Scheunenfund des Jahrhunderts – Maserati A6G 2000/54 Gran Sport Coupé mit Karosserie von Frua

Erstellt am 16. Januar 2015
, Leselänge 7min
Text:
Stefan Dierkes
Fotos:
Christian Martin - Courtesy Artcurial 
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Remi Dargegen - Courtesy of Artcurial 
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Dr. Eberhard Seifert, Archiv Walter Bäumer - Courtesy Artcurial 
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Archiv Stefan Dierkes 
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Archiv 
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Der Maserati A6G 2000/54 Gran Sport mit der Fahrgestellnummer 2140 und einer Coupé-Karosserie von der Carrozzeria Pietro Frua in Turin ist das zweithöchst bewertete Fahrzeug aus der Sammlung Roger Baillon, die auf der Rétromobile 2015 zum Verkauf steht. Er war seit 1959 verschollen und ist eines von nur vier gebauten Fahrzeugen.


Maserati A6G 2000/54 Gran Sport (1956) - eine der elegantesten Frua-Kreationen überhaupt
Copyright / Fotograf: Christian Martin - Courtesy Artcurial

Modellgeschichte

Maserati nahm einen langen Anlauf, um neben Rennwagen auch in die Produktion von Seriensportwagen einzusteigen. Das erste, von 1946 bis 1950 gebaute Modell 1500 Gran Sport (Tipo A6, wobei A für den Firmenmitgründer Alfieri und 6 für die Zylinderzahl steht) erwies sich mit seinem 65 PS 1,5-Liter-Motor als zu schwach und wurde in nur 61 Exemplaren mit – bis auf ein Zagato Coupé – Pinin Farina Coupé-Karosserie gebaut.
Von 1951 bis 1953 folgte der auf 2 Liter Hubraum aufgebohrte A6G 2000 (G für Grauguss; ital. Ghisa) mit 100 PS, von dem 16 Fahrzeuge davon 9 Pinin Farina Coupés, 5 Frua Spider, 1 Frua Coupé und 1 Vignale Coupé gebaut wurden.


Maserati A6G 2000/54 Gran Sport (1956) - Motor der schnellen Zweiliter-Maserati-Sportwagen
Archiv Automobil Revue

Doch erst das Modelljahr 1954 brachte mit dem A6G 2000/54 (oder kurz A6G/54) und dem auf 120 bis 125 PS erstarkten Motor die Anerkennung der Sportwagenfahrer. Die Karosserien stammten, nachdem Pinin Farina inzwischen exklusiv für Ferrari karossierte, nun von Allemano (21 Coupés), Zagato (20 Coupés, 1 Spider) und Frua.

Nach der 1. Karosserieserie für den A6G 2000 in 1950 kann bei den ab 1954 gebauten Frua-Karosserien  eine 2. Serie mit kurzer Front („Shortnose“; 4 Coupés) und ab Ende 1956 eine 3. Serie mit langem Frontüberhang („Longnose“; 2 Coupés, 10 Spider) unterschieden werden. Zusätzlich baute Frua in seiner 2. Serie noch 3 Spider auf Basis des  A6GCS/53-Rennchassis mit verkürztem Radstand:  ein Exemplar (#2054)  mit A6GCS/53-Motor mit Trockensumpfschmierung und Zahnradsteuerung und die anderen beiden (#2109, #2110) mit A6G/54-Motor mit Druckumlaufschmierung und kettengetriebenen Nockenwellen.

Die Frua-A6G Shortnose-Coupés

Das erste, weißlackierte Coupé der 2. Karosserieserie (#2063) wurde auf dem Turiner Salon 1954 präsentiert. Maserati hatte im Rahmen der Vorbereitungen für den Salon bei den Karosseriebauern Frua und Pinin Farina erheblichen Zeitdruck ausgelöst. Beide brachten ihre Fahrzeuge erst mit Verspätung auf den Salon. Die Automobil Revue schreibt am 28. April 1954: „Das neue langgestreckte und niedrige Pinin Farina Coupé musste noch schnell neu gebaut werden, nachdem der ursprünglich vorgesehene Wagen in der Sizilienrundfahrt schwer beschädigt wurde. Das Frua Coupé auf dem für eine Serie von Reisesportwagen vorgesehenen Chassis, war bei der Eröffnung des Salons ebenfalls noch nicht fertig, ist aber noch kurz vor Redaktionsschluss erschienen.“

Im Nachbericht vom 5. Mai 1954 schreibt AR-Korrespondent Rodolfo Mailander: „Maserati baut wieder Tourensportwagen... und zeigte ein sehr elegantes Coupé mit Karosserie von Frua. Auf den schnellen Zweiliter-Rennsportwagen von Maserati, der am vergangenen Sonntag in der Mille Miglia einen vielbeachteten dritten Platz herausfuhr, zeigte Pinin Farina ein höchst eigenartig anmutendes, wegen Zeitmangels nicht ganz fertig gewordenes Coupé.“

Frua konnte also den Schönheitswettbewerb in den Augen des Korrespondenten für sich entscheiden. Noch heute werden Fruas A6G/54 Shortnose-Coupés zu seinen schönsten Kreationen gezählt und die beiden restaurierten Fahrzeuge #2103 und #2114 gewinnen regelmäßig ihre Klasse bei den Concours d´Elegance dieser Welt. Das erstgebaute Fahrzeug #2063 und das nachfolgend vorgestellte, zuletzt gebaute #2140 galten dagegen bisher als verschollen. Bis jetzt.


Maserati A6G 2000/54 Gran Sport (1956) - hinreissende Silhouette
Copyright / Fotograf: Christian Martin - Courtesy Artcurial
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Fahrgestell #2140 und seine Geschichte

Für das vierte und letzte Coupé aus Fruas 2. Karosserieserie für den Maserati A6G wurde das Chassis #2140 am 9. Februar 1956 an die Carrozzeria Frua in Turin geliefert. Frua war mitten im Umzug in größere Räumlichkeiten und benötigte für die Fertigstellung der Karosserie statt wie sonst wenige Wochen fünf Monate. Die Rücklieferung an Maserati erfolgte erst am 6. Juli 1956. Der in Modena mit dem Motor mit der internen Motornummer 76 und der optionalen Marelli-Doppelzündung komplettierte Wagen wurde am 2. August 1956 über den französischen Maserati-Importeur Ets. Thépenier im Pariser Vorort Saint-Cloud und den auf der anderen Seite des Seine-Bogens im Pariser Stadtteil Passy angesiedelten Garage Mirabeau an seinen ersten Besitzer, den Pariser Architekten und Bauingenieur Jacques Fildier, ausgeliefert. Der Wagen wurde zuvor am selben Tag, dem 2. August 1956, verzollt und mit dem Kennzeichen 1007-FH 75 zugelassen. Die Maserati-Rechnung, die jedoch nur das Chassis betraf,  lautete auf 2,5 Mio. italienische Lire. Eine weitere Rechnung in Höhe von ca. 1,7 Mio. Lire dürfte Pietro Frua für die Karosserie ausgestellt haben, so dass der von der Automobil Revue (27. April 1955, S 18) veröffentlichte Kaufpreis für ein Fahrzeug der Modellreihe Maserati A6G 2000/54 von 4,2 Mio. Lire erreicht wurde.


Maserati A6G 2000/54 Gran Sport (1956) - auf dem Maserati-Stand am Pariser Autosalon 1956
Copyright / Fotograf: Dr. Eberhard Seifert, Archiv Walter Bäumer - Courtesy Artcurial

Der schwarz lackierte Wagen mit beiger Lederausstattung wurde vom Importeur Thépenier im Oktober 1956 auf dem Maserati-Stand des 43. Pariser Salons ausgestellt. Thépenier hatte in der Not das Fahrzeug ausgeliehen, da der erste bei Frua bestellte A6G/54 Longnose-Spider mit dem Chassis #2180 nicht rechtzeitig zum Begin des Salons fertig wurde. Das Foto von Automobil Revue Fotograf Dr. Eberhard Seifert zeigt das Coupé #2140 mit dem großen, ungewöhnlich konkaven Kühlergrill. Dieses Stilmerkmal hatte Frua – vermutlich inspiriert durch Harry Earls 1951 vorgestellte Konzeptstudie Buick X-300 – bereits bei seinem 1953 in Paris gezeigten Nardi Spider und dem ersten A6G/54 Coupé (Chassis #2063) von 1954 verwendet.

Schon im Folgejahr fand der Wagen am 12. Juli 1957 in Marcel Chalas aus Paris einen neuen Besitzer. Vermutlich war es auch Chalas, der – möglicherweise nach einem Frontschaden – von Frua den Kühlergrill durch die weniger aggressive, plane Version des zwischenzeitlich auf dem Markt befindlichen Longnose-Modells ersetzen ließ.

Mit der geänderten Front aber unverändertem Kennzeichen seiner Pariser Erstzulassung ist der Wagen im Mai 1959 im amerikanischen Ladies´ Home Journal in einer Anzeige des New Yorker Kosmetikherstellers Coty abgebildet. Das von dem auch für das Modemagazin Harper´s Bazaar tätigen Starfotografen Gleb Derujinsky in Paris auf dem Place de la Concorde fotografierte Motiv illustriert den Slogan der Anzeige für das neue „Flammrosa“ der Kosmetikprodukte „Rue de la Pink“: „Die Farbe, die den Verkehr in ganz Paris stoppt“.


Maserati A6G 2000/54 Gran Sport (1956) - Chassis 2140 (vorn links) mit dem Kennzeichen 1007-FH 75 auf einem Foto des New Yorker Modefotografen Glen Derujinsky für den Lippenstift Rue de la Pink des New Yorker Kosmetikerstellers Coty; im Hintergrund einer der beiden Brunnen auf dem Place de la Concorde in Paris
Copyright / Fotograf: Archiv Stefan Dierkes

55 Jahre im Besitz der Sammlung Baillon

Ende des Jahres, am 17. Dezember 1959, erwarb schließlich der Pariser Transportunternehmer Roger Baillon das Frua Coupé. Ein Foto aus seinem Nachlass zeigt das noch unveränderte Fahrzeug. Der Wagen war bei ihm jedoch im Gegensatz zu dem Großteil seiner Sammlung von über 200 Fahrzeugen nicht zum Stillstand verdammt sondern wurde zumindest gelegentlich genutzt.

Deutlich wird dies unter anderem dadurch, dass er im Jahr 2000 eine neue Zulassung im Department Haute-Seine mit dem Kennzeichen 267-CMP 92 erhielt. Auch wurde der Maserati auf Baillons Landschlösschen Château Gaillard in Échiré nicht – wie der Rest der Sammlung – unter behelfsmäßigen Wellblechdächern im Freien abgestellt, sondern erhielt einen geschützten Platz in der Garage neben seinem Ferrari 250 SWB California Spider (Chassis #2935GT). Vermutlich ebenfalls in den 1960er-Jahren erhielt das Dach des Maseratis eine türkisblaue Lackierung.


Ferrari 250 GT California SWB und Maserati A6G 2000 Berlinetta Grand Sport Frua - Collection Baillon
Copyright / Fotograf: Remi Dargegen - Courtesy of Artcurial

Den Konkurs der Société des Transports R. Baillon am 18. Januar 1978 und die anschließenden Zwangsversteigerungen von 60 Fahrzeugen der Baillon-Sammlung am 23.–24. Juni 1979 sowie von weiteren 32 Autos am 20. Oktober 1985 überstand der Maserati. Als Roger Baillon 1996 starb, erbte sein Sohn Jaques die verbliebene Sammlung von 114 Fahrzeugen. Jaques Baillon versuchte den Maserati wieder zum Laufen zu bringen, erkundigte sich im Jahr 2000 bei Maserati nach technischen Daten und begann 2009 die Kupplung zu reparieren sowie die Vergaser durch direkte Spritzufuhr aus provisorisch befestigten Einwegspritzen zu beleben.


Maserati A6G 2000/54 Gran Sport (1956) - weitgehend komplett erhaltenes Interieur
Copyright / Fotograf: Christian Martin - Courtesy Artcurial

Als auch Jaques 2013 starb, beschlossen Roger Baillons Enkel nach langen Überlegungen den Verkauf eines weiteren Teils von 59 Fahrzeugen der Sammlung. Ein Anruf beim Auktionshaus Artcurial und die erste Besichtigung am 30. September 2014 lösten mit einer Artcurial-Pressemitteilung am 5. Dezember 2014 die Marketingkampagne „ Scheunenfund des Jahrhunderts “ aus.

Der in diesem Artikel dokumentierte Maserati A6G 2000/54 Frua Coupé Grand Sport (Chassis #2140) wird am Freitag, den 6. Februar 2015, an der Artcurial-Versteigerung bei der Rétromobile in Paris ausgestellt und versteigert. Der Schätzwert des Auktionshauses liegt bei 800.000 bis 1.200.000 €.

Der Autor Stefan Dierkes führt das Registro Pietro Frua und dokumentiert das Leben und Werk von Pietro Frua mit detaillierten Fahrzeughistorien der auf seiner Website www.pietro-frua.de .

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von hv******
13.10.2020 (16:15)
Antworten
Noch immer wird die Zulassung an dem Jahr 1968 gekoppelt. In wirklichkeit ist sie aber von viel später. Drei mittlere Buchstaben sind im Departement Hauts-de-Seine (92) erst ab 1994 in Gebrauch, und die Buchstaben kombination CMP stammt denn auch aus 1999 (CDY-CQB)
Antwort von Stefan Dierkes
14.10.2020 (11:19)
Hallo,
vielen Dank für diese interessante Information, die ich mit Hilfe der Jahreslisten (www.inaxys.com/home.php?page=lastyear) nachvollziehen konnte. Das wirft nun natürlich die neue Frage auf, wie der nicht fahrbereite Wagen 1999 zugelassen werden konnte. Ich werde mich mal mit dem aktuellen Besitzer Jonathan Segal in Verbindung setzen, ob er dazu klärende Unterlagen mit dem Maserati erhalten hat.
Viele Grüße
Stefan Dierkes
Antwort von Stefan Dierkes
15.10.2020 (16:56)
Der Text ist im Artikel und auf meiner Website korrigiert. Vergabe der Buchstabenkombination CMP war aber im Jahr 2000 (nicht: 1999). Nochmals Danke für den Hinweis.
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