Morris Half-Ton Pick-Up - zu hübsch für ein Nutzfahrzeug

Erstellt am 13. Juni 2014
, Leselänge 4min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
35
Archiv 
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Er entspricht nicht dem Cliché des amerikanischen Pick-Ups, aber dies liegt auch daran, dass er aus England kommt. Und viel, viel kleiner ist, und von einem Personenwagen namens Austin Cambridge abstammt. Der Morris Half-Ton Pick-Up war dafür gebaut, eine halb Tonne Nutzlast zu tragen, so zumindest besagte es sein Name.


Morris Half-Ton Pick-up (1966) - praktischer Sonnenschutz vor der Windschutzscheibe
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Geboren als Austin Cambridge

An der London Motorshow des Jahres 1954 debütierte ein neuer Austin, der den Konkurrenten von Ford, Vauxhall und Hillman den Wind aus den Segeln nehmen sollte. Er trug den Namen “Cambridge” und zeichnete sich vor allem durch eine moderne Karosserie aus, die über die traditionelle Technik mit 1,2- und 1,5-Liter-Motor gestülpt wurde. Die amerikanisch wirkende und alles Vorkriegsreminiszenzen entschlackte Karosserie wurde durch ein radikal modernes Interieur ergänzt.


Austin A40 (1956) - auch bei der Limousine erschien Grau offensichtlich als attraktive Farbe
Archiv Automobil Revue

Die Automobil Revue resümierte nach ersten Probefahrten im September 1954 positiv:
“Der neue Austin Cambridge A 50 vermittelt dank der völlig neuen Karosserie und des elastischen Motors in Verbindung mit der Geräuschlosigkeit des Fahrwerkes und den Federungseigenschaften eines grossen Wagens ein neues Fahrgefühl, das modernen Ansprüchen an ein komfortables, in der Mittelklasse liegendes Familien- und Geschäftsfahrzeug gerecht wird. Seine Hauptvorzüge liegen in der guten Raumausnützung, die fünf Personen vollen Fahrgenuss bietet, in der im 1,5-Liter-Motor steckenden Elastizität und dem ausgezeichneten Finish der neuen Karosserie.”

Der Austin Cambridge wurde als A40, A50 und ab 1957 als A55 bis 1958 gebaut, dann folgte der Nachfolger in italienischen Kleidern.

Die Geburt das Half-Ton-Pick-ups

Im Jahr 1956 komplettierte Austin die Cambridge-Baureihe mit einem auf Handwerker ausgerichteten Half-Ton-Van und das Jahr darauf mit dem Half-Ton-Pick-Up. Ausgerüstet mit dem 1,5-Liter-Motor sollten diese Modelle ein unerwartet langes Leben geniessen, denn erst 1971 wurden die letzten Abkömmlinge gebaut.

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Von Austin zu Morris

Im Oktober 1962 wurde die beiden Nutzfahrzeuge überarbeitet. Sie erhielten Chrom-Zierstreifen an der Flanke, eine neu gestaltete Front, verstärkte Stossstangen, 14-Zoll-Räder, Sicherheitsgurten, einen Handschuhfachdeckel nebst einigen anderen Verbesserungen ... und sie wurden nun als Morris Half-Ton Van und Pick-up verkauft. 

Im September 1963 fand dann der Motor der Austin A60 Limousine mit 1622 cm3 und 56 (britischen) PS bei 4500 U/min Eingang in die Handwerkerfahrzeuge. Nach DIN-Norm waren das dann 62 PS, die der Vierzylinder mit hängenden Ventilen, seitlicher Nockenwelle und einem Halb-Fallstromvergaser des Typs SU HS2 locker aus dem Ärmel schüttelte.


Austin A40 (1955) - Fahrwerk und Motor
Archiv Automobil Revue

Traditionelle Technik

Natürlich sass der Motor in Längsrichtung vorne, die angetriebenen Räder hinten. Die Karosserie war selbsttragend, die vorderen Einzelradaufhängungen an Trapez-Dreiecksquerlenkern und Schraubenfedern geführt.

Hinten sorgte eine Starrachse mit Halbelliptikfedern für Stabilität. Vorne und hinten sorgten hydraulische Armstrong-Kolbenstossdämpfer dafür, dass die Fuhre nicht zu lange schaukelte.

Das Getriebe hatte vier Gänge, der ganze Wagen wog knapp über 1000 kg.

Der Knüller aber war der Preis, denn mit 577 britischen Pfund kostete die Handwerkerversion bei ihrer Präsentation rund 20% weniger als die einfach ausgestattete Limousine.

Und mancher Lösungsansatz verblüffte und war überaus praktisch, wie etwa das herunterklappbare Nummernschild an der Ladeklappe, das es erlaubte, auch längere Gegenstände zu laden.

Eigentlich keine Rarität, aber ...

Zwischen 1956 und 1971 wurden rund 124’000 Vans und Pick-ups gebaut, rund 26’000 davon trugen einen Morris-Markenzeichen. Sie wurden meist hart herangenommen und die Überlebensrate dürfte eine geringe sein.

Jedenfalls dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass ein Morris Half-Ton-Pick-Up in unseren Breitengraden zufälligerweise auf einen Bruder trifft, kleiner sein als ein Lottogewinn bei den Euro Millions.

Ein Nutzfahrzeug und doch nicht


Morris Half-Ton Pick-up (1966) - dünnes Lenkrad
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Vieles am Morris Half-Ton-Pick-Up erinnert an ein Nutzfahrzeug, aber nicht alles. Der Wagen ist aus heutiger Sicht vergleichsweise kompakt. Mit 4,29 Metern Länge, 1,59 Metern Breite und rund 1,6 Metern Höhe ist er wahrhaft kein Riese und mit einem Wendekreis von 10,9 Metern handlich zu manövrieren. Übersichtlich ist er noch dazu und auch die Ladung kann man im Rückspiegel jederzeit kontrollieren.

Man sitzt aufrecht am Steuer, die Gänge werden über die Lenkradschaltung gewechselt, ohne Aufhebens und komfortabel.

Der Motor, den man in stärkerer Ausführung auch aus dem MG A kennt, lässt eine drehzahlschonende Fahrweise zu. Speziell leise geht es nicht zu im Cockpit, aber man kann sich vorstellen, auch grössere Distanzen zurückzulegen, solange die Zeit nicht allzu sehr eilt. Denn ein Rennwagen ist der Morris nicht.

Man fällt auf mit dem Pick-Up, trotz der unscheinbaren grauen Farbe. Da ist nicht einmal ein rosafarbener Baby-Elefant - einen ausgewachsenen sollte man der Hinterachse nicht zumuten - nötig, um die Aufmerksamkeit von Passanten zu erregen.

Nur schmutzige Lasten und Kratzer auf der Ladefläche möchte man dem von der Firma Classic Car Connection in Lichtensteig restaurierten Pick-up nicht zumuten.


Morris Half-Ton Pick-up (1966) - die Klappe lässt sich komplett öffnen und gibt Zugang zu einer grossen Ladepritsche
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

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