Lotus Seven S1 – der sportliche Einbaum von der Insel

Erstellt am 17. April 2020
, Leselänge 6min
Text:
Daniel Koch
Fotos:
2019 Courtesy of RM Sotheby's 
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Bruno von Rotz 
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Courtesy of RM Sotheby's 
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Courtesy RM/Sotheby's 
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Archiv 
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Kaum ein Sportwagen kann auf eine so lange Geschichte zurückblicken wie der kleine, offene Lotus mit den (fast) freistehenden Vorderrädern. Ausnahmen wären etwa der Porsche 911, dessen Produktion 1963 begann, und der nach vielen Evolutionsstufen heute noch gebaut wird, oder der vierrädrige Vierzylinder-Morgan, dessen Karierre schon 1935 startete und der bis heute produziert wird. Am Morgan wurde im Laufe der Jahrzehnte wesentlich weniger erneuert als am Porsche. Seit 2019 ist aber auch beim Morgan fast alles neu, denn für das Chassis wird seit 2019 Aluminium anstatt Stahl verwendet. Und der Holzrahmen, der bisher die Karosseriebleche getragen hat, wurde ebenfalls durch Alu ersetzt.

Inzwischen scheint es also, als wäre der 1957 vorgestellte Seven der letzte dieser Ahnenreihe, der die wenigsten grundlegenden Änderungen erfahren hat. Er wird von Caterham bis heute hergestellt und einige Kleinserienhersteller konstruieren weitere Derrivate.


Lotus Seven (1959) - der Schöpfer Colin Chapman mit seinem Sportwagen
Archiv Automobil Revue

Der Seven erfuhr zwar seit der ersten Serie viele Upgrades, Verbesserungen und Leistungssteigerungen. Im Grunde ist er aber immer noch der Inbegriff von Colin Chapmans Gedankengut, das man auch in neueren Modellen erfahren kann. Von den Seven-Enthusiasten wird der Sportler gerne "Einbaum" genannt, was durchaus nicht abschätzig gemeint ist.

Anfänge in der Hauptstadt Grossbritanniens

Colin Chapmans Lotus-Werkstatt am Tottenham Lane in London war in den Fünfzigerjahren nicht viel mehr als eine kleine Werkstatt mit einem Schild über der Tür, die auf die Firma hinwies. Der damals 25-jährige Ingenieur hatte bereits eine gute Reputation in der Konstruktion von Wettbewerbsfahrzeugen, die bei sogenannten "Trials" eingesetzt wurden. Diese Wettbewerbe waren auf der britischen Insel nach dem Zweiten Weltkrieg sehr beliebt, und werden heute noch ausgetragen. Dabei gilt es, sich mit kleinen, leichten Fahrzeugen auf Off-Road Parcours mit den Konkurrenten zu messen. Schon bald baute Chapman auch Rennwagen für die aufkommenden Club-Rennen auf Rundstrecken, bei denen sein Mark VI beachtliche Erfolge erzielen konnten.


Lotus Mk VI (1954) - mit Ford-1000-ccm-Motor
Archiv Automobil Revue

Diese Club-Racer sollten auch strassentauglich sein und verfügten daher über eine Beleuchtung und einen einfachen Wetterschutz.

Der Trick mit dem Bausatz beim Mark VI

Da fertig aufgebaute Fahrzeuge in Grossbritannien mit einer hohen Steuer belegt waren, bot Lotus den Mark VI als Bausatz an. Es wird kolportiert, dass solchen Bausätzen aber keine Bauanleitungen beigelegt werden durften. Chapman lieferte den Kunden deshalb eine Demontageanleitung, die zum Zusammenbau einfach in umgekehrter Reihenfolge abgearbeitet werden musste. Ob diese Geschichte wahr oder eine schöne Legende ist, bleibe dahingestellt. Aber sie würde bestens zu Colin Chapman passen, der auch später dafür berühmt war, in Reglementen verschiedener Rennsportklassen jede mögliche Lücke zu seinem Vorteil zu nutzen.


Lotus Seven (1958) - diesen Bausatz erhielt der begabte Handwerker
Archiv Automobil Revue

Der Verkauf von Bausätzen anstatt fertiger Fahrzeuge reduzierte den Preis (dank wegfallender Steuern) drastisch und bot auch weniger betuchten Sportwagen-Enthusiasten die Möglichkeit, bei Motorsport-Veranstaltungen mitmachen zu können.

Angebote von Zwischengas-Spezialisten
Chevrolet Corvette C1 (1961)
Mini Metro Moritz (1984)
Austin Healey (1964)
Porsche 912 (1969)
+41 (0)71 450 01 11
St. Margrethen, Schweiz

Schönheit neben spartanischem Sportler

An der Earls Court Motor Show 1957 wurde neben dem sündhaft schönen Elite Coupé der Lotus Seven vorgestellt, der den Mark VI ablöste. Über den Seven sagte Colin Chapman anlässlich der Premiere: "Von einem Fahrzeug wie dem Seven träumte ich als Schuljunge. Ich hatte nun die Möglichkeit, dieses Auto zu bauen. Es wurde das einfachste, leichteste kleine Auto mit den höchsten Fahrleistungen, das uns möglich war zu konstruieren. Ein Studentenauto, wenn Sie so wollen, oder ein vierrädriges Motorrad". Auch der Lotus Seven wurde wieder als Bausatz angeboten.


Lotus Seven (1960) - gerne im Clubsport eingesetzt
Archiv Automobil Revue

Nachfolger mit Verbbesserungen

Selbst wenn der Seven seinem Vorgänger ähnelte, war er als eigenständiges Auto erkennbar. Das kurvige Heck des Mark VI wich einem funktionalen, eckigeren Aufbau. Dadurch entstand hinter den Sitzen über dem Tank etwas Platz, um kleines Gepäck unterzubringen.


Lotus Seven S1 (1957) - Rechtslenker mit Brooklands-Scheiben
Copyright / Fotograf: 2019 Courtesy of RM Sotheby's

Die freistehenden Vorderräder wurden beibehalten und die Aluminium-Panels fertigte weiterhin der Spezialist "Williams and Pritchard".


Lotus Seven S1 (1957) - Alukarosserie auf Gitterrohrrahmen
Copyright / Fotograf: 2019 Courtesy of RM Sotheby's

Leichtbau vom Feinsten

Die Karosserieteile wurden von einem filigranen Gitterrohrramen getragen. Chapmans Credo war schon früh "Adding power makes you faster on the straights, substracting weight makes you faster everywhere" (etwa: Mehr Leistung macht dich auf den Geraden schneller, weniger Gewicht macht dich überall schneller).


Lotus Seven S1 (1957) - Klassische Seven-Seitenlinie
Copyright / Fotograf: 2019 Courtesy of RM Sotheby's

Nach diesem Grundsatz konstruierte er den Rahmen des Seven, die meisten Rohre hatten einen Durchmesser von nur 1 oder ¾ inch (2.54 oder 1.905 Zentimeter).

Motorenauswahl

Angetrieben wurden die Seven der Serie 1 von unterschiedlichen Motoren. Chapman verbaute Triebwerke von Coventry-Climax, BMC und Austin. Die Motoren verfügten über einen Hubraum von 948 bis 1172 ccm und leisteten zwischen 28 und 75 PS, was eine beachtliche Leistungsspanne bedeutete.


Lotus Seven S1 (1957) - Coventry-Climax Motor mit 75 PS
Copyright / Fotograf: 2019 Courtesy of RM Sotheby's

Die ersten Fahrzeuge der Serie 1 wurden jedoch mit einem Ford-Motor ausgeliefert. Der 1172 ccm kleine Antrieb leistete immerhin rund 40 PS. Unser porträtierter "7A" wurde mit dem BMC Vierzylindermotor ausgestattet, der aus 948 ccm 37 PS herausholte. Diesen Antrieb nutzten übrigens auch der Morris Minor und der Austin A35. Die vier Gänge wurden natürlich manuell sortiert.

Federgewichts-Klasse

Mit einem Gewicht von nur 329 bis 408 Kilogramm waren die 335 Zentimeter kurzen und 148 Zentimeter breiten Seven der ersten Serie wahre Federgewichte. Entsprechend leichtfüssig liessen sie sich auch bewegen, den Sprint von 0 auf 100 km/h erledigte der Serie 1 BMC-Motor in rund 15 Sekunden. Das mag nach heutigen Massstäben nicht atemberaubend sein. Damals war das aber ein Wert, nachdem sich auch wesentlich teurere Sportwagen strecken mussten.


Lotus Seven Coventry Climax (1958) - frühe Version des belieben Freizeit-Sportwagens - am Swiss Classic British Car Meeting Morges vom 4. Oktober 2014
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Beim Fahrwerk entschied sich Chapman für eine Starrachse hinten. Die unabhängige Vorderradaufhängung mit doppelten Querlenkern stammte von einem Mark 12 Formel-Fahrzeug und wurde auch im Elite verwendet. Verzögert wurde mit Trommelbremsen an allen vier Rädern.

Beeindruckte Fachpresse auf dem Kontinent

Ausserhalb Grossbritanniens war der Seven auch 1959, zwei Jahre nach seiner Premiere in London, offenbar noch weitgehend unbekannt. Die deutsche Fachzeitschrift "auto, motor und sport" schrieb anlässlich von Testfahrten mit verschiedenen Fahrzeugen von der britischen Insel:
"Den Anfang machten wir mit einem Wagen, von dem man hierzulande kaum etwas weiß: dem Lotus Seven. So, wie wir ihn fuhren, könnte man sich mit ihm bei uns überhaupt nicht auf der Straße sehen lassen, denn die energischen Auspufftöne des 1100 ccm-Coventry-Climax-Motors (obenliegende Nockenwelle, Leistung nicht weniger als 85 PS) waren nur durch einen dürftigen Competition-Auspuff gedämpft. Die Normalausführung – wir fuhren den „Super Seven" – erhält den braven Ford Anglia-Motor mit 36,5 PS. Der Super Seven ist ein Spezialauto für die in England zahlreichen kleinen Club-Races, kein Straßensportwagen. Kotflügel, Lampen und Windschutzscheibe können leicht abgenommen werden, und in abgemagertem Zustand läßt er sich auf ein Leistungsgewicht um 4kg/PS herunterbringen. Zwei nicht zu umfangreiche Personen haben gerade Platz im engen Cockpit, Lenkung, Schaltung und Instrumentierung sind rennwagenmäßig spartanisch. Aber das kleine Auto geht los wie ein Geschoß und hat eine gute Straßenlage. Von der Federung hat man allerdings das Gefühl, als sei sie gar nicht vorhanden. Ein Auto für Leute, die Spaß dran haben!"


Lotus Seven S1 (1957) - Selbst bei der Halterung des Aussenspiegels wurde Gewicht gespart
Copyright / Fotograf: 2019 Courtesy of RM Sotheby's

Seltene Serie war damals ein Schnäppchen

Der Seven kostete (als Bausatz) 1957 bei seiner Vorstellung je nach Motorisierung 587.-, 611.- oder 700.- Britische Pfund, was heute teuerungsbereinigt etwa CHF 30'000.- oder EUR 28'000.- entspricht.


Lotus Seven S1 (1957) - Aufgenietetes Kennzeichen aus Italien
Copyright / Fotograf: 2019 Courtesy of RM Sotheby's

Optimierter Renner

Unser vorgestellter Seven mit Baujahr 1957 erhielt im Laufe seines Lebens einige Optimierungen. So wurde dieses "A-Modell" mit einem BMC-Motor ausgeliefert, den ein früherer Besitzer offenbar mit dem Coventry-Climax Antrieb ersetzte, wie er auch im Elite verwendet wurde. Der auf 75 PS erstarkte Sportler erhielt einige neuzeitliche Accessoires wie den Überrollbügel und die Notabschaltung für den Stromkreislauf. Die Stahlfelgen wurden durch lackierte Speichenfelgen mit Zentralverschluss ausgetauscht.


Lotus Seven S1 (1957) - Mit klassischer Dunlop-Rennbereifung
Copyright / Fotograf: 2019 Courtesy of RM Sotheby's

Dieser Lotus Seven wird als "7A Series 1 Roadster" an der RM/Sotheby's Auktion "The Elkhart Collection" angeboten, die am 23. und 24. Oktober 2020 stattfindet.

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