Mercedes-Benz 600 SL - mehr sportlicher Luxus unter freiem Himmel geht fast nicht

Erstellt am 21. Juli 2016
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
53
Daimler AG 
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Bruno von Rotz 
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MovieMaiD 
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Archiv 
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1989 gehörte das Mercedes-Benz Cabriolet der Baureihe R129 zu den Hauptattraktionen des Genfer Autosalons. Der auf Sicherheit und Komfort getrimmte offene Wagen überzeugte mit seinem modernen Design, das Bruno Sacco zu verdanken war. Es gab ihn mit drei oder fünf Litern Hubraum, respektive sechs oder acht Zylindern. Der neue Sportwagen wurde zwar etwas teurer als sein Vorgänger, repräsentierte gleichzeitig aber auch das Machbare.


Mercedes-Benz 600 SL (1992) - das Hardtop war Teil der Serienausstattung
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

“Danke, das genügt”

In der zweiten Hälfte des Jahres 1992 übertitelte die Zeitschrift Auto Motor und Sport einen Testbericht der bislang opulentesten R129-Variante mit der Überschrift “Danke, das genügt”. Götz Leyrer hatte das Vergnügen gehabt, den 600 SL mit zwölf Zylindern und sechs Litern Hubraum zu testen. Und offenbar war er der Meinung, dass mehr - Hubraum und Luxus - wirklich nicht mehr nötig seien.

Mikroprozessorgesteuertes Hydraulik-Wunderwerk

Der R129, gebaut von 1989 bis 2001 war bei seiner Präsentation am Genfer Autosalon des Jahres 1989 ein äusserst fortschrittliches Auto. Alleine seine Dachkonstruktion schon war ein Meisterwerk. Auf Schalterdruck öffnete oder schloss sich das Dach komplett vollautomatisch, wobei sich sowohl die Scheiben selber senkten als auch der Deckel des Verdeckkasten sich selbsttätig in Position brachte.


Mercedes-Benz 600 SL (1992) - oben ohne
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Besonders hohen Bedienungskomfort bot das neu konstruierte elektrohydraulische Verdeck, mit dem der neue SL serienmäßig ausgestattet war. Allein durch Betätigen eines Schalters konnte das Verdeck innerhalb von 30 Sekunden geöffnet und im Verdeckkasten abgelegt oder aus dem Verdeckkasten herausgeholt und geschlossen werden.


Mercedes-Benz 600 SL (1992) - das Dach schliesst sich vollautomatisch - sogar die Scheiben senken und heben sich dabei von selbst
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Gleichzeitig wurden die Seitenscheiben und der Überrollbügel abgesenkt und anschließend wieder in die Ausgangsstellung zurückgeführt. Die Energie zur Betätigung des Verdecks lieferte eine elektrisch angetriebene Hydraulikpumpe, die zusammen mit dem Ölvorratsbehälter in der Reserveradmulde untergebracht war. Die Überwachung der mikroprozessorgesteuerten Bewegungsabläufe erfolgte durch 17 Endschalter, und die Hydraulikanlage umfaßte 15 Druckzylinder sowie 11 Magnetventile.

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Komfort-Motorisierung

Nach den vorausgeschobenen 300- und 500-SL-Varianten erschien Mitte 1992 der Zwölfzylinder, den man schon aus der S-Klasse kannte. Überraschenderweise allerdings hatte der 5987 cm3 grosse Motor bei der Transplantation 13 PS verloren. Die Erklärung dafür war eine Anpassung im Motormanagement, mit der man auf die Anfettung des Gemischs bei Volllast zugunsten besserer Abgaswerte verzichtete. Die Käufer dürfte es kaum gestört haben, schliesslich hatte man herausgefunden, dass die grossen Motoren weniger als ein halbes Prozent ihrer Laufzeit im Volllastbereich verbrachten. Zudem waren 395 PS sicherlich ausreichend für einen standesgemässen Vortrieb. Und wem es nicht genug war, der konnte bei AMG später mit dem SL 70 AMG und dem SL 73 AMG auch 496 oder 525 PS ordern.


Mercedes-Benz 600 SL (1992) - fast 400 PS aus sechs Litern Hubraum, überanstrengen musste sich der Motor nicht
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Der “normale” Zwölfzylinder hatte im 600 SL aber durchaus etwas zu tun, schliesslich hatte das Leergewicht des Cabriolets mit seinem Einbau um rund 100 kg zugenommen und betrug nun über zwei Tonnen. Mit 6,5 Sekunden für den Spurt von 0 bis 100 km/h konnte sich aber kaum jemand beklagen.

Der Wermutstropfen folgt dann allerdings beim nächsten Tankstopp, der trotz 80-Liter-Tank durchaus bereits nach 400 km Fahrstrecke nötig sein kann, denn auch Verbräuche über 20 Liter pro 100 km waren bei beherzter Fahrweise nicht unmöglich. Immerhin darf es dann auch der 95-Oktanige sein.

Auf bewährter Basis

Bei der Entwicklung des R129, der auf den lange gebauten R107 (1971 bis 1989) folgte, orientierte man sich am bewährten W124. Als Hinterachse griff man zu einer Mehrlenker-Konstruktion, vorne führten Doppelquerlenker die Räder.

Sicherheitstechnisch bedeutete der 1989 vorgestellte R129 einen grossen Schritt nach vorne. “In vielen Punkten besitzt er Limousinenqualität”, stand in einem Verkaufsprospekt. Eine Sicherheitskarosserie mit ausklappbarem Überrollbügel, der in nur 0,3 Sekunden automatisch herausschnellte und damit ein sich überschlagendes Fahrzeug noch rechtzeitig abstützten konnte, setzten neue Massstäbe. Ebenfalls der Sicherheit dienlich waren die Integralsitze und die serienmässigen Airbags. “Das Ende aller Kompromisse”, textete man damals bei Daimler.


Mercedes-Benz 600 SL (1992) - Luxus mit Aussichten nach oben
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Optisch bedeutete der R129 eine Abkehr vom Sindelfinger-Chrom-Barock in Richtung moderner und windkanalorientierter Formen. Bruno Sacco und Johann Tomforde schufen mit dem Cabriolet ein modernes Fahrzeug, das heute immer noch frisch und zeitlos wirkt. 

Umfangreiche Ausstattung

Schon die günstigeren Modelle waren für Mercedes-Begriffe reichhaltig ausgestattet, der 600 SL aber setzte noch eins drauf, denn bei ihm waren ADS (adaptives Dämpfersystem), viel Holz im Interieur, Metallic-Lackierung und Memory-Ledersitze bereits im Serienumfang dabei.
Trotzdem konnte man natürlich auch das Spitzenmodell noch weiter individualisieren, etwa mit orthopädischen Sitzen, Unterhaltungselektronik, Standheizung oder Sitzen im Fond.


Mercedes-Benz 600 SL (1992) - fast alle Ausstattungen waren Serie
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Das Hardtop, dank Aluminiumbauweise rund 10 kg leichter als beim Vorgänger, gehörte zum Serienumfang und machte den Wagen zum eleganten Coupé. Für das Aufsetzen sind allerdings entweder zwei nicht zu schwächliche Männer oder ein - gegen Aufpreis erhältlicher - Hardtop-Lift nötig. Wenn man's kann, dann klappt das Aufsetzen oder Abnehmen in weniger als 60 Sekunden.

Sehr teuer

Glatte 207’000 Franken oder 217’740 DM kostete ein Serien-600 SL anfänglich, während er preislich in Deutschland noch zulegte, wurde der Zwölfzylinder dank Wechselkursverschiebungen in der Schweiz günstiger. Billig aber wurde er nie, schliesslich betrug der Aufpreis gegenüber dem kaum viel langsameren 500 SL satte 50’000 Franken oder 60’000 Mark. Selbst ausstattungsbereinigt war dies doch ein empfindlicher Zuschlag für vier zusätzliche Zylinder, was die Produktionsmenge doch vergleichsweise übersichtlich hielt. 11’089 Zwölfzylinder-Cabriolets (ohne AMG-Modelle) konnten bis ins Jahr 2001 gebaut werden, was etwa fünf Prozent der gesamten R129-Produktion entspricht.

Während der zehnjährigen Bauzeit fanden drei grössere Modellpflegen statt (1995, 1998 und 2000), die aber primär geringfügige optische Retouchen und technische Anpassungen an die Gesamtpalette beinhalteten.

Viel Auto für das Geld

Und heute? Aktuell pendeln sich die Preise für inzwischen über 20-jährige 600 SL in guten Zustand bei rund einem Zehntel des damaligen Neupreises ein, wenn man die Frankenpreise vergleicht, in Deutschland müsste man wohl eher von einem Fünftel bis Achtel sprechen. Für den Preis eines gut ausgestatteten neuen VW Golf erhält man also enorm viel Auto.


Mercedes-Benz 600 SL (1992) - überraschend handlich für ein Zweitonnen-Gefährt
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Dies spürt man bereits beim Einstieg, denn Karosserie und Interieur strahlen auch nach 80’000 km noch eine hohe Wertigkeit aus, das Leder wirkt noch fast wie am ersten Tag, das Holz edel wie eh und je.

Und selbst rund 25 Jahre nach der Vorstellung verblüffen die Komfortattribute des Cabriolets, etwas das automatische Dach oder die gespeicherte Sitzposition samt Einstellungen der Innen- und Aussenspiegel sowie des Lenkrads und der Kopfstützen. Man versteht nun die grosse Anzahl der nötigen Motoren und den Aufwand für die gesamte Verkabelung.


Mercedes-Benz 500 SL (1989) - die Elektrik-Bauteile ausgelegt
Copyright / Fotograf: Daimler AG

“In vielen Punkten ein perfektes Auto also, wenngleich man sich mit Fug und Recht fragen darf, ob es sich lohnt, noch einmal 64’000 Mark mehr auszugeben als für einen 500 SL - aber Luxus ist eben, was man nicht unbedingt braucht - und warum soll es nicht auch Traumwagen geben?”, schloss Leyrer seinen Testbericht im Jahr 1992 ab.

Mühelose Fortbewegung

Also, führen wir den Zündschlüssel, der noch einen richtigen Metallbart hat, in den Schlitz und drehen ihn, denn einen Startknopf gab es damals bei Daimler natürlich nicht. Und schon beginnt der grosse Motor vorne zu säuseln, wobei man vor allem die Nebenaggregate hört. Man führt den Automatik-Wahlhebel durch die winklige Gasse in die Drive-Position und los gehts.


Mercedes-Benz 600 SL (1992) - vom Motor hört man nur ein leises Säuseln
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Mühelos setzt sich das Cabriolet in Bewegung, die Geschwindigkeit nimmt stetig zu, schon nach kurzer Zeit ist der vierte (und oberste Gang) drin und der Motor dreht im knappen Tausenderbereich. Heruntergeschaltet wird kaum je, sowohl Innerorts- als Ausserorts-Fahrten werden im vierten Gang abgewickelt. Krawall macht der 600 SL dabei kaum, nicht einmal, wenn man ihn ausdreht, um die Fahrleistungen auszukosten. Ferrari-Symphonien darf man vom Mercedes nicht erwarten, dies hätten die Kunden auch sicherlich gar nicht gewollt. Für sie passte wohl das gedämpfte, hochfrequentige Summen deutlich besser.

Den meisten Passanten wird Spitzenklassen-Status des 600 SL also gar nicht auffallen, es sei denn, sie haben das V12-Zeichen auf der Flanke entdeckt. Ansonsten könnte der Wagen auch locker als Sechszylinder-Variante durchgehen, denn optisch unterscheiden sich die einzelnen Modelle kaum.

“Der SL ist ganz menschlich”, schrieben die Marketing-Leute in den Prospekt. Dies hat sicherlich etwas Wahres, wenn man die Komplexität des menschlichen Körpers mit dem Aufbau eines 600 SL vergleicht. Vor allem aber ist der SL etwas für Genussmenschen, denn eine Fahrt im offenen R129 ist sicherlich eine der schönsten Auszeit-Formen.


Mercedes-Benz 600 SL (1992) - macht vor allem im Sommer Spass
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Wir danken der Oldtimer Galerie in Toffen für die Gelegenheit zur Probefahrt im frühen 600 SL (Jahrgang 1992).

Weitere Informationen

  • Auto Motor und Sport, Heft 16/1992, ab Seite 20: Test Mercedes-Benz 600 SL
  • Auto Motor und Sport, Heft 19/1992, ab Seite 14: Vergleichstest Mercedes-Benz 600 SL, Jaguar XJR-S 6.0, Mazda RX-7, Ferrari 512 TR, Porsche 928 GTS

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von me******
20.10.2020 (21:31)
Antworten
Würde ganz klar einem 500er den Vorzug geben. Gleiche Fahrleistungen und wesentlich weniger Wartungskosten. Schade, dass Mercedes den 129er nicht weiterentwickelt hat, er wäre noch heute der Luxussportwagen schlechthin. Hoffentlich tritt der neue SL 2021 in seine Fußstapfen
von ha******
20.10.2020 (13:04)
Antworten
Ein sehr schönes Auto mit hoher Alltagstauglichkeit. Gute Ersatzteilversorgung aber teure Wartung.
Franz Josef Kohtes
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