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Bild (1/4): Mercedes-Benz 600 (1967) - relativ schlicht gezeichnet (© Daniel Reinhard, 2015)
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    Mercedes-Benz 600 - Fahren wie der Papst im Grossen Mercedes

    26. August 2015
    Text:
    Bruno von Rotz
    Fotos:
    Daniel Reinhard 
    (43)
    Daimler AG 
    (78)
     
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    Der Mercedes-Benz 600 war so teuer wie 14 VW Käfer, mindestens. Kein Wunder, erspähte ihn Otto Normalverbraucher höchstens beim Staatsempfang am Fernseher oder mit Prominenz an Bord an der Côte d’Azur. Aber der “Grosse Mercedes” war nicht nur teuer, sondern auch ein Technik-Paket der Extraklasse.

    Mercedes-Benz 600 (1967) - das grosse Auto fühlt sich kompakter an, als es ist
    © Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

    Nachfolger des Adenauers

    Bereits in den Dreissigerjahren hatte es einen “Grossen Mercedes” gegeben, in den Fünfzigerjahren aber fuhren die Herren von Welt den Typ 300, auch “Adenauer” genannt.  Bereits Mitte der Fünfzigerjahre begannen Fritz Nallinger und Rudolf Uhlenhaut an einen Nachfolger zu tüffteln, der das technisch Machbare darstellen sollte. Acht Zylinder sollte er haben, Luftfederung, Servolenkung, und und und ...

    Ein Motor für die Limousine der Superlative

    Im September 1963 wurde der neue “Grosse Mercedes” an der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt erstmals öffentlich vorgestellt und zog die Blicke auf sich wie ein Magnet. 

    Mercedes-Benz 600 (1963) - Vorstellung des Wagens an der IAA Frankfurt
    © Copyright / Fotograf: Daimler AG

    Man hatte eigens einen neuen Motor namens M 100, den ersten V8 des Hauses, entwickelt. Während der Motorblock aus Grauguss bestand, wurden die Zylinderköpfe aus Aluminium-Druckguss hergestellt. Pro Zylinderbank sorgte eine obenliegende Nockenwelle für die Ventilsteuerung. Die Gemischbildung erfolgte durch eine aufwändige mechanische Saugrohr-Einspritzung mit einer 8-Stempel-Pumpe von Bosch, ähnlich wie sie bereits beim 300 SL zum Einsatz gekommen war.

    Mercedes-Benz 600 (1963) - Blick in den Motorrau
    © Copyright / Fotograf: Daimler AG

    6332 cm3 gross war der Hubraum des schwergewichtigen Motor, ausgereizt wurde das Triebwerk nicht, denn 250 PS bei 4000 U/min bedeuteten eine Literleistung von gerade einmal knapp 40 PS/Liter. Eindrücklich war das entwickelte Drehmoment, das 503 Nm bei 2800 Umdrehungen pro Minute betrug.

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    Schlichte Eleganz

    Verpackt wurde der neue Motor in eine schlicht gezeichneten, aber von majestätischen Dimensionen geprägte Limousine. Alternativ gab es auch verlängerte Pullman-Varianten mit 70 cm (!) mehr Radstand und die halboffenen Landaulets. Unter 5,5 Metern Länge aber gab es mit Ausnahme des im Jahr 1965 als Einzelstücks produzierten “Coupés”  keinen 600er. 

    Mercedes-Benz 600 (1963) - Pullman-Limousine vor indirektem Vorfahren
    © Copyright / Fotograf: Daimler AG

    Unter der eleganten Hülle gab es innovative Technik, etwa ein Zweikreis-Servobremssystem mit vier Scheibenbremsen, eine Servolenkung mit ajustierbarem Lenkrad, von innen einstellbare Stossdämpfer, eine Komfort-Hydraulik zur Verstellung der Sitze und zum Heben/Senken der Scheiben, eine elektronisch geregelte Heizung mit Zwangsentlüftung, Zentralverriegelung für Türen, Kofferraumdeckel und Tankklappe und auf Wunsch eine Klimaanlage.

    Mercedes-Benz 600 (1963) - Rahmenbodenanlage
    © Copyright / Fotograf: Daimler AG

    Fahrwerksseitig setzte man auf vordere Einzelradaufhängungen an Trapez-Dreiecksquerlenkern und eine Eingelenk-Pendelachse mit tiefgelegtem Drehpunkt und Schubstreben hinten. Die Karosserie war auf die bewährte Rahmenbodenanlage aufgesetzt, das minimale Trockengewicht lag bei 2300 kg.

    Fast unbezahlbar

    Bestellt werden konnten neben den drei grundsätzlichen Ausführungen auch verschiedene Sitzkonfigurationen und exklusive Sonderausstattungen wie etwa eine eingebaute Bar, eine Gegensprechanlage, ein Stahlschiebedach, Necessairefächer oder damals modernstes Kommunikationszubehör wie Fernseher oder Mobiltelefon.

    Mercedes-Benz 600 (1965) - Telefonanlage in einem Pullman-Landaulet
    © Copyright / Fotograf: Daimler AG

    Doch bereits der Startpreis dürfte nicht kaufkräftige Interessenten schnell abgeschreckt haben, denn der günstigste 600 stand mit 56’500 DM oder rund 74’000 Franken in der Preisliste, als er rund 12 Monate nach der Vorstellung im Jahr 1964 lieferbar war. Für dieses Geld erhielt man 1964 immerhin rund 14 VW Käfer in der Standardausführung. Über die 17-jährige Bauzeit verdoppelte sich der Preis, der Abstand zum normalen Auto blieb gewahrt.

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    Begeisterte Presse

    Die Spitzenklassen-Limousine erhielt erwartungsgemäss viel Aufmerksamkeit, die Automobil Revue etwa widmete ihr drei komplette Seiten, erklärte jedes Detail. Und natürlich setzten sich die Redakteure auch liebend gerne hinter das Lenkrad: “Die Beschleunigung entspricht den Erwartungen, die man an einen Wagen mit einem Leistungsgewicht von knapp 10 kg pro DIN-PS stellt. Nach rund 10 sec zeigt der Tacho bereits 100, nach weiteren 10 sec über 140 km/h. Dabei befindet man sich bereits im vierten Gang ... Die ersten Kurven werden mit einigem Respekt vor den zweieinhalb Tonnen des Wagens sanft angefahren. Diese Zurückhaltung erweist sich nach kurzer Zeit als völlig deplaziert. Der «Grosse Mercedes» ist ein ausgesprochen kurvenfreudiger Wagen, der sich wie ein halb so schweres, sportliches Coupé verhält”, lobten die Tester der AR.

    Mercedes-BEnz 600 (1963) - Fahrdynamik einprägsam demonstriert
    © Copyright / Fotograf: Daimler AG

    Die Automobil Revue aber fuhr nicht nur selber, sondern liess sich auch vom legendären Rennfahrer Juan-Manuel Fangio chauffieren. “Es war ein Erlebnis. Fangio ist der beste Herrschaftschauffeur, den man sich vorstellen kann”, wurde damals notiert. “Man muss ihm zusehen, wie er sich zurechtsetzt. Fahrersitz und Lenkrad des 600 hat er peinlich genau auf seine Dimensionen eingestellt (ein Kinderspiel mit diesem Wagen). Entspannt ruht sein Körper im Fauteuil. Der Kopf ist geradeaus gerichtet, die Augen blicken scharf auf den Verkehr. Arme und Beine rühren sich kaum; sanft und koordiniert bewegen sich Finger, Hände und der rechte Fuss.” Auf freiem Gelände gibt Fangio dann schon einmal Gas: “Eine Serie enger Kurven. Für Fan- gio eine Gelegenheit, das Lenkrad ausnahmsweise mit mehr als zwei oder vier Fingern zu streicheln. Schon sind wir mit Maximaltempo um eine Kehre herum. «Non corica», meint er strahlend. «Er neigt überhaupt nicht» ...”. Es muss ein Erlebnis gewesen sein, hinter einem der besten Rennfahrer aller Zeiten im Fond mitzufahren.

    Auch Herr Wolf von der ADAC Motorwelt zeigte sich begeistert von Motor und Getriebe, aber noch mehr vom einstellbaren Fahrwerk der grossen Limousine: “Wer .z. B. die Bodenwellen der Untertürkheimer Versuchsstrecke bei scharfen Durchfahrten nicht weich und nicht komfortabel, sondern sportlich, kürzer und härter nehmen will, legt nur einen Hebel für die Stossdämpfereinstellung herum. Und wenn er über das einmalig niederträchtige Klamottenpflaster dieses Kurses fahren will, genügt ein weiterer Hebel, um die Höhe der Bodenfreiheit nach oben hin zu korrigieren.” Für Wolf war der Mercedes-Benz 600 ein Auto, mit dem sich einmalig fahren liess.

    Gleiten statt Hetzen

    Selbst über 50 Jahre nach der ersten Vorstellung vermag der Mercedes-Benz 600 zu beeindrucken. Nicht nur wegen seiner schieren Grösse, sondern auch wegen seines Komfortniveaus. Hinten wie vorne sind die Platzverhältnisse formidabel, der Wagen rollt feinfühlig ab und lässt sich mit der Servolenkung gut manövrieren, so dass man die ausladenden Dimensionen (5,54 x 1,95 Meter) kaum spürt. Man kann gut verstehen, dass sich die Herrschaften damals wohl fühlten. Und geradezu verblüffend ist die Geschwindigkeit, mit der die Hydraulik die Fenster senken und heben kann. Nur seinen Finger möchte man der Technik da nicht opfern.

    Mercedes-Benz 600 (1967) - rund 205 km/h schnell
    © Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

    Der Motor säuselt leise vor sich hin, die Automatik wechselt die Gänge unauffällig, die Rundumsicht ist hervorragend. Nur, wenn man alleine unterwegs ist, kommt man sich etwas komisch vor, bei drei Tonnen bewegtem Stahl und der schönen, aber unbenutzten Rückbank ...

    Für diejenigen, für die nur das Beste gut genug war

    Natürlich richtete sich der Mercedes-Benz 600 an die Reichen und Prominenten jener Zeit. So fuhr unter anderem die Opernsängerin Maria Callas gleich zwei Mercedes 600 hintereinander, aber auch dem Papst Paul VI. stellte man eine ganz besonders ausgerüstete Variante zur Verfügung.

    Mercedes-Benz 600 (1965) - Sonderausführung für Papst Paul VI.
    © Copyright / Fotograf: Daimler AG

    Dabei handelte sich sich um eine viertürige Pullman-Landaulet-Version, die neben dem einzelnen Sessel im Fond auch noch einen erhöhten Dachaufsatz, verlängerte, direkt an die vorderen Türen anschließende Fondtüren sowie einen höhergelegten Fondboden ohne störenden Kardantunnel aufwies. Immerhin rund 20 Jahre tat dieser Wagen seine Pflicht im Dienste des kirchlichen Oberhauptes, jetzt steht er im Museum.

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    Langes Leben

    Der Mercedes-Benz 600 blieb nicht die einzige Limousine, die den Motor M 100 im Bug fügten. Es folgte der “sportliche” 300 SEL 6.3 und in den Siebzigerjahren der Schnellgleiter 450 SEL 6.9, die aber beide ein vergleichsweise kurzes Leben führten, während  der “Grosse Mercedes” beeindruckende 17 Jahre (weitgehend von Hand) gefertigt wurde, bis das letzte Exemplar im Sommer 1981 die Produktionsstätte in Sindelfingen verliess.

    Mercedes-Benz 600 (1967) - drei Autos, dreimal derselbe Motor - 300 SEL 6.3, 600 und 450 SEL 6.9
    © Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

    Doch trotz der langen Bauzeit sind die 600-er selten geblieben , denn es wurden nur 2677 Exemplare gebaut. Und sie sollen trotz des hohen Preises für Mercedes ein Zuschuss-Geschäft und Prestige-Objekt gewesen sein.

    Mercedes-Benz 600 (1981) - am 10. Juni 1981 verliess der letzte Typ 600 die Fertigung
    © Copyright / Fotograf: Daimler AG

    Pflegeintensive Raritäten

    Kaum ein Mercedes 600 wurde weggeworfen, dazu waren sie einfach zu wertvoll. Die vergleichsweise hohe Überlebensrate und die aufwändige Bauweise haben die Marktnotierungen einigermassen im Zaum gehalten, nur besonders seltene Ausführungen des 600 erreichen sehr hohe Preise an Versteigerungen. Im Vergleich zu anderen Mercedes-Klassikern wie 300 SL oder gar 190 SL dürfen die Preise als günstig bezeichnet werden.
    Der Unterhalt dieser komplexen Limousinen sollte nicht unterschätzt werden, der “Grosse Mercedes” braucht intensive Pflege und stetige Zuwendung. Der Treibstoff-Verbrauch von rund 15 bis 25 Litern pro 100 km fällt in der Gesamtrechnung kaum ins Gewicht.

    Mercedes-Benz 600 (1967) - auch hinten liessen sich die Scheiben hydraulisch heben und senken
    © Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

    In perfektem Zustand  jedenfalls erfreut der Mercedes 600 auch heute noch mit konkurrenzlosem Komfort und überraschend sportlichen Fahrleistungen. Und vielleicht kommt seine grosse Zeit als Klassiker ja noch ...

    Wir danken der Oldtimer Galerie Toffen für die Gelegenheit, den weissen Mercedes-Benz 600 von 1967 fotografieren zu können.

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    ···
     
    Quelle:

    Neueste Kommentare

     
     
    MIKE DREHER:
    01.09.2015 (20:41)
    Am meisten MB 600 innerhalb einer Stunde sah ich im Oktober 1974 in Pyöngyang: einen beigen, einen hellblauen und einen schwarzen. Alle ohne Autonummer. Wer es wissen musste, wusste, wer in welchem Wagen zum Wohle des nordkoreanischen Volkes bewegt wurde. Wahrscheinlich gab's noch weitere Farben.
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