Scheunenfund des Jahrhunderts - Talbot-Lago T26 Record Saoutchik von 1948

Erstellt am 19. Dezember 2014
, Leselänge 7min
Text:
Peter M. Larsen
Fotos:
Archiv Peter M Larsen 
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Artcurial Motorcars 
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Artcurial 
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Archiv Peter Larsen 
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Der Scheunenfund, welcher kürzlich im Westen Frankreichs gemacht wurde , war eine Sensation. Unter den längst verschollenen Fahrzeugen fand sich auch ein einmaliger Talbot-Lago T26 Record mit Saoutchik-Karosserie von 1948. Er ist einer der drei Saoutchik-Funde aus der Sammlung von Roger Baillon.

Einmaliger Saoutchik-Aufbau

Der Talbot-Lago T26 Record mit der Chassis-Nummer 100272 ist der zweite der drei bedeutenden Saoutchik-Scheunenfunde aus der Sammlung des kürzlich verstorbenen Jacques Baillon. Das Auftauchen dieses extrem seltenen Fahrzeuges ist umso bemerkenswerter, als dass es für verloren geglaubt wurde. Es besitzt dasselbe Fahrgestell, denselben leistungsstarken Motor und dieselbe Mechanik wie der Talbot-Lago T26 Chassis-Nummer 100239 , von welchem wir bereits erzählten und welcher ebenfalls einer der 208 in 1948 von Talbot in Eigenfertigung produzierten T26 Record ist.


Ein neuer Talbot T26 Record (chassis 100272)
Copyright / Fotograf: Archiv Peter M Larsen

Der Grossteil dieser Autos wurde mit einer von vielen von Talbot in Eigenfertigung hergestellten Werkskarosserien versehen. 100272 ist eines der Fahrgestelle, das zu eineer prominenten Karosseriewerkstatt gelangte, um einen einmaligen Aufbau zu erhalten.

Im Jahr 1948 betrug der Preis für die Record-Karosserie alleine unglaubliche 1'165'000 Francs. Saoutchik verlangte damals 2'500'000 bis 3'000'000 Francs für eine Cabriolet-Karosserie in voller Grösse. Bei seiner Auslieferung hätte sich der Eintrittspreis für den 100272 4'000'000 Francs angenähert, mehr als genug, um zehn komplette Citroën Traction Avants zu kaufen!

Einflüsse des Hispano-Suiza Xenia

Im Jahr 1938 arbeitete Pierre Saoutchik im Auftrag von André Dubonnet am Design des berühmten Hispano-Suiza Xenia, welcher derzeit im Mullin Automobil-Museum in Kalifornien steht. Diese Arbeit war entscheidend für alle weiteren Designs von Pierre, denn als er 1946 seine Tätigkeit als Designer bei der Carosserie Saoutchik aufnahm, orientierten sich seine ersten Entwürfe alle am Xenia. Das ist deutlich erkennbar an mehreren Gestaltungsdetails von Nummer 100272.

Dazu gehören die spitze Motorhaube mit dem haifischnasen-artigen Kühlergrill, die abgerundete Form der vorderen Kotflügel mit den eingebauten Scheinwerfern und Nebelleuchten, die voll verkleideten fliessenden hinteren Kotflügel sowie das lange abgeschrägte hinteren Verdeck.


Ein wunderschönes Farbfoto aus der damaligen Zeit welches die originale Farbkombination des Talbot-Lago T26 Record #100272 zeigt
Copyright / Fotograf: Archiv Peter Larsen

100272 erhielt damals beträchtliche Publizität, da mehrere französische Zeitschriften in Artikeln über den Pariser Autosalon im Oktober 1948 Bilder des bemerkenswerten Fahrzeuges veröffentlichten. Insbesondere ein Bild ist interessant: Ein Farbfoto, welches die subtile und makellose originale grau-dunkelblaue Farbzusammenstellung mit dem Leder-Interieur in denselbem Blauton dokumentiert. Der neue Besitzer dieses Autos wird also wenig Probleme haben, es bei seiner Restaurierung in der originalen Farbe zu lackieren, sollte er dies wollen.

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Ägypten oder Kairo?

Weitgehenden Berichten zufolge war der erste Besitzer von 100272 König Farouk von Ägypten. In der Familie Baillon war der Wagen nur als "das Farouk-Auto" bekannt. Gemäss zeitgenössischen Aufzeichnungen gehörte das Fahrzeug jedoch als erstes seiner Exzellenz Salah Bey Orabi von Kairo - Bey war ein arabischer Titel vergleichbar mit Sir in England. Salah Orabi war verheiratet mit der Prinzessin Nevine Abbas Halim, welche der Ägyptischen Königsfamilie angehörte und Tochter des Prinzen Abbas Halim sowie Ururenkelin von Mohamed Ali Pasha ist.


Die Hochzeit von Sala Orabi und Prinzessin Nevine Abbas Halim
Copyright / Fotograf: Archiv Peter M Larsen

Das Paar lebte ein geborgenes priviligiertes Leben in der internationalen Oberschicht. Doch dann krachte alles über ihnen zusammen; Im Juli 1952 wurde König Farouk in der Ägyptischen Revolution gestürzt und wurde gezwungen abzudanken. So wurden die beiden zu Ausgestossenen der Gesellschaft. Prinzessin Nevine Abbas Halim ist noch am Leben und lebt zwischen Ägypten und Paris.

Langwieriger Rechtsstreit

Am 29. November 1954 um 13:30 Uhr fand im "Tribunal de Commerce du Département de la Seine" eine Anhörung in einem Prozess gegen Jacques Saoutchik statt mit Roger Baillon als Kläger. Wie kam es dazu? Im Mai 1952 hatte Baillon den 100272 von der Carosserie Saoutchik über eine Firma namens Pax Garage, welche als Zwischenhändler fungierte, erstanden. Wahrscheinlich hatte Baillon diesen Zwischenhändler vorgängig nicht näher überprüft, was sich in der Folge rächen sollte.

Die Pax Garage gehörte dem einmaligen Rennfahrer und Talbot-Lago-Händler Léon "Lino" Fayen. Im Jahr 1955 floh dieser von Frankreich nach Venezuela wegen falscher Geldgeschäfte.

Der Kauf von 100272 endete in einem langwierigen Rechtsstreit. Baillon kostete das 650'000 Francs plus 26'000 Francs für Bezugskosten und  das Erstellen der französischen Fahrzeugscheine. Es scheint, dass Prinzessin Nevine Abbas Halim im Frühjahr 1952 spürte, dass Unruhen im Land im Anmarsch waren und so exportierte sie 100272 kurz vor dem Putsch zurück nach Frankreich. Dort wurde er an Saoutchik für dringend benötigtes Geld verkauft. Warum Saoutchik den Wagen an Lino Fayen übergab, ist unklar - doch weiss mann, dass die Carrosserie Saoutchik bereits im Jahr 1952 grössere finanzielle Probleme hatte und es ist sehr wahrscheinlich, dass Jacques und Pierre Saoutchik bei der Wahl ihrer Geschäftspartner nicht wählerisch sein konnten.

Baillon zögert und wird betrogen

Aus unbekannten Gründen zögerte Baillon, nachdem er 150'000 Francs für den Wagen angezahlt hatte. Der Schriftverkehr zwischen Saoutchik und der Pax Garage wurde immer verdrossener und wütend. Am 27. September 1952 drohte Saoutchik, den Wagen wieder zurück in seinen Besitz zu nehmen und die Anzahlung von Baillon zu behalten, wenn dieser die restlichen 500'000 Francs nicht zahlte. Vielleicht hatte Baillon einen guten Grund die Zahlung zurückzuhalten, während dem die Pax Garage jeden Monat Miete für die Unterbringung des Autos verrechnete.

Mindestens 200'000 Francs an Zollgebühren für den Import aus Ägypten standen noch offen und möglicherweise hatte Saoutchik Probleme, das benötigte Geld aufzubringen. Im November 1952 überwies Roger Baillon das Geld an die Pax Garage. Trotzdem erhielt er die dazugehörigen Dokumente nie und konnte den Wagen deshalb nicht benutzen. Der Kaufabschluss endete schliesslich in einer ganzjährigen Gerichtsverhandlung, in der Baillon beide, Saoutchik und die Pax Garage, verklagte. Die Pax Garage wurde angewiesen, Baillon zurückzuzahlen, doch wurde sie bald als bankrott gemeldet und war damit zahlungsunfähig. Daraufhin versuchte Baillon, wenigstens sein Geld von Saoutchik zurück zu bekommen, doch dafür war es auch schon zu spät. Am 30. November 1954, am Tag nach der Gerichtsverhandlung im Tribunal de Commerce, wurde auch die Carrosserie de Luxe Jacques Saoutchik als bankrott erklärt.

Hier soll angemerkt werden, dass das Dossier, welches die gesamten historischen Dokumente zum Fall sowie zum Schriftwechsel zwischen Saoutchik und der Pax Garage beinhaltet, zusammen mit Talbot-Lago 100272 an der Auktion in Paris im Februar 2015 versteigert wird.

Am Ende behielt Baillon lediglich den Wagen mit Fahrgestellnummer 100278. Diesen parkte er in einem Schuppen auf dem Grundstück seines Schlosses und 100272 verschwand so aus dem Blickfeld und dem Gedächtnis aller Beteiligten. Bis zur erstaunlichen Entdeckung im Jahr 2014 glaubte man den Wagen verloren.

Scheunenfund in gutem Zustand

Auch wenn der 100272 etwas unter der Witterung unter Jacques Baillons Eigentümerschaft litt, so behielt er doch den Grossteil seiner originalen und einzigartigen Zierleistenteile. Es bleibt ein einmaliges Cabriolet, welches garantiert keinen Betrachter kalt lässt.

Das zweifarbige Farbschema gepaart mit dem schicken Schwung der Linien der Kotflügel, der elegante an der Karosserie montierte Druckknopfmechanismus der Türen, das Verdeck von Saoutchik, das komplett verschwindet, wenn man es öffnet, die massiven verchromten Muscheln sowie der wie ein Gebiss aussehende Kühlergrill vereinigen sich in ein em einzigartigen Ensemble.

Die Gelegenheit, einen solchen Wagen in einem wiederherstellbaren Zustand zu erstehen, ist einmalig. Obgleich  100272 im Buch "Jacques Saoutchik, Maître Carrossier" von Peter M. Larsen und Ben Erickson gut dokumentiert ist, kommt seine Wiederentdckung einer Sensation gleich.


Talbot-Lago T26 Record #100272 auf dem Weg zur Artcurial-Auktion und somit zu seinem neuen Besitzer
Copyright / Fotograf: Artcurial Motorcars

Schon jetzt ist vorauszusehen, dass der komplett restaurierte Talbot-Lago T26 Record 100272, zu einer Attraktion jedes Concours und jedes Auftritts werden wird. Magazine werden sich darum reissen, den Wagen zu fotografieren, Oldtimerveranstaltungen danach lechzen, dem eleganten Cabriolet eine Bühne zu bieten.

Und es geht weiter...

Dies ist der zweite von drei Artikeln über die faszinierenden Saoutchik Talbot-Lagos aus der Baillon-Sammlung. In einem dritten Bericht werden wir den Jahrhundertfund mit einem Artikel über den T26 Grand Sport , welcher von Saoutchik direkt bei Talbot bestellt und von ihm als Vorführwagen für seine Karosseriewerkstatt benutzt wurde, abrunden.

Der Talbot-Lago T26 Record Saoutchik # 100272 wird am Freitag, 6. Februar 2015 an der Artcurial-Versteigerung an der Rétromobile-Messe in Paris versteigert. Schätzungen gehen von einem Verkaufspreis von € 250'000 bis € 350'000 aus.

Peter M. Larsen ist der Autor des preisgekrönten Buchs " Jacques Saoutchik, Maître Carrossier " , welches online unter www.daltonwatson.com bestellt werden kann.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ha******
24.12.2014 (20:06)
Antworten
Diese Fahrzeuge sollte man genau so wie sie sind erhalten und ausstellen
Restaurieren verboten!!!!!
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