Mercedes-Benz 300 SL - der gezähmte Rennwagen für die Schickeria der Sechzigerjahre

Erstellt am 19. April 2011
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Bruno von Rotz 
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Archiv 
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Romy Schneider fuhr einen Mercedes-Benz 300 SL Roadster, zusammen mit Alain Delon sind sie sogar auf einem Foto fahrend im Auto abgebildet. Sie waren nicht die einzigen Prominenten, die Ende Anfangs der Sechzigerjahre einen 300 SL ihr Eigen nannten. Clark Gable, Gina Lollobridgida, Zsa Zsa Gabor, Juan Peron, Gunter Sachs, Juan Manuel Fangio oder Herbert von Karajan, um nur einige zu nennen, sie alle fuhren 300 SL.

Und damit wurde und wird das Auto gerade mal noch wertvoller! Dabei sind die W198, so nannte Mercedes-Benz die Baureihe, auch so schon sehr teuer. Ein Flügeltürer wechselte im Januar 2011 an einer Auktion in den Staaten für 1 Million USD den Besitzer und selbst die weniger gesuchte Cabrio-Version, der die berühmten Flügeltüren fehlen, wechselt kaum mal für weniger als CHF 400’000.- die Hand. Dabei sind die Fahrzeuge noch nicht mal so selten. Fast 3’300 Exemplare wurden gebaut, die grössere Hälfte davon als Cabrioversionen. Da ist eine Shelby Corba oder ein Ferrari 250 GT Lusso wesentlich seltener und erreicht trotzdem keine wesentlich höheren Preise. Das muss doch einen Grund haben!

Die Wurzeln im Rennsport

Die Geschichte des 300 SL beginnt im Jahr 1952, als Mercedes einen Werks-Sportwagen mit einem auf 175 PS frisierten Motor des Tourenwagens 300 ausrüstete und damit erfolgreich an Rennveranstaltungen rund um die Welt - u.a. Mille Miglia, Carrera Panamericana, Le Mans - teilnahm. Aus diesem Rennwagen entwickelte man eine Strassenversion, übernahm dabei die Karosserieform und die Flügeltüren, kultivierte aber den Motor mit einer Direkteinspritzung.

Zuerst das Coupé, dann das Cabrio

Das Coupé behielt seine Nähe zum Rennsport und war zwar ein ausserordentlich schneller, aber nicht besonders komfortabler Sportwagen. Die Hitzeentwicklung im Innern des Fahrzeugs war legendär und das Einsteigen über die hohen Türschwellen überforderte manchen Gentleman.

Am Genfer Salon 1957 debütierte dann der 300 SL Roadster, die offene Version, mit konventionellen Türen und neuer (promi-tauglicher) Hinterachsaufhängung. Mehr Komfort, weniger Sportlichkeit, schwerfälliger und alltagstauglicher, das waren die damals geäusserten Vorurteile. Dabei war die Nähe zum Rennwagen geblieben, denn auch die offene Version hatte den Rohrrahmen behalten, lediglich für die neuen Türen waren Anpassungen nötig. Auch der 215 PS starke Einspritzmotor blieb, genauso wie die Trommelbremsen, die erst nach einigen Jahren Bauzeit Scheibenbremsen wichen.

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Modern und kultiviert zu fahren

Stellen wir uns jetzt die zierliche Romy Schneider vor - wie ging sie mit diesem Strassen-Derivat eines Rennsportwagens um? Konnte sie ein derartiges Fahrzeug überhaupt meistern? Bestimmt, denn an den Fahrer stellte der 300 SL im Alltagsverkehr keine höheren Ansprüche.

Der 300 SL wird mit Zündschlüssel gestartet wie andere Wagen auch. Die Pedalerie folgt den gängigen Standards, die Kupplung liegt links und erfordert zwar gut trainierte Waden, greift aber sanft und gleichmässig. Die Schaltung ist selbst für heutige Begriffe gut definiert und exakt, das Vierganggetriebe gibt keine Rätsel auf. Starten, losfahren, beschleunigen, alles kein Problem. Auch für Romy Schneider nicht, und vermutlich liess sie sowieso den Alain fahren. An kleine Besonderheiten wie den Blinker, der durch Drehung des Huprings aktiviert wurde, gewöhnten sich auch die Prominenten der Sechzigerjahre leicht.

Einer der schnellsten Wagen seiner Zeit

Die Automobil Revue hatte 1958 die Gelegenheit, einen Mercedes-Benz 300 SL in verschiedenen Konfigurationen (mit/ohne Coupé-Dach, offen/geschlossen, etc.) auf der deutschen Autobahn zwischen Ingoldstadt und München auf Höchstgeschwindigkeit zu prüfen und erreichte 242,5 km/h mit dem für Rennveranstaltungen optimierten Sportroadster und 237 km/h mit dem Coupé-Dach. Von 0 bis 100 km/h beschleunigte der Wagen in 7,9 Sekunden, 200 km/h waren bereits nach 43,8 Sekunden erreicht.

Diese Werte werden zwar heute selbst durch Diesel-Limousinen übertroffen, aber Anfangs der Sechzigerjahre fuhr das Volk VW Käfer und der erreichte gerade mal 114 km/h und brauchte schon bis 100 km/h fast so lange wie der SL bis 200 km/h. Und selbst der direkte Konkurrent BMW 507 schaffte nur 220 km/h Höchstgeschwindigkeit. Man muss den 300 SL, der damals rund 40’000 Franken (oder 32’500 DM) kostete, mit modernen Wagen vom Schlag eines Bugatti Veyron, Pagani Zonda oder SLR-McLaren vergleichen. Er verkörperte das zivilisierte Machbare.

Aber die Bremsen

Romy Schneider und Alain Delon konnten sich auf den damals noch relativ leeren Autobahnen austoben und mussten vermutlich nicht allzu häufig in die Eisen steigen. Wenn doch, dann wäre ein wirklich beherzter Tritt auf das Bremspedal nötig gewesen. Je nach Strassenoberfläche und Zustand der Bremsen - Trommelbremsen an allen vier Rädern - hätten nur schnelle Lenkkorrekturen den Sportwagen auf Kurs gehalten. Für heutige Autofahrer hat dieses Bremsverhalten gewiss etwas abenteuerliches und man versteht, warum Jaguar mit den Scheibenbremsen so stark im Vorteil war im Le Mans der Fünfzigerjahre.

Klangorgie

Es gab damals schon Autoradios, aber die beste Musik im 300 SL kommt aus den Auspuffrohren - bis 2000/2500 U/min noch gedämpft, danach melodiös, ab 5’500 Umdrehungen reinrassiger Rennwagen-Sound. Da haben selbst ausgetüftelte Klappensysteme moderner Sportwagen keine Chance, so tönen nur klassische Reihensechszylinder. (man höre sich die Sound-Müsterchen unter Multimedia an!)

Warum war der Wagen für das “Who is Who” so interesssant?

Kein Zwölfzylinder, eine vergleichsweise schlichte Karosserie. Was machte diesen Wagen so begehrenswert, dass die Berühmten der Welt dafür beinahe Schlange standen? Vielleicht schätzte ja gerade diese Klientel die Alltagstauglichkeit und Zuverlässigkeit, die der W198 verkörperte. Und vielleicht machte Mercedes-Benz einfach einen sauguten Verkaufsjob und die damaligen sozialen Netzwerke taten ein Übriges?

Wir jedenfalls beneiden heute Romy Schneider und Alain Delon, die vor 50 Jahren die automobile Quintessenz geniessen durfte und stellen uns vor, wie sie in der Umgebung von Paris einen Picknick-Halt machten, den massgeschneiderten Korb mit Esswaren aus dem Kofferraum holten und das taten, wozu im engen 300 SL mit den sportlichen Kübelssitzen kein Platz war.

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