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Scheunenfund des Jahrhunderts - Talbot-Lago T26 Record mit Saoutchik-Karosserie von 1949

Erstellt im Jahr 2014
, Leselänge 5min
Text:
Peter M. Larsen
Fotos:
Archiv Peter M Larsen 
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Artcurial 
5
Bruno von Rotz 
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Es gibt Scheunenfunde. Und dann gibt es Scheunenfunde. Man stelle sich dann die Reaktion vor, wenn in einem an ein abgeschiedenes Schloss im Westen Frankreichs angebauten Schuppen das Wellblech weg genommen wird, und ein lange verschollener Talbot-Lago T26 Record ans Licht kommt! Und nicht nur das; Das T26 Chassis mit der Nummer 100239 war nicht einfach mit einer gewöhnlichen Karosserie aus dem Werk ausgestattet, nein, es besitzt ein einmaliges und schnittiges Fliessheck der "Carosserie Jacques Saoutchik" in der Rue Jacques Dulud in Neuilly-sur-Seine!

Dieses unglaublich seltene und besondere Fahrzeug war einee der drei Saoutchik-Funde aus der aus 60 Fahrzeugen bestehenden Sammlung von Jacques Baillon . Alle drei gefundenen Exemplare sind grossartige Beispiele für den durchschlagenden und extravaganten Stil Pierre Saoutchiks nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ein Talbot T26 Record von 1949 (chassis 100232) wie er in Frankreich gefunden wurde
Copyright / Fotograf: Artcurial

Tatsächlich kann man die Baillon-Sammlung vermutlich als Scheunenfund des Jahrhunderts bezeichnen. Pierre Novikoff von Artcurial meinte dazu: "Never again, anywhere in the world, will such a treasure be unearthed." ("Nie wieder wird irgendwo auf der Welt solch ein Schatz ausgegraben werden."). Dieser Artikel ist der erste in einer Reihe, die einzelnen Fahrzeugen der wiederentdeckten Sammlung auf den Grund geht.

Wie alles begann...

Die Sammlung war während der 1950er-Jahre von Roger Baillon zusammengetragen worden, dem Geschäftsführer des Transportunternehmens "Enterprise Générale de Transports" in Westfrankreich und Paris. Schon als er im Jahr 1950 seinen ersten eigenen Roadster am Pariser Autosalon ausstellte, war er ein grosser Automobil-Enthusiast.

Das Speditionsgeschäft lief gut und so begann Baillon in den frühen 50er-Jahren, ähnlich wie Fritz Schlumpf, mehr und mehr Autos aufzukaufen. Die Namen sind beeindruckend: Bugatti, Hispano-Suiza, Talbot-Lago, Panhard-Levassor, Maserati, Ferrari, Delahaye und Delage und darüber hinaus besitzen viele der Fahrzeuge einmalige Karosserien der berühmtesten Karossiers jener Zeit wie Million-Guiet, Chapron und Saoutchik.

Roger Baillon's grosser Traum

Roger Baillon's grosser Traum war es, das Erbe von Vor- und Nachkriegsfahrzeugen in einem eigenen Museum, welches er auf dem Schlossgelände erbauen wollte, zu wahren. Während der 1970er-Jahre war Baillon's Unternehmen jedoch beinahe bankrott und so mussten um die 50 Fahrzeuge verkauft werden. Die verbliebenen 60 Fahrzeuge blieben in Schuppen auf dem Grundstück zurück.

Dort warteten sie nun, vergessen von der Welt, einige von ihnen teilweise schutzlos der Witterung ausgesetzt. Nichts wurde restauriert oder überhaupt je angerührt. Langsam setzte sich der Staub auf dem Glas, Pflanzen begannen um die Fahrzeuge zu wachsen während dem Spinnen ihre Netze in die Innenräume der Autos woben, die Farbe langsam aber sicher abzublättern und das Metall zu rosten begann.

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Anthony Lago stellt seinen T26 Lago Record vor

Alles begann in einer etwas glänzenderen Manier. Ende des Jahres 1946 hatte Anthony Lago seinen neuen T26 Lago Record der Presse vorgestellt. Abgeleitet vom Vorkriegs-23 CV Lago Spécial, sass der Record auf einem von 295 auf 312 cm erweiterten Fahrgestell mit einer neuen vorderen Einzelradaufhängung mit Spiralfedern. Es war ein grosses Luxus-Chassis mit sportlichen Ambitionen, wie man sie sich nur vof dem Weltkrieg hatte ausdenken können.

Der Motor war das Herz des sportlichen Wagens. Mit einem Hubraum von 4'482 cc brachte er es auf 26 Steuer-PS, daher auch der Modellname "T26". Doppelte Nockenwellen im oberen Teil des Motorblocks, grosse Ventile, halbkugelförmige Verbrennungsräume und ein guter Luftdurchlass sorgten für Leistung. Diese lag bei 170 hp bei 4'200 U/min, was den T26 zu einem Wagen mit den weltweit leistungsstärksten Personenwagen-Motoren seiner Zeit machte.

Verschiedene Werks-Aufbauten waren erhältlich, die den Record zu einem Tourer der klassischen Art machten, was auch zu ihm passte mit seinen konservativen, elegant-proportionierten Karosserien und seiner "langen, langen Motorhaube" (wie man das 1939 gerne so sagte).

Ansturm prominenter Carossiers

Trotz der Verfügbarkeit begehrenswerter Werksaufbauten boten Lago und Talbot dieses hübsche neue Chassis der gehobenen Kundschaft an. Prominente Karossiers kamen in Scharen, um den T26 Record zu gestalten. Unter ihnen auch Figoni und Saoutchik, deren Ausführungen später zu den unvergesslichsten Nachkriegs-Designs des T26 Record wurden.

Der T26 mit der Chassisnummer 100239 aus der Baillon-Sammlung trägt eine solche Einzelanfertigung, welche ohne Zugeständnis der Kosten gebaut wurde. Der Sohn von Jacques Saoutchik hatte im Jahr 1946 den täglichen Betrieb des Karosserie-Betriebs seines Vaters übernommen und entwickelte ein bemerkenswertes Talent als Designer. Anfang des Jahres 1948 hatte er bereits für einen neuen T26 Grand Sport von Lago, welcher ebenfalls Teil der Baillon-Sammlung ist, eine aussergewöhnliche und üppige Fliessheck-Coupé-Form entworfen.

Auffallend am Delahaye ist die glatte Form des keilförmigen Fliesshecks
Copyright / Fotograf: Archiv Peter M Larsen

Für das Fahrgestell 100239 wandelte Pierre Saoutchik dieses Fliessheck-Design in ein graziles Coupé für den längeren Radstand des Record um, und so entstand ein grosser 4-plätziger Personenwagen von aussergewöhnlicher Eleganz.

Vom Rand der Windschutzscheibe fällt das Dach in einer ungebrochenen eleganten Kurve bis zur hinteren Stossstange ab, was das Fahrzeug extrem lang erscheinen lässt. Eine verchromte Zierleiste, welche auch das Heckfenster umrahmt, fällt auf beiden Seiten des Fliesshecks ab und vermittelt einen Eindruck von Tiefe, während die ponton-artigen Kotflügel mit dem Grat über den Hinterrädern das Seitenprofil des Wagens dramatischer erscheinen lassen. Zudem ist das Design abgerundet durch das erhöhte Panel um die vorderen Radlaufverkleidungen sowie die vollständig verschalten Hinterräder. Insgesamt darf man von einem sehr ausgeglichenen und geschmackvollen Design sprechen.

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Voller Erfolg mit Saoutchik-Designs

Dieser interessante Stil war ein voller Erfolg für Saoutchik. Im Jahr 1950 wurden zwei Delahaye 175 entlang ähnlicher Linien gebaut. Einer davon, Chassis-Nummer 801566, war der Star am Saoutchik-Stand am Pariser Autosalon 1950.

Ein ähnlich karossierter Delahaye 175 (chassis 801566) am Pariser Autosalon 1950
Copyright / Fotograf: Archiv Peter M Larsen

Vom 100239 gibt es keine Fotos mehr aus jener Zeit und dieser aussergewöhnliche Wagen blieb bis zu seinem Fund dieses Jahr geheim. Sechs Jahrzehnte lang hat niemand dieses ausserordentliche Fahrzeug zu Auge bekommen, was seine Entdeckung noch einmaliger macht. Erst einmal restauriert, wird dieser Wagen an jedem Schönheitswettbewerb rund um den Globus willkommen sein und ein ernsthafter Kandidat für alle Arten von Auszeichnungen sein.

Das originale Interieur hat überlebt
Copyright / Fotograf: Artcurial

Nur der Anfang...

Unglaublich, aber der 100239 war nur der Anfang. Zwei weitere Talbots von Saoutchik gehören zur Baillon-Sammlung, welche in Westfrankreich gefunden wurde. In weiteren Artikeln erzählen wir vom T26 Record mit der Chassisnummer 100272 , einem unglaublich einmaligen Cabriolet, welches einst an eine Ägyptische Prinzessin verkauft und nach Cairo exportiert wurde und vom Talbo Lago T26 Grand Sport .

Der hier gezeigte Talbot-Lago T26 Record Saoutchik # 100239 wird am Freitag, 6. Februar 2015 an der Artcurial-Versteigerung an der Retromobile in Paris versteigert. Schätzungen gehen von € 120,000 bis €150,000 als Verkaufspreis aus.

Peter M. Larsen ist der Autor des preisgekrönten Buchs "Jacques Saoutchik, Maître Carrossier" , welches online unter www.daltonwatson.com bestellt werden kann.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
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