Wolf im Golfs-Pelz - der Nordstadt-/Artz-Golf mit Porsche-928-S inside

Erstellt am 27. September 2017
, Leselänge 5min
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Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
51

Es dauert keine fünf Minuten, da hält schon einer neben uns an. Steigt aus, zeigt auf den schwarzen Golf und fragt: “Ist das der V8”? Und sofort entspinnt sich ein Gespräch mit Besitzer Arno Albert.


Nordstadt-/Artz-Golf Porsche 928 (1978) - der Eindruck täuscht nicht, der Achtzylinder ist im Bug eines Golf untergebracht
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Der Passant entpuppt sich als Fan und würdigt den Golf mit Kennerblicken. Dabei gibt es dieses Auto nur gerade zweimal, es ist also eine eigentliche Rarität, eigentlich fast ein Einzelstück. Dass es dennoch erkannt wird, hat aber gute Gründe.

Ein Auto-Gourmet mit Sinn für das (fast) Dezente

Zu verdanken ist der schwarze Golf dem Deutschen Günter Artz. Dieser hatte schon in jungen Jahren ein feines Händchen, Autos zu bauen, die etwas Besonderes waren und über die Auto-Magazine gerne berichteten. Für sich selber liess er einen Karmann-Ghia mit einem Chevrolet-Corvair-Motor beschleunigen, später folgten schnelle Käfer, meist mit dem Zuffenhausener Sechszylinder-Boxer im Heck. Im Autohaus Nordstadt in Hannover lief er dann zur Höchstform auf, als er aus einem Porsche 928 einen VW Golf baute, oder umgekehrt.

Der Erstling im Jahr 1978

Volkswagen und Porsche hatten ein offenes Ohr für die Umbau-Ideen des Nordstadt-Artz und unterstützten das Vertriebs- und PR-Talent mit Kräften. Vielleicht liefern sie ihm 1978 sogar den verunfallten Vorserien-Porsche 928, der zum vielleicht wichtigsten Projekt in der Nordstadt-Geschichte wurde. Ihm wollte Artz nämlich die Gestalt eines grauen Jedermann-Golfs geben. Dass man dabei nicht einfach eine Golf-Karosse über den Porsche stülpen kann, wird schnell klar, wenn man die unterschiedlichen Dimensionen der beiden Autos und den breiten V8-Motor aus Zuffenhausen anschaut.


Wenn man einen Porsche 928 (wie links) und einen VW Golf I (wie rechts) kombiniert, dann entsteht der V8-Golf wie in der Mitte
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Faktisch wurde auf der gestrippten 928-er-Basis eine selbsttragende Spezialkarosserie in Form eines Golfs aufgebaut. Möglich machte dies der überaus talentierte Karosseriespengler Celeste di Santolo in Nordstadts Diensten. Viel mehr als ein paar Karosserieteile des Golf (VW Typ 17) konnten allerdings nicht unverändert übernommen werden, die Frontscheibe musste aufwändig neu fabriziert werden, die Form dafür alleine verschlang 6000 Mark, liess sich Artz einst vernehmen.


Amerikanische Stossstangen für den Breit-Golf von Nordstadt - links und rechts die Teilespender
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Di Santolo leistete ganze Arbeit, baute sogar die Seitenscheiben in einem anderen Winkel als beim Original-Golf ein, schweisste Elemente von fünf Golf-Motorhauben zusammen, um eine breite Motorabdeckung für den Breit-Golf zu erzeugen, kombinierte jeweils zwei US-Stossstangen zu einer, um den Front- und Heckabschluss zu gestalten und die 928-Stossfänger-Elemente weiter verwenden zu können.


Nordstadt-/Artz-Golf Porsche 928 (1978) - fast komplett aus dem 928
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Innen war der Nordstadt-Golf fast komplett ein 928-er. Die Sitze wurden genauso übernommen, genauso wie das Armaturenbrett, das Lenkrad und weitere Teile. Und die Technik samt Transaxle-Getriebe und Weissach-Hinterachse kam natürlich auch komplett aus Zuffenhausen.

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Breitenwirkung dank AMS

Die Zeitschrift Auto Motor und Sport stellte den Über-Golf im Jahr 1979 auf elf Seiten vor. Und testete ihn auch ausführlich. Und dabei kam Erstaunliches zum Vorschein. Tatsächlich nämlich war der Golf-928 fünf Kilometer pro Stunde schneller als der ebenfalls 240 PS starke Porsche 928 von der Stange, obwohl er dem Wind eine grössere Querschnittsfläche entgegensetzte. Die Erklärung lieferte ein Windkanal-Versuch, der bestätigte, dass der Artz-Golf einen tieferen cW-Wert aufwies als der 928, dem man damals ja nachsagte, dass er rückwärts einen geringeren Luftwiderstand habe als vorwärts.


Nordstadt-/Artz-Golf Porsche 928 (1978) - der 928S-Golf läuft deutlich über 250 km/h
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Auch den Spurt von 0 bis 100 km/h erledigte der immerhin 1,5 Tonnen schwere Nordstadt-Golf drei Zehntel schneller als der 928, bei 7,6 Sekunden stoppten die Uhren. Weder ein BMW 635 CSi, noch ein Mercedes-Benz 450 SLC 5.0 konnten das besser.

Noch viel wichtiger aber war, dass der “vergolfte" Porsche alle positiven Eigenschaften des 928 behalten konnte, einige weitere aber dazu erhielt, u.a. deutlich mehr Platz im Fond und einen durchaus brauchbaren Kofferraum. Tatsächlich war ein Familienurlaub im V8-Golf deutlich vergnüglicher und komfortabler als dasselbe Unterfangen mit dem Porsche 928.

Götz Leyrer fand in seinem Testbericht jedenfalls nur positive Worte für den Umbau. Fahrleistungen, Fahrverhalten und Komfort fanden seine ungeteilte Zustimmung. Ob der stärkste Golf aber ein Geschäft werde, darüber waren sich Leyrer und Artz uneinig. Der Nordstadt-Profi meinte, dass er sicherlich zehn Exemplare verkaufen könne, womit sich die Investitionen gelohnt hätten.

  Leistung PS Gewicht kg Länge mm Breite mm Höhe mm Vmax km/h 0-100 km/h in s
Porsche 928 240 1450 4445 1835 1315 227.8 7.9
Artz Golf 928 240 1520 4025 1820 1420 232.3 7.6
VW Golf GTI 110 805 3815 1630 1395 184.6 9.4

Quelle: Auto Motor und Sport

Das zweite Exemplar

Es war dann der Holzhändler Louis Krages, der sich einen zweiten 928-er-Golf bauen liess. Rund 2200 Stunden Aufwand soll der Aufbau dieses zweiten Nordstadt-Golfs erzeugt haben, wobei man sich dieses Mal einen nagelneuen 928 als Basis kommen liess. Rund 190’000 DM, also mehr als das Dreifache eines normalen 928, soll der Wagen damals gekostet haben.


Nordstadt-/Artz-Golf Porsche 928 (1978) - ein Golf fast wie andere
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Der Millionär Krages, der unter dem Pseudonym John Winter übrigens 1985 die 24 Stunden von Le Mans auf einem Porsche 956 C von Joest gewann, dürfte es locker genommen haben. Er tauschte dann den hell lackierten Wagen wohl einige Jahre später beim Kauf einer anderen Artz-Schöpfung ein.

Zurückgekauft und aufgerüstet

Günter Artz rüstete den zweiten 928-er Golf 1984 auf die 928-S-Technik auf, womit ihm dann 300 PS zur Verfügung standen. Nach vielen Jahren und vermutlich dem einen oder anderen Handwechsel konnte ihn der heutige Besitzer Arno Albert bei einem Antiquar unter Stühlen und Tischen entdecken. Und es gelang ihm schliesslich, den Wagen zu kaufen. Es folgte eine Komplettrestaurierung, der Wagen wurde dabei schwarz lackiert.

Im Alltag bewährt

Seit dem Kauf im Jahr 1999 fuhr Albert über 60’000 km im restaurierten Nordstadt-/Artz-Golf, sowohl auf öffentlichen Strassen als auch auf der Rennstrecke. Das Fahrverhalten sei kaum von dem eines 928 zu unterscheiden, weiss der stolze Besitzer zu erzählen. Und er muss es wissen, denn in seinem Fuhrpark gibt es natürlich auch den Achtzylinder-Sportwagen aus Zuffenhausen.


Nordstadt-/Artz-Golf Porsche 928 (1978) - kann ganz commod gefahren werden
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Erst als er herausgefunden habe, dass es eben nicht acht oder zehn dieser Achtzylinder-Golf gäbe, sondern eben nur deren zwei, da habe er begonnen den Wagen mehr zu schonen.

Tatsächlich existiert auch Exemplar Nummer 1 noch, das wieder zum Erstbesitzer zurückgefunden hat und inzwischen auch komplett restauriert worden ist.

Gern gesehene Rarität

Heute sind die breiten Golf-928-Modelle beliebte Schaustücke an Klassikertreffen. Das Interesse für den umgebauten 928 ist immer gross, die Sympathie für den Sportwagen im Millionen-Auto-Gewand genauso.


Das Publikum lässt sich immer wieder für den breiten Golf begeistern
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Zwischen einer Reihe 928-Modellen macht der schwarze Golf genauso eine gute Falle wie beim Treffen der Volkswagenfreunde. Neid ist kaum ein Thema, vielmehr aber die Ehrfurcht vor der Karosseriebauer-Leistung. Und spätestens dann, wenn der V8-Golf loszubollern beginnt, ist ihm uneingeschränkte Aufmerksamkeit sowieso gewiss.


Der breite Artz-928-er-Golf wird immer wieder interessiert gemustert
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Weitere Informationen

  • Auto Motor und Sport Heft 12/1979, ab Seite 32: Breitenwirkung - Test Nordstadt-Golf
  • Oldtimer Markt Heft 8/2009, ab Seite 17: Bis der Artz kommt - Geschichte der Artz-Autos

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ne******
27.10.2020 (15:15)
Antworten
Nach der Insolvenz von Holz-Krages hatte Schöder&Weise Classics einige Fahrzeuge vom Insolvenzverwalter zum Verkuf bekommen. Aus anderer Quelle hatte SWC ein Audi Front Cabriolet zum Verkauf. Wegen dieses Wagens kam ein Interessent aus Leipzig. Als er die Halle betretzen hatte, war sein erster Blick auf den Golf und sein spontaner Kommentar:"Oh, das ikst ja der Nordstadt-Golf!" Auf meine Frage, wie und woran er das soll schnell erkannt hatte, kam dann die höchst aufschlussreiche Erklärung: Er hatte an der Uni Leipzig Maschinenbau studiert und die Uni durfte "Auto Motor Sport" abonnieren. Die Hefte gungen von Leser zu Leser und wurden nicht nur "verschlungen" und auf den wenigen Kopierern kopiert, sondern mehr oder weniger auswendiggelernt. Daher das schnelle und präzise Wiedererkennen.

Martin Schröder
von ha******
04.09.2018 (15:23)
Antworten
Auch ich habe diesen "fetten" Golf seinerzeit in Hannover gesehen.
Ebenso andere tolle Autos von Günther Arzt, wie den Porsche 911-Käfer und den Sciwago.
G.A. hatte schon tolle Ideen.....
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