Schweizerisch-italienische Kooperation - Alfa Romeo 1900 C Super Sprint Coupé von Ghia-Aigle Lugano

Erstellt am 9. Mai 2013
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bonhams 
18
Archiv 
32

Sie tauchen nur selten auf, die Sonderkarosserien, die auf der Basis des Alfa Romeo 1900 C Super Sprint Chassis in den Fünfzigerjahren gebaut wurden. Ghia-Aigle, eine Karosseriefirma in der Schweiz, karossierte fünf dieser Coupés in ähnlichem Stil zwischen 1957 und 1959. Eines davon wird im Mai 2013 von Bonhams angeboten.


Alfa Romeo 1900C Super Sprint Coupé Ghia-Aigle (1959) - zeittypisch die Finnen auf den hinteren Kotflügeln
Copyright / Fotograf: Bonhams

Mit hochkarätigen Gebrauchswagen zu neuen Höhenflügen

Nach Ende des zweiten Weltkriegs produzierte Alfa Romeo vor allem starke und teure Repräsentationsfahrzeuge des Typs 6C 2500, die naturgemäss nur einen geringen Ausstoss erlaubten.


Alfa Romeo 1900 - Austellungs- und Demonstrationsmodell am Genfer Autosalon 1951
Archiv Automobil Revue

Im Jahr 1950 aber stellte die Firma aus Mailand den Typ 1900 vor, ein “mittelstarker Gebrauchswagen”, wie die Automobil Revue damals schrieb. Natürlich war auch der Alfa Romeo 1900 kein Brot-und-Butter-Fahrzeug, sondern er wies mit seinem Vierzylinder-Hochleistungsmotor, der sich durch zwei obenliegende Nockenwellen auszeichnete und 80 PS aus 1’884 cm3 schöpfte, durchaus sportliche Qualitäten auf.
Vorgestellt wurde die selbstragende Limousine am Autosalon von Paris im Jahr 1950. Ab 1954 gab es mit dem “1900 Super” etwas mehr Hubraum und 10 PS mehr Leistung.

Der sportlichere Abkömmling 1900 C

Bereits 1952 begann Alfa Romeo auch eine verkürzte Variante für die Liebhaber schneller und individueller Sportwagen zu fertigen. Diese erhielt die Zusatzbezeichnung “C” für “corto”, also kurz. Die Bodengruppe war für die verschiedenen Aufbauten verstärkt worden. Die Leistung wurde durch eine höhere Verdichtung und die Verwendung von Weber-Fallstrom-Doppelvergasern auf 100 PS bei 5’500 U/min gesteigert.


Alfa Romeo 1900 C (1953) - Coupé
Archiv Automobil Revue

Die vom Werk angebotenen Aufbauten stammten von Touring und Pininfarina. Das Touring-Coupé wurde in der bewährten Superleggera-Bauweise mit Gitterrohrrahmen gebaut, während das Pininfarina-Cabriolet auf Schachtelholmen und einem verstärkten Chassis basierte.


Alfa Romeo 1900 C (1954) - Cabriolet Pinin Farina
Archiv Automobil Revue
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Super Sport mit 15 PS zusätzlich

Im Jahr 1954 wurde die Leistung des “C” durch Hubraumsteigerung auf 1975 cm3 und neuer Vergaserbestückung (zwei Solex-Fallstrom-Doppelvergaser) mit 115 PS in neue Sphären gesteigert. Ab sofort hiessen die Fahrzeuge “Super Sprint” und liefen als Coupé rund 190 km/h.

Die Touring-Coupé-Karosserie wurde optisch aufgefrischt und bot mit 950 kg Leergewicht optimale Voraussetzungen für Sporterfolge. Noch deutlich sportlicher war die Variante “Disco Volante”, die eine futuristische Karosserie aufwies und mit 140 PS angekündigt wurde.

Viele Spezialkarosserien

Das Chassis des 1900C eignete sich gut für Spezialaufbauten, entsprechend entstanden unter anderem bei Pininfarina, Bertone, Zagato, Vignale und Ghia verschiedene offene und geschlossene Varianten für finanzkräftige Liebhaber.


Alfa Romeo 1900 SS Zagato (1954) - gezeigt am Concors d'Eleganza von Campione, nur 950 kg schwer
Archiv Automobil Revue

Ghia-Aigle aus der Schweiz

Firmenemblem Ghia-Aigle LuganoDr. Pierre-Paul Filippi, ein Unternehmer aus Turin, gründete 1948 die “Carrosserie Ghia S.A., Aigle”, nachdem er sich zuvor erkundigt hatte, ob er den Namen “Ghia” für eine eigenständige Firma nutzen dürfe. Vorerst baute oder übernahm man Fahrzeuge der Ghia Turin in Lizenz, aber schon früh entstanden erste eigenständige Kreationen, die ursprünglich primär aus Mario Felice Boanos und Giovanni Michelottis Feder stammten.

Als Basis für die bis 1954 in Aigle in der Westschweiz entstehenden Aufbauten wurden u.a. Chassis der Marken Alfa Romeo, Delahaye, Citroën, Panhard, Mercedes-Benz, Opel, Chevrolet, Ferrari, Fiat, Jaguar, Bentley, MG, Singer, Lincoln, Buick, Mercury, Ford, Packard, Riley und sogar Volkswagen verwendet.

1954 zog die Ghia-Aigle nach Lugano im Tessin um. Bis 1957 zeichnete vor allem Michelotti die Entwürfe, danach folgte Pietro Frua als Hausdesigner. 1958 wurde die Geschäftstätigkeit wieder nach Aigle verschoben, ab 1960 fokussierte man sich primär auf Reparaturen und die Konstruktion von Ambulanzen, Kombis und andere Geschäftsfahrzeuge. 1984 wurde die Firma liquidiert.

Das “Lugano-”Coupé von Ghia Aigle

Im Jahr 1957 präsentierte Ghia-Aigle ein von Giovanni Michelotti entworfenes Coupé auf dem Chassis des Alfa Romeo 1900 C Super Sprint am Genfer Automobil Salon.


Alfa Romeo 1900 SS Coupé Ghia-Aigle (1957) - in dieser silberfarbigen Lackierung stand der Wagen 1957 auf dem Stand der Ghia S. A. Aigle in Genf
Archiv Automobil Revue

Die Automobil Revue schrieb in der Salon-Ausgabe von 1957 dazu:
“So hat auch Ghia Lugano - das übrigens demnächst wieder nach Aigle disloziert - einen attraktiven «Spezial-Alfa» aufgebaut, und zwar als vierplätziges Coupé, das sich durch grosse Feristerflächen, Panorama-Windschutzscheibe und markant betonte Gürtellinie auszeichnet. Der Bug springt in leichter Keilform nach vorn vor und trägt die hübsche, längliche Giulietta-Maske zwischen zwei breiten, quervergitterten Öffnungen. Die Schein- werfer werden von dem auf dem ganzen Umfang nach vorn ragenden Blech überkragt.”

Diesem ersten Exemplar, das augenscheinlich bis heute in Japan überlebt hat, folgten vier weitere jeweils leicht optisch modifizierte Varianten in den Jahren danach. 

1959 karossierten die Künstler in Aigle zwei aufeinanderfolgende Chassis-Nummern (10438 und 10439), die sich nur in Details (z.B. die Einbettung der Frontscheinwerfer) unterschieden.


Alfa Romeo 1900C Super Sprint Coupé Ghia-Aigle (1959) - eines von fünf ähnlichen Ghia-Aigle-Coupés auf der Basis des 1900 Super Sprint
Copyright / Fotograf: Bonhams

Das Design wirkt bis heute elegant und klassisch, weist grosse Fensterflächen und charakteristische Finnen am Heck auf. Sofort als Alfa Romeo zu erkennen unterscheiden sich die Ghia-Aigle-Varianten deutlich vom Touring-Coupé, das wesentlich rundlicher geformt war.

Neu kostete der Alfa Romeo mit Sonderkarosserie 35’000 Franken, womit man sich knapp unter dem Preisniveau eines Mercedes-Benz 300 SL befand und rund 50% mehr zu bezahlen hatte, als die Werksvarianten von Touring und Pininfarina zu ihrer Zeit kosteten.

Einem Liebhaber und Individualisten war das damals aber wohl nicht zu teuer und er erhielt dafür denn auch ein einzigartiges Fahrzeug. Und daran hat sich bis heute nichts geändert, denn mit einem Alfa Romeo 1900 C Super Sprint Ghia-Aigle ist man auch heute an jedem Concorso d’Eleganza gut angezogen.

Der in diesem Bericht abgebildete Alfa Romeo 1900 C Super Sprint von 1959 mit Karosserie von Ghia-Aigle wird am 25. Mai 2013 von Bonhams an der Versteigerung “The Spa Classic Sale” unter den Hammer kommen. Der Schätzpreis wurde mit Euro 95’000 bis 140’000 (ca. CHF 116’000 bis 171’000) festgelegt. Es ist dies seit längerem das erste Mal, das eines dieser fünf Ghia-Aigle-Coupés öffentlich angeboten wird.

Die fünf bekannten Ghia-Aigle-Coupés auf Basis Alfa Romeo 1900 C SS

Chassis-Nummer Baujahr Farbe Kommentare
AR 1900CSS.10099 1957 dunkelgrün ausgestellt auf dem Genfer Autosalon 1957, allerdings umlackiert in Silber
AR 1900C.10438 1959 schwarz präsentiert in Villa d'Este 2001
AR 1900C.10439 1959   angeboten an der Versteigerung "Spa Classic sale" von Bonhams 2013
AR 1900C.10482 1959? dunkelblau  
unbekannt 1957 unkel mit horizontalen Heckleuchten, eventuell Ende der 60er-Jahre zerstört worden

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