Mit dem Diederichs von 1912 zurück in die automobilen Anfangszeiten

Erstellt am 21. Mai 2013
, Leselänge 3min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
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Archiv 
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Autos der mobilen Frühzeit verströmen ihren ganz besonderen Reiz. Die Technik ist sicht- und hörbar, nichts wird verborgen. Schon das Anlassen ist ein Abenteuer, das Fahren sowieso, selbst bei niedrigsten Geschwindigkeiten. Der Diederichs von 1912 macht hier keine Ausnahme.


Diederichs (1912)
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Von Feilen und Motoren

Irgendwann im neunzehnten Jahrhundert hatte die Familie Diederichs das Elsass verlassen und sich in der Dauphine niedergelassen, um dort Feilen für unterschiedlichste Einsatzzwecke herzustellen. Schon bald verlegte man sich auf das Weben von Stoffen mithilfe von mechanischen Einrichtungen und stellte die dafür notwendigen Geräte her.

Ob aus Erfindergeist oder der Not gehorchend entwickelten die Diederichs aber im Jahr 1878 bereits ein dampfbetriebenes Dreirad, das in der Lage war 25 km/h schnell zu fahren und sich in der Brandbekämpfung im Dienst der Stadt Bourgoin-Jallieu nützlich machte. 

Damit war der Erfindergeist der beiden Brüder Charles und Frédéric Diederichs aber nicht beruhigt. Sie bauten Explosionsmotoren und reichten dazu sogar Patentanträge ein. An der Weltausstellung von Paris im Jahr 1889 stellten sie gar einen Motor vor, der mit Schweröl lief. Doch finanziell waren diese Erfindungen nicht ergiebig und die Brüder wandten sich wieder dem Webstuhl zu.

Benzin im Blut

Es sollte bis 1912 dauern, bis Théophile Diederichs, der offensichtlich mindestens soviel Benzin im Blut hatte wie seine Brüder Charles und Fréderic, begann, einen eigenen Personenwagen herzustellen. Zu diesem Zwecke gründete er die Firma “Société des Automobiles Diederichs et Cie” und mietete sich an der Petite Rue Neuve 6 in Lyon ein.

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Der Diederichs 10 HP und 12 HP

Die Autos der Firma Diederichs entsprachen dem Stil der Zeit. Ein stabiles Fahrgestell mit Starrachsen vorne und hinten trug einen Vierzylindermotor mit Zenith-Vergaser und Bosch-Magnetzündung. Während die ersten Modelle noch über eine Kette angetrieben wurden, wechselte Théophile bald zur Kardanwelle als Kraftübertragung.

Den 2,1 Liter grossen Motor mit gegenüberliegenden Ventilen bezog er von Luc Court.

Das Chassis konnte man in zwei Längen - 2,7 oder 2,8 Meter - für 6250 bis 6500 Francs bestellen und mit vier unterschiedlichen Karosserieausführungen - Torpédo mit zwei oder vier Sitzplätzen, Chauffeur-Coupé oder Limousine - kombinieren. Charakteristisch war dabei jeweils der runde Kühlergrill und der geschwungene Diederichs-Schriftzug.


Diederichs von 1912 - aufgenommen vermutlich in den Siebzigerjahren, schon damals war der Diederichs ein Oldtimer
Archiv Automobil Revue

“Flexibel, schnell und geräuscharm”, verhiess die Werbung für die Diederichsfahrzeuge damals.

Inserat für das Diederichs Automobil im Jahr 1912 oder 1913

Nur drei Jahre und 60 Fahrzeuge

Als im Jahr 1914 der Krieg ausbrach, hatte die Société Diedrichs gerade einmal 60 Fahrgestelle gebaut, am Schluss verliessen jeweils zwei Chassis die Fabrik. Beim letzten Model handelte es sich um einen vierplätziger Torpedo des Typs A. Er hat überlebt.

Fahren wie vor hundert Jahren

Nur mit Muskelkraft kann der Diederichs zum Laufen gebracht werden. Doch zuerst sind einige Vorbereitungschritte nötig. Das Standgas wird eingestellt, die Vorzündung reguliert, dann zieht man vorne am Motor den Choke und ... kurbelt den Motor an. Unter optimalen Voraussetzungen reichen wenige Kurbeldrehungen und der Vierzylinder verfällt in einen eifrigen Leerlauf, lässt jede Zündung und jedes Ansaugen hören.


Diederichs (1912)
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Läuft er stabil, können wir uns ins kutschenartig anmutende Innere setzen, den ersten Gang einlegen und losfahren. Gemächlich nimmt der schwere Wagen Fahrt an, bald kann der nicht synchronisierte zweite Gang eingelegt werden, beim dritten Gang ist man dann auch schon in der letzten Übersetzungsstufe angekommen, aber für Eilige ist der Diederichs nicht gedacht.


Diederichs (1912)
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Es ist dieses Archaische und Urtümliche, was begeistert. Man sitzt selbst bei geschlossenem Verdeck fast ungeschützt und freut sich an jedem Meter, den das Gefährt zurücklegt. Jetzt erst kann man nachvollziehen, was es vor hundert Jahren bedeutete, Auto zu fahren. Natürlich war es bequemer und wohl auch schneller als ein Pferdefuhrwerk, aber es war viel Sachverstand und Übung nötig, um eines dieser Fahrzeuge effizient zu bewegen (und am Leben zu erhalten). Heute ist es ein Genuss, denn die Fortbewegung im Diederichs ist keine Notwendigkeit mehr, sondern ein Abenteuer.

Der für diesen Bericht portraitierte Diederichs Type LC Série 1 aus dem Jahr 1912 ist einer der wenigen Überlebenden der Gattung. Wir danken der Oldtimer Galerie Toffen für die Unterstütung bie diesem Bericht. 

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von gi******
27.06.2017 (07:59)
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