Höhe 125 cm; Gewicht vollgetankt 1075 kg.

Es wird die ZF-Lenkung mit Schnecke und Rolle benützt, und wie bei den High-Speed-Typen ist die Lenksäule zur Erhöhung der passiven Sicherheit mit doppelten Kreuzgelenken versehen. Das von den High-Speed-Modellen her bekannte Holzlenkrad setzt sich aus einem Holzkranz und drei gelochten Aluminiumspeichen zusammen. Die Ausrüstung umfasst vier Carello-Halogen-Scheinwerfer und Reifen des Typs Pirelli Cinturato 175X14 sowie einen nicht weniger als 70 Liter fassenden Benzintank.

Die Smith-Instrumente umfassende Armaturengruppe ist identisch mit derjenigen in den grossen Monteverdi-Wagen vor dem Fahrer platziert.
In seiner Gesamterscheinung wie in einigen Details ist der Monteverdi 2000 GTI stark den High-Speed-Typen nachempfunden.

Mit dem eben fertiggestellten Wagen konnte eine kurze Probefahrt unternommen werden. Die Motorleistung verleiht dem Wagen gute Beschleunigungsfähigkeit, und das Kurvenverhalten erwies sich als weitgehend neutral.

Im Extremfall neigt der Wagen zu einem gut kontrollierbaren Übersteuern; selbst auf teilweise vereisten Strassen wies sich der 2000 GTI über gute Fahreigenschaften aus. Das Versuchsfahrzeug wird nun in den kommenden Monaten einem Testprogramm unterzogen, wobei auch die Möglichkeiten der Sitzgestaltung und Innenraumaufteilung dieses 2+2-GT-Coupés untersucht werden.”


Monteverdi 2000 GTI (1968) - von hinten sind BMW-Ähnlichkeiten auszumachen
Archiv Automobil Revue

Ende und Nachfolger

Damit war das offizielle Ende des Projektes Monteverdi 2000 GTI aber bereits fast erreicht.Das Coupé wurde im Januar 1970 noch an der Zürcher Rennwagenschau gezeigt und verschwand dann von der öffentlichen Bildfläche.

Der Wagen verblieb bei Monteverdi, obschon es ein Angebot über 90’000 Franken von BMW für den Wagen gegeben haben soll, das aber wohl kaum die bis dahin aufgelaufenen Projektkosten abgegolten hätte.

Anstelle des Monteverdi 2000 GTI tauchte im Jahr 1970 dann ein BMW-Frua-Coupé mit 2,8-Liter-Motor auf. Die Automobil Revue schrieb dazu in der Ausgabe vom 20. März 1970:

“Der dritte im Bunde ist ein grünes Coupé, das sich Frua BMW 2800 GTS nennt und seine formliche Verwandtschaft mit dem Monteverdi-BMW-2000 nicht verleugnen kann."

Neben den 2,8-Liter-Coupés entstand auch noch ein BMW-Dreiliter-Coupé bei Frua, sie alle blieben aber Einzelstücke.

Überleben gesichert

Der Monteverdi 2000 GTI jedenfalls hat überlebt und stand bis vor einiger Zeit im Monteverdi-Museum. Allerdings ist er nicht mehr mit dem Mehrvergaser-Motor ausgerüstet, sondern verfügt über einen Einzelvergaser und Dreigangautomatik. Inzwischen wurde er von einem neuen Besitzer wieder in Betrieb genommen und nahm am Zurich Classic Car Award 2020 tei.


Monteverdi 2000 GTI (1968) - elegantes Coupé mit BMW-2002-Technik - Zürich Classic Car Award ZCCA 2020
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Das Frua BMW 2000 ti Coupé von 1968 ist nie mehr aufgetaucht, was wohl ein weiteres Indiz dafür ist, dass er die Basis für den Monteverdi 2000 GTI war.


Monteverdi 2000 GTI (1968) - Blick ins sportliche Cockpit
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Für die weitere Lektüre sei die hervorragend gemachte Pietro-Frua-Website von Stefan Dierkes empfohlen. Dort werden der Monteverdi 2000 GTI und das Frua BMW 2000 ti Coupé umfangreich abgehandelt.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von fi******
19.08.2020 (20:13)
Antworten
Der Wagen war heute Mittwoch, 19.August in Zürich auf dem Bürkliplatz vor der National Bank zum Bewundern ausgestellt
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