Messerschmitt KR 200 - Flugzeugkanzel auf drei Rädern

Erstellt am 9. April 2011
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Balz Schreier 
15
Bruno von Rotz 
8
Archiv 
27

So muss sich früher auch ein Flugzeug-Pilot gefühlt haben: Einstieg von oben, Rundumblick, Glaskanzel, die sich über den Passagieren senkt. Dann Start. Jetzt ist es allerdings mit den Flugzeugassoziationen vorbei. Was beim Drehen des Zündschlüssels erklingt, ist das Knattern eines Einzylinder-Zweitakt-Motors mit knapp 200 cm3. Und natürlich hebt das Gefährt auch nicht ab, sondern bleibt brav auf der Strasse. Auch wenn es sich anders anfühlt.


Messerschmitt KR 200 (1956) - Heckansicht - gut sichtbar das einzelne Hinterrad
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Doch blenden wir zuerst einmal zurück in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg.

Ein hochbegabter Konstrukteur baut motorisiertes Dreirad

Nach dem Krieg stand der Ingenieur Fritz Fend, wie so viele andere, vor einem Neuanfang. Er rechnete sich aus, dass viele Kriegsversehrte einen fahrbaren Untersatz brauchen könnten und begann, ein Dreirad zu bauen, das er mit einem kleinen Victora-Motor von 38 cm3 ausrüstete. Der Fend Flitzer war geboren und wurde 1948 präsentiert. Die Nachfrage war schon bald so gross, dass Fends kleiner Betrieb aus allen Nähten platzte. Ein Partner musste her.

Messerschmitt als Partner

Fritz Fend überzeugte seinen früheren Arbeitgeber Messerschmitt, der zwar über moderne Produktionsanlagen, aber über keine Produkte verfügte, von einer für beide Seiten fruchtbaren Zusammenarbeit.


Messerschmitt KR 175 (1954) - Silhouette
Archiv Automobil Revue

Aus dem kleinen Flitzer wurde ein vollwertiges Fahrzeug für zwei Personen, ausgerüstet mit einem 148-cm3-Fichtel&Sachs-Motor, entwickelt. Mit seiner Glaskuppel, die aus Glas und Plexiglas zusammengesetzt war und sehr aufwändig zu produzieren war, der Tandem-Sitzanordnung und den Motorrad-Bedienelementen (Kupplung am Schalthebel, Lenker zur Steuerung, kein Rückwärtsgang) war das Fahrzeug sehr eigenwillig und erregte viel Aufsehen. 1952 konnte die Serienfertigung aufgenommen werden, 1953 wurde das Gefährt am Genfer Autosalon gezeigt.

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Erste Erfolge in Deutschland und im Export

1953 konnten bereits 2’000 Kabinenroller, jetzt auch “Karo” (oder Ka-Ro) genannt, verkauft werden, vorwiegend in Deutschland, aber immer stärker auch im Ausland, wo schon bald 30% der Produktion hinging. Schweden und die Schweiz waren die wichtigsten Exportmärkte dieser Zeit. 850 Leute bauten inzwischen 50 Messerschmitts pro Tag!

Das Rezept, die Genügsamkeit eines Motorrads mit dem (Wetterschutz-) Komfort eines Automobils zu kombinieren, ging auf.

Die verbesserte zweite Serie

1954 wurde eine verbesserte Version des Kabinenrollers vorgestellt, entsprechend zum Namen KR 175 hatte er hinten einen 175-cm3-Einzylindermotor von Fichtel&Sachs montiert und verfügte nun über ein normales Kupplungspedal und einen Elektrostarter. Gegen einen Mehrpreis von ca. 400 DM konnte man auch rückwärtsfahren damit. Der Verkauf lief mittelprächtig, der Preis lag bei 2’470 DM.


Messerschmitt KR 175 (1953) - Frankfurter Autoausstellung von 19 53 - Willy Messerschmitt zeigt seinen Kabinenroller
Archiv Automobil Revue

Der Durchbruch mit dem KR 200

Im Jahre 1955 wurde mit dem KR 200 eine optisch aufgebesserte Version präsentiert, die mit breiterer Spur, hydraulischen Stossdämpfern, besserer Motoraufhängung und vor allem automobil-typischen Bedienungselementen punktete. Drei normale Fahrpedale (Kupplung, Bremse und Gas) und ein Lenkrad-ähnliches Steuerelement machten den Messerschmitt auch für Autofahrer problemlos nutzbar.

Der Motor hatte nun 191 cm3 und 10 PS, genug für über 90 km/h Spitze. 2’395 DM kostete der KR 200 in Deutschland, für die Heizung mussten 65 DM zugezahlt werden. In der Schweiz wurde die Flugzeugkanzel auf Rädern für 3’295 Franken verkauft.

Mit Weltrekorden zum Liebling der Massen

Am 29. August 1955 holte sich ein leicht modifizierter Messerschmitt KR 200 mit einem auf 13 PS optimierten Motor und einer Rennverkleidung anstelle der Plexiglaskuppel 25 Weltrekorde.


Messerschmitt KR 200 Supersport (1956) - 25 Weltrekorde konnten mit dem KR 200 Supersport eingefahren werden
Archiv Automobil Revue

Unter anderem konnte die Gesamtstrecke mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 107 km/h zurückgelegt werden, auf der Geraden des Hockenheimrings lief das Gefährt 140 km/h. Damit erreichte der Ka-Ro seine höchste Beliebtheit und ging weg wie die sprichwörtliche warme Semmel. Doch leider machte Messerschmitt mit jedem verkauften KR 200 Verlust.

Neue Besitzverhältnisse

Nach zweimaligem Besitzerwechsel übernahm die von Fritz Fend und Valentin Kott gegründete FMR (Fahrzeug- und Maschinenbau GmbH, Regensburg) die Produktion und die Rechte zur Verwendung des Produktnamens Messerschmitt. Das Markenzeichen, den stilisierten Vogel, durfte man nach einem verlorenen Gerichtsprozess gegen Mercedes-Benz nicht mehr verwenden. Um dem Markt eine günstigere Offerte anbieten zu können, baute man neben dem KR 200 auch den abgespeckten KR 201, mit einem Preis von 1’998 DM das billigste Mobil auf dem deutschen Markt.

Der Überflieger “Tiger”

Im gleichen Jahr - 1956 - präsentierte Fend auch noch eine schnellere Version, nun mit vier Rädern, Pendelachse hinten und einem 493 cm3 grossen Zweizylinder-Motor mit 19.5 PS von Fichtel&Sachs.


Messerschmitt Tiger TG 500 (1957) - der schnellste Messerschmitt-Kabinenroller
Archiv Automobil Revue

Damit war man nicht nur so schnell wie ein Opel Kapitän, sondern verfügte ausserdem über ein gutliegendes und unheimlich handliches Sportgefährt. Wegen des hohen Preises blieb der wegen einer Ermahnung von Krupp TG 500 statt Tiger genannte Fahrzeug aber sehr selten.

52’000 Rollermobile in 11 Jahren

Im Januar 1964 wurde die Produktion eingestellt, die Kunden wollten inzwischen “richtige” Autos und keine verbesserten Roller mehr kaufen. 10’666 KR 175, 41’190 KR 200/201 und 950 TG 500 waren verkauft worden.

Kompakt, leicht und effizient

Der Messerschmitt KR 200 misst nur 282 cm in der Länge, 122 cm in der Breite und 120 cm in der Höhe. Man kann ihn problemlos schieben und sogar anheben. Auch das Parkieren fällt trotz des relativ grossen Wendekreises leicht. Der Einstieg erfolgt von oben, so dass auch seitlich wenig zusätzlicher Platz nötig ist. Einfach die Plexiglashaube aufklappen, reinsetzen und losfahren. Dank tiefem Gewicht (rund 238 kg), geringer Stirnfläche und im Vergleich zum Motorrad besserer Aerodynamik sind selbst mit geringer Motorleistung überraschende Fahrleistungen möglich.

Uneingeschränkte Autobahnfestigkeit

Dipl. Ing. Helmut Hütten fuhr den KR 200 1956 für die Zeitschrift Motor Rundschau und attestierte dem kompakten Gefährt die Fähigkeit, sich unter allen Umständen in den normalen Verkehrsstrom einfügen zu können. In seinem Bericht sprach er von einer recht guten Federung, einer verblüffenden Wendigkeit, wirkungsvoller Schalldämpfung, einwandfreiem Startvermögen, hoher Robustheit und Zuverlässigkeit, sowie einer intensiven Heizwirkung.

Auf der rund 2’750 km langen Testfahrt verbrauchte Herr Hütten rund 3,8 bis 4,8 Liter Kraftstoff, erreichte 92 km/h Höchstgeschwindigkeit (87 km/h zu Zweit) und beschleunigten den Ka-Ro in 33 Sekunden (45 Sekunden zu Zweit) von 0 auf 80 km/h. Ein Verkehrshindernis war er damit sicher nicht, tatsächlich fand er sich öfter als nicht sogar auf der Überholspur. Zum Vergleich: Ein fast doppelt so teurer VW Käfer beschleunigte nicht viel besser damals, erreichte zwar mit 110 km/h eine etwas höhere Spitzengeschwindigkeit, verbrauchte aber auch rund doppelt so viel wie ein Messerschmitt KR 200. Als Nachteile der Fahrzeugkonstruktion nannte Ingenieur Hütten die nicht befriedigende Kursstabilität und ansonsten nur Kleinigkeiten.

Tandemanordnung und tiefe Sitzposition

Für Autofahrer von heute ist die Tandemsitzanordnung sicher gewöhnungsbedürftig. Man sitzt also in der Mitte, der Fahrer vor dem Beifahrer und hat trotz der kompakten Aussenmasse erstaunlich viel Platz. Man kann verstehen, dass die Leute auch vor einer Reise von München nach Rimini nicht zurückschreckten.


Messerschmitt KR 175 (1954) - Vogelperspektive
Archiv Automobil Revue

Die Pedalerie gibt keine Rätsel auf, einzig das “sequentielle” Getriebe und die super-direkte, immer noch an ein Motorrad erinnernde Lenkung ist für manchen modernen Autofahrer ungewohnt. Der Motor gibt das bekannte Zweitakt-Lied von sich, ist aber nicht übermässig laut, solange man hohe Drehzahlen meidet.

Die Bremsen mahnen zu vorausschauender Fahrweise, die Verzögerung von damals gemessenen 6.4 Meter pro Sekunde im Quadrat ist heute sicher nicht mehr zeitgemäss.

Eine Spezialität der Messerschmitt ist die Rückwärtsfahrt. Dazu wird einfach der Motor in umgekehrter Drehrichtung gestartet und nun hat das Dreirad vier Rückwärtsgänge und damit eine erreichbare Spitze von über 80 km/h rückwärts, wenn man denn so mutig ist.

Hoher Aufmerksamkeitswert und Sympathiebonus

Wo immer man auch hinkommt bildet sich sofort eine Traube von Interessierten um das Fahrzeug. “Jööhh” und “ach, so einen hatte ich auch mal” sind wohl Aussprüche, die der Messerschmitt-Besitzer von heute des öfteren hört. Mancher Ferrari-Fahrer wird ab der ungeteilten Freude der Passanten ob dem herzigen Dreirad wohl neidisch.


Messerschmitt Logo / Schriftzug an einem KR 200 (1956)
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Heute selten und nicht billig

Der portraitierte Messerschmitt wurde uns von der Oldtimer Galerie Toffen zur Verfügung gestellt. Wir danken und hoffen, schon bald einmal die Gelegenheit zu erhalten, die Sportversion Tiger/TG 500 (er)fahren zu dürfen.

Weitere Informationen und Artikel:

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von 68******
15.09.2020 (06:52)
Antworten
Ein ganz großes Dankeschön für diesen informativen und umfangreichen Bericht.

Ich erinnere mich noch genau, in unserem Dorf zischte regelmäßig ein KaRo an der Bushaltestelle an der ich morgens stand vorbei. Wir Jungs konnten nicht genug bekommen von seinem Anblick und wünschten nichts sehnlichster, als einmal mitfahren zu dürfen.
von bt******
30.09.2014 (09:49)
Antworten
Herzlichen Dank für den tollen Bericht! Sehr gut gemacht und bestens recherchiert.
Gerne können Sie bei Gelegenheit mehr über meinen fahrbereiten und eingelösten Tiger Tg500 erfahren. Melden Sie sich doch einfach, wenn Sie Lust auf einen "Flug" verspüren. Da es sich um einen offenen Roadster handelt, bevorzuge ich die warme Jahreszeit!
Herzliche Grüsse
Bernhard Taeschler
079 667 52 55
bernhard@taeschlersarmenstorf.ch
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