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Porsche 964 Carrera 4 WTL - breite Backen vom Werk

Erstellt am 27. März 2019
, Leselänge 7min
Text:
Lucio Pompeo
Fotos:
Bruno von Rotz 
51
Porsche AG 
6
Archiv Porsche AG 
5
Porsche AG / Porsche Schweiz AG 
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Porsche 964 WTL (1994) - könnte auch ein Turbo sein, von vorne sieht man den Unterschied kaum
Porsche 964 WTL (1994) - die zusätzliche Breite hilft dem Fahrverhalten
Porsche 964 WTL (1994) - ist auch heute noch ein schneller Sportwagen
Porsche 964 WTL (1994) - aus dieser Perspektive sahen ihn wohl die meisten
Porsche 964 WTL (1994) - die zusätzliche Breite verschlechterte die Aerodynamik minimal
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Mit der Präsentation des Porsche 930 Turbo schuf das Werk eine neue Breite, spricht der klassische 911 wurde deutlich breiter. Nicht nur den Turbo-Käufern gefiel dieser neue Look, daher bot Porsche auch bald für normale 911er die breiten Kotflügel an. Und hielt daran bis heute fest.

Bild Porsche 964 WTL (1994) - klassische Porsche-Silhouette mit kräftigen Stossfängern
Porsche 964 WTL (1994) - klassische Porsche-Silhouette mit kräftigen Stossfängern
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Breitbau ab Werk

Porsche-affine Leser werden bereits wissen, dass WTL für „Werks Turbo Look“ steht. Eigentlich sollte die Verbreiterung ursprünglich nur „Turbo Look“ (TL) genannt werden, aber ähnlich wie bei den Leistungssteigerungen (WLS = Werksleistungssteigerung) hat sich in der gängigen Porsche-Sprache der Zutat „W“ etabliert, um Veränderungen direkt ab Werk zu bezeichnen.

Kein Jubi

Manche Enthusiasten werden sich doch fragen, ob der für diesen Bericht porträtierte Youngtimer nicht doch ein „Jubi“ sei. So lautete die Abkürzung für das im März 1993 auf dem Genfer Automobilsalon vorgestellte Jubiläumsmodell "30 Jahre 911".  Die Antwort lautet: Nein, aber …

Bild Porsche 964 WTL (1994) - viel besser als Schienenverkehr
Porsche 964 WTL (1994) - viel besser als Schienenverkehr
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Der „Jubi“ war ein auf 911 Stück limitiertes Sondermodell, der die Mechanik des Carrera 4 nutzte, jedoch die Turbo-Karosserie mit den weit ausgestellten vorderen und hinteren Kotflügeln und den verbreiterten Stoßfängern erhielt, sowie eine breitere Hinterachse und serienmässige 17-Zoll Cup-Felgen. Zusätzlich hatten die „Jubi“ mehrere Plaketten und Schriftzüge, die die Limitierung unterstrichen.  Die „Jubi“ Serienfarbenwahl war jedoch auf drei Metallic-Farben limitiert: Viola, Amethyst und Polarsilber.

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Mehr Farben auch für Breite

Obwohl bekannt ist, dass eine sehr geringe Anzahl von Jubiläumsmodellen auch in Schwarz-Metallic und in Indischrot gefertigt wurde, entschieden sich viele Kunden, die damals mit den  Standard-Farben wenig anfangen konnten, für einen WTL. Technisch identisch mit dem „Jubi“, jedoch ohne die Stückzahlen-Limitierung und ohne Plaketten und Beschriftungen, dafür aber in der Wunschfarbe.

Bild Porsche 964 WTL (1994) - von der Seite kaum von einem normalen 964 zu unterscheiden
Porsche 964 WTL (1994) - von der Seite kaum von einem normalen 964 zu unterscheiden
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

WTLs wurden von den Porschezentren mehr oder minder deutlich als „Jubi mit Wunschfarbe“ positioniert. Da WTLs normalerweise ohne Modellbezeichnung am Heck ausgeliefert wurden (die Option 498 „Entfall der Modellbezeichnung am Heck“ war Standardausstattung), bestellten einigen Kunden bzw. Porschezentren gleich die „911 30 Jahre“ Heck-Plakette mit (wie beim roten WTL des vorliegenden Berichts).

Eigentlich kann man den WTL als eine Art Unterwanderung der „Jubi“-Limitierung ansehen. Porsche war damals nahe am finanziellen Abgrund und man kann sich gut vorstellen, dass jedes verkaufte Auto zählte. Oder hätte Porsche einen Kunde, der einen roten „Jubi“ wollte, abweisen sollen?

Im Untergrund?

Bezeichnend ist auch die Tatsache, dass es keine Erwähnung des individuell bestellbaren Carrera 4 Turbo Look Coupé in den normalen Prospekten/Preislisten für das Montagejahr 1993/94 gab. Einzig die Typenpreisliste "Modelljahr 93" erwähnt "Carrera 4 Coupé Turbolook" als eigene Einheit.

Wer versucht, bezüglich des 964 WTL schlauer zu werden, stösst auf eine dünne Faktenlage. Am „Turbo Look Register“ führt kein Weg vorbei.

Initiator Norbert Franz hat in über zehn Jahren Recherche zuverlässige Informationen und Daten zusammengetragen, die sonst nirgends zu finden sind. Die in diesem Bericht enthaltenen Fakten stammen vorwiegend aus dieser Quelle, die wir zur Vertiefung des WTL-Themas nur weiterempfehlen können.

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Unveränderte 964 Carrera 4 Basis

Zur allgemeinen Entstehungsgeschichte und technische Neuerungen des 964 wurde bereits in einem früheren Artikel berichtet. Und da der WTL (und der „Jubi“) auf dieselben mechanischen Basis stehen, ist der bereits publizierten Schilderung auch wenig hinzufügen.

Bild Porsche 964 C2 (1988) - mit Tiptronic - Durchsichtszeichnung
Porsche 964 C2 (1988) - mit Tiptronic - Durchsichtszeichnung
Copyright / Fotograf: Porsche AG

Interessanterweise waren die ursprünglichen Porsche-Pläne um einiges ambitiöser. Der Jubi/WTL sollte Turbo-Bremsen und –Fahrwerk, eine erweiterte Ausstattung sowie einen leistungsgesteigerten Triebwerk erhalten. Was viele nicht wissen:  es gab eine Werksleistungssteigerung beim 964 ab 92/93, auf Basis des 3.6 Liter-Motors: diese sollte beim Jubi/WTL Anwendung finden, was aus Kostengründen aber nicht geschah. Es gibt aber anscheinend 2 oder 3 WTLs, welche die WLS auf Kundenwunsch verbaut haben.

Bild Porsche 964 WTL (1994) - der luftgekühlte Sechszylinder-Boxermotor
Porsche 964 WTL (1994) - der luftgekühlte Sechszylinder-Boxermotor
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Auch für die Amerikaner

Der limitierte „Jubi“ war nicht für den Verkauf in Nordamerika vorgesehen. Die Vorstellung des „Carrera 4 Coupé Wide-Body - 30 Years of Excellence“ (nichtoffizielle Namensgebung: "USA-Jubi") erfolgte erst 1994 – der 911 war schliesslich in den USA erst 1964 vorgestellt worden – und schloss damit die Marktlücke.

Die „USA-Jubis“ hatten weder eine Stückzahlen-Limitierung noch eine besondere Ausstattung und Farbgebung. Technisch waren sie wiederum praktisch identisch mit „Jubi“ und „WTL“, bis auf die übliche „Amerikanisierung“ (Pralldämpfer, Seitenblinker, dritte Bremsleuchte und eine umfangreichere Serienausstattung).

Bild Porsche 964 WTL (1994) - die Cup-Felgen machen sich gut
Porsche 964 WTL (1994) - die Cup-Felgen machen sich gut
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Selten

Insgesamt wurden 191 WTL produziert, zusätzlich zu den 911 „Jubis“ (von denen eigentlich nur 894 nachgewiesen sind) sowie den 267 „USA-Jubis“, was eine Gesamtstückzahl der „Jubi/WTL-Familie“ von 1352 Exemplaren ergibt. Als Vergleich, die begehrten 964 RS und 964 Speedster wurden 2282 beziehungsweise 1506 mal gebaut. Der 964 turbo 3.6 kam auf ähnliche Stückzahlen (1587). Der Jubi/WTL-Nachfolger 993 Carrera 4S wurde sogar 7242 mal gebaut.

Die 191 WTL gingen vor allem nach Deutschland (164), Österreich (11) und Schweiz (7). Beliebteste Farben waren Schwarz (80, davon 51 in Metallicausführung), Nachtblau (37) und Indischrot (28), aber die Liste der Farben ist sehr lang und exotisch, was in der Natur des WTLs lag.

Von den 191 WTL sind deren 153 im Turbo-Look-Register eingetragen, womit ein hoher Anteil von rund 80 % dokumentiert ist. Schaut man sich die registrierten Autos an, stellt man fest, dass viele davon grössere Räder und grosse Heckflügel gespendet erhielten. Dies wäre ja eigentlich nicht nötig gewesen, denn aus optischer Sicht ist der 964 WTL ein Traum für Porsche-Puristen. Er weist noch die alte, klassische Linie auf, frei von Flügeln und Spoilern, jedoch gemischt mit etwas mehr Muskeln, ohne jedoch gleich “comic-mässig” zu wirken. Die 17‘‘-Räder mit dem ikonischen Cup-Design passen perfekt zu den Proportionen.

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Ein 964 WTL in der Schweiz

Der vorliegende WTL  ist ein Schweizer 1994er Auto, eines von sieben Exemplaren. Nimmt man Platz im Auto, erkennt man sofort die typischen Porsche-Tugenden: Gute Sitzposition, komfortable Sitze mit gutem Seitenhalt, ausgezeichnete Rundumsicht, vollständige Instrumentierung. Auch die erste Fahreindrücke zeigen ganz klar, dass unten dem schönen Kleid die bewährte Carrera 4-Mechanik steckt. Motor und Getriebe fühlen sich genauso an, wie man es sich von einem Carrera 4 gewöhnt ist: viel Drehmoment, das charakteristische Geräusch des luftgekühlten Boxers, präzise zu schaltendes 5-Gang-Getriebe.

Bild Porsche 964 WTL (1994) - sportlicher Arbeitsplatz
Porsche 964 WTL (1994) - sportlicher Arbeitsplatz
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Trotz der breiten Backen ist der WTL immer noch ein vergleichsweise schmales Auto (mit 1.775 Metern Breite ist er noch kompakter als ein aktueller Golf), so dass enge Landstrassen nie zum Problem werden.

Ähnlich und doch anders

Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit sind naturgemäss minimal schlechter als beim Carrera 4 (40 kg Mehrgewicht, mehr Roll- und Luftwiderstand). So verliert der WTL beim Spurt von 0 bis 100 km/h 0.2s auf den schmalen 964 Carrera 4. Zudem liegt die Spitze um 6 km/h niedriger. Subjektiv kann man diese Unterschiede kaum wahrnehmen. Und die 5.7 Sekunden, in denen der WTL von 0 auf 100 beschleunigt, sowie die Spitze von 255 km/h reichen allemal aus, um auch heutzutage noch richtig schnell unterwegs zu sein.

Bild Porsche 964 WTL (1994) - handlich und agil
Porsche 964 WTL (1994) - handlich und agil
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die Fahrwerksmodifikationen gegenüber einem standard-bereiften 964 kann man aber sehr wohl fühlen: Die breite Reifen und die weitere Spur liefern mehr Grip, das Auto liegt satter auf der Strasse und ist auch etwas präziser zu lenken. Ohne Einbusse beim Fahrkomfort ist auch der WTL, genauso wie der Basis-964, ein komfortabler, fahrsicherer Sportwagen, der sowohl auf der Autobahn als auch auf winkligen Landstrassen viel Spass bereitet.

Schwierige Wertbestimmung

Aus Sammlersicht ist der 964 WTL sicher ein interessanter und seltener Youngtimer. Die spannende Frage ist, welcher breite 964 wertvoller ist: Der limitierte „Jubi“ (911 Stück) oder der nicht-limitierte, jedoch deutlich seltenere WTL (191 Stück)?

Stückzahlen-Limitierungen spielen vor allem vor dem Kauf eine wichtige Rolle. Der Neuwagen-Käufer erhält damit die Zusicherung, dass die Stückzahlen begrenzt sind und eine Wertsteigerung wahrscheinlich ist. Im Nachhinein aber sind die effektiven Stückzahlen massgebend, auch wenn ursprünglich gar keine entsprechenden Zahlen genannt wurden.

Bild Porsche 964 WTL (1994) - der WTL ist selten
Porsche 964 WTL (1994) - der WTL ist selten
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Ganz gleich, ob man sich für einen „Jubi" oder einen WTL entscheidet, für die Wertermittlung zählen vor allem Originalität, Zustand und Historie. Und bei den ganzen Überlegungen zu Marktattraktivität und Bewertungen, sollten Fahrspass und Freude am Auto nicht zu kurz kommen. Und da kann man mit beiden Varianten nicht falsch liegen.

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Bild Porsche 964 WTL (1994) - im Werks-Turbo-Look
Quelle:
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von Si******
04.04.2019 (09:35)
Antworten
Schöner Artikel und super Fahrzeug!
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