Pierce-Arrow Silver Arrow von 1933 - der Zeit um fast zehn Jahre voraus

Erstellt am 20. Juli 2017
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Darin Schnabel - Courtesy RM Sotheby's 
45
Academy of Art University Automobile Museum 
1
Paul Miller - Courtesy Stephen Miller / RM/Sotheby's 
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Bruno von Rotz 
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Archiv 
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Für die Besucher der New York Autoshow im Januar 1933 muss der Pierce-Arrow Silver Arrow fast wie ein Raumschiff aus der Zukunft gewirkt haben. Zwar wies der Wagen wie die übrigen ausgestellten Fahrzeuge vier Räder auf, doch die Linienführung unterschied sich deutlich von den kantigen und wenig windschlüpfigen Autos der Konkurrenz. Schon im Stand sah der Wagen aus, als würde er über 100 Meilen pro Stunde fahren, doch sein mächtiger Zwölfzylinder ermöglichte ihm noch eine deutlich höhere Spitzengeschwindigkeit.


Pierce-Arrow Silver Arrow (1933) - nahe an der Pontonform - revolutionär für 1933
Copyright / Fotograf: Darin Schnabel - Courtesy RM Sotheby's

Lange Tradition

Pierce-Arrow konnte bereits 1933 auf eine lange Automobilbau-Tradition zurückschauen. Bereits 1896 produzierte die G. N. Pierce Company Inc. Fahrräder, um 1900 wurden bereits erste Fahrversuche mit Automobilen gemacht, um zu eruieren, ob sich der Dampf- oder der Benzinmotor-Antrieb besser für einen Wagen eigne. Der Benzinmotor gewann, aber nur deshalb, weil die Achse des Dampfwagens bei der Probefahrt des Firmenbesitzers brach. Mit einem DeDion-Motor entstand dann das erste Pierce-Auto, gekauft wurde es von einem Ingenieur namens David Fergusson, der davon so begeistert war, dass es als Konstrukteur zu Pierce ging. Die unter seiner Leitung gebaute Pierce Motorette verkaufte sich 1902 beeindruckende 102 mal.

Schnell wuchs die Grösse der Motoren und der Autos. Der 1904 präsentierte “Golden Arrow” gehörte bereits in die Luxusklasse, einer Positionierung, der Pierce treu bleiben wollte.

Erfolg an der Spitze

Pierce baute immer bessere und stärkere Fahrzeuge, beteiligte sich erfolgreich an Wettfahrten im In- und Ausland und weihte im Jahr 1906 die damals modernsten Produktionsanlagen weit und breit in Elmwood New York ein. 1907 kam der erste Sechszylinder, 1909 wurde der Firmenname auf “Pierce-Arrow Motor Car Company” geändert. Dank eigener Karosserieabteilung in Elmwood konnte Pierce-Arrow Komplettfahrzeuge liefern und dies in grossen Stückzahlen. 1913 bereits konnten 2000 Exemplare verkauft werden, nur unwesentlich weniger als die 2300 Stück, die bei Packard entstanden. Pierce-Arrow gehörte zu den grossen Luxusanbietern in den USA.


Pierce-Arrow Model 41 (1931)
Archiv Automobil Revue

Im Gegensatz zur Konkurrenz verpasste man es dann aber in Elmwood, einen V8-Motor zur Serienreife zu bringen, man blieb beim Reihenmotor. Dies war allerdings nicht alleine der Grund, dass man in Schwierigkeiten geriet.

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Schwierige Jahre

Die Konkurrenz preschte mehr und mehr vor. Neukonstruktionen behielten Pierce-Arrow zwar im Rennen, aber das reichte nicht.
Schliesslich verkauften die Pierce-Eigner ihre Aktien 1928 an Studebaker. Neues Geld ermöglichte neue Autos und trotz Wirtschaftskrise konnten 1929 10’000 Automobile verkauft werden. Aber Cadillac rüstete weiter hoch, brachte den Sechzehnzylinder. Pierce konterte mit einem V12, der bis 150 PS stark auch für Geschwindigkeitsrekorde gut war.

Doch 1933 musste Studebaker in der Wirtschaftskrise Konkurs anmelden, der Retter war selbst unter die Räder gekommen, nicht zuletzt auch wegen der Schuldenlast, die die zwei Millionen schwere Übernahme von Pierce-Arrow mit sich gebracht hatte. Chef Erskine nahm sich das Leben, Pierce wurde von Finanzleuten aus Buffalo übernommen.

Immerhin lieferte Pierce-Arrow in jener Zeit Gewinne, wenn auch bescheidene bei geringen Stückzahlen. 1932 war Designer Phil Wright zu Pierce gestossen und er erhielt einen dankbaren Auftrag: Baue ein Auto, das so fortschrittlich ist, dass niemand an ihm vorbei kommt.

Die Sensation von 1933

Dies war ein Auftrag ganz nach dem Geschmack des Designers, der bereits mit einem Cord L-29 Roadster für Furore an den Motorshows gesorgt hatte. Mit dem “Silver Arrow” gestaltete Wright einen Wagen, der nicht nur windschlüpfig aussah, sondern es auch war. Dies wurde durch Windkanaltests abgesichert.


Pierce-Arrow Silver Arrow (1933) - Zeichnung
Archiv Automobil Revue

Von der Seite glich der Silver Arrow einem Wassertropfen. Der Kühlergrill war geneigt, die vorderen Kotflügel nur noch angedeutet, fast schon pontonformartig. Die hinteren Räder waren durch “Spats” abgedeckt, das Dach zog sich fast bis zur hinteren Stossstange, nur durch zwei schiessschartenartige Heckfenster durchbrochen, herunter. Selbst die Türgriffe wurden zur Verbesserung der Aerodynamik versenkt. Chromglänzende Raddeckel und zwischen den Vorderrädern und den Vordertüren hinter Klappen ruhende Ersatzräder gehörten ebenfalls zu den Charakteristiken des Wagens, der an der New Yorker Autoshow für beträchtliche Aufregung sorgte.

Traditionelle Technik unter Showcar-Karosserie

Unter dem zukunftsweisenden Blech - Pierce sprach 1933 vom Auto für das Jahr 1940 - fand sich konventionelle Pierce-Technik. Das damalige Spitzenchassis “1236” baute auf einem Stahlrahmen mit Querverstrebungen auf, trug vorne einen 7,6 Liter grossen V12-Motor und Starrachsen vorne und hinten.


Pierce-Arrow Silver Arrow (1933) - der V12-Motor mit 80-Grad-Zylinderwinkel
Copyright / Fotograf: Darin Schnabel - Courtesy RM Sotheby's

Zusammen mit dem im Pierce-Karosseriewerk in Handarbeit geformten Stahlaufbau wog der Silver Arrow über 2300 kg, was aber für einen Wagen mit über 3,5 Meter Radstand damals in Ordnung ging. Geschaltet wurde mit einem Dreiganggetriebe, gebremst mit hydraulisch angesteuerten Trommelbremsen. 

Fünf Fahrzeuge gebaut

Eigentlich war der Silver Arrow als Showcar gedacht, doch es entstanden fünf Exemplare, die man für den exorbitanten Preis von USD 10’000 absetzen wollte. Für 2000 Dollar weniger konnte man sich einen V16-Cadillac kaufen, ein Ford Coupé mit V8-Motor gab es für USD 500 zu jener Zeit.


Pierce-Arrow Silver Arrow (1933) - an der Weltausstellung 1933 in Chicaco
Copyright / Fotograf: Paul Miller - Courtesy Stephen Miller / RM/Sotheby's

Eines der gebauten fünf Exemplare wurde dann auch an der Weltausstellung in Chicago gezeigt im Jahr 1933.

Bei über 180 km/h im Fond

175 PS wurden dem V12 bei 3400 Umdrehungen zugestanden, genug für über 180 km/h. Dass dies keine leeren Worte waren, bewies Ab Jenkins, der den Luxustourer nach Bonneville brachte und dort mit über 185 km/h gemessen wurde. Man kann sich vorstellen, dass er dabei sogar noch Passagiere im Heck dabei hatten, die auf einem eigenen Tacho die Rekordleistung mitverfolgen konnten.


Pierce-Arrow Silver Arrow (1933) - schöne Holzverkleidungen und zwei Instrumente im Fond
Copyright / Fotograf: Darin Schnabel - Courtesy RM Sotheby's

Natürlich bot der Silver Arrow auch innen Oberklassenkomfort, schöne Materialien und zukunftsweisende Aspekte.

Kurzfristig ging die Rechnung mit dem aufsehenerregenden Wagen für Pierce-Arrow zwar auf, aber die 1934-er Serienvariante des Silver Arrow, die mit den damals verfügbaren Motoren angeboten wurde, fiel optisch vom Showcar ab und 1938 musste die Firma endgültig ihre Tore in Elmwood schliessen.


Pierce-Arrow Eight Silver Arrow (1934) - als Lot 139 an der RM/Sotheby's Motor City Versteigerung vom 30. Juli 2016
Copyright / Fotograf: Darin Schnabel - Courtesy RM Sotheby's

Einer von drei Überlebenden

Von den fünf 1933-er Silver Arrows sollen drei überlebt haben.


Der sehr seltene und bekannte Pierce-Arrow Silver Arrow (1933) wird am Arizona Concours 2015 mit dabei sein
Copyright / Fotograf: Academy of Art University Automobile Museum

Barret Jackson versteigerte Chassis 2575018 im Jahr 2012 für USD 2,2 Millionen, RM konnte 2015 in New York Chassis 2575029 für USD 3,74 Millionen verkaufen.


Pierce-Arrow Silver Arrow (1933) - als Lot 214 angeboten an der RM/Sotheby's Versteigerung "Driven by Disruption" in New York am 10. Dezember 2015
Copyright / Fotograf: Darin Schnabel - Courtesy RM Sotheby's

Jetzt wird RM/Sotheby’s Chassis 2575018 erneut an der Versteigerung in Hershey am 5./6. Oktober 2017 anbieten. Man darf gespannt sein, wie hoch der Schätzpreis gesetzt wird und welchen Verkaufspreis der elegante Wagen erreichen wird.


Pierce-Arrow Silver Arrow (1933) - mit Fliessheck
Copyright / Fotograf: Darin Schnabel - Courtesy RM Sotheby's

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