Lancia Aurelia B52 Vignale - das elegante Gesellenstück des Rodolfo Bonetto

Erstellt am 6. Mai 2017
, Leselänge 3min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Tim Scott - Courtesy RM/Sotheby's 
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Archiv 
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Die Hauptattraktion am Turiner Autosalon im Mai 1950 war der oder die Lancia Aurelia. Zu jener Zeit wurden die Geschicke der traditionsbewussten Autofirma immer noch von der Familie des Gründers Vincenzo Lancia geführt. Im Konstruktionsbüro aber leitete der begabte Ingenieur Vittorio Jano die Entwicklung des frisch präsentierten Tourenwagen, der die Nachfolge des Modells Aprilia antreten sollte.


Lancia B52 Vignale Coupé (1952) - ein elegantes Coupé, dem die Zweifarbenlackierung gut steht
Copyright / Fotograf: Tim Scott - Courtesy RM/Sotheby's

Innovative Technik

Grösser, geräumiger, stärker und schneller als ihr Vorgänger sollte die Aurelia werden und trotzdem kompakt und wendig bleiben. Mit einem Radstand von 2,86 Metern und einer Gesamtlänge von 4,42 Metern war dieses Vorhaben geglückt.


Lancia Aurelia B 21 (1952) - pfostenlose und selbsttragende Limousine
Archiv Automobil Revue

Ein neu entwickelter V6-Motor mit 1756 cm3 Hubraum und 56 PS (bei 4000 U/min) löste das Leistungsversprechen ein. Mit einem Winkel von 60 Grad zwischen den beiden Zylinderbänken, Leichtmetallzylinderköpfen und einer über eine Kette angetriebenen zentralen Nockenwelle war er eine innovative Konstruktion.

Für eine optimale Gewichtsverteilung war das Vierganggetriebe an der Hinterachse und mit dem Differential verblockt eingebaut (Transaxle).
Vorne sorgte die über Jahrzehnte verfeinerte Lancia-Einzelradaufhängung für die Radführung, hinten unabhängige Aufhängungen mit schrägen Dreieckslenkern.

Selbsttragend oder Chassisbauweise

Während die Fabrik-Limousine ohne B-Säule selbsttragend konstruiert war, hatten die Lancia-Ingenieure die unabhängigen Karosseriebauer nicht vergessen und boten daher zusätzlich auch Chassis für Spezialkarosserien (“autotelaio”) an.


Lancia Aurelia (1950) - Autotelaio - selbsttragendes Chassis für Spezialkarosserien
Archiv Automobil Revue

Als Preis für den italienischen Markt wurden im Mai 1950 Lire 1,83 Millionen für die viertürige Limousine B10, Lire 1,24 Millionen für das Chassis B50 und Lire 2,6 Millionen für das Seriencabriolet mit einer Karosserie von Pinin Farina genannt. Letzteres wurde gleichzeitig präsentiert und es nutzte das im Radstand um fünf Zentimeter längere Fahrgestell.

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Zielstrebige Weiterentwicklung

Ein Jahr nach der Präsentation erschien dann auch das zweitürige Coupé B20 GT und die Limousine B21, die nun bereits über einen 1991 cm3 grossen Motor aufwies. Die Leistung stieg mit der zweiten Serie und dem B22 dann auf 90 PS.


Lancia Aurelia B20 GT (1951) - die frühen Coupés waren alle rechtsgelenkt
Archiv Automobil Revue

Auch die weiterhin verkauften Fahrgestelle profitierten vom grösseren Motor und den anderen Neuerungen, die Version zum Bau von Tourenwagen hiess nun B52 (1952-1953). Gegenüber dem sehr populären B50-Fahrgestell, das es auf 485 produzierte Exemplare gebracht hatte, konnten aber nur noch 98 B52-Chassis verkauft werden, was nicht zuletzt daran lag, dass Lancia ja nun selber ein sehr attraktives Coupé (B20 GT) anzubieten hatte.

Rund 20 dieser Fahrgestelle sollen bei Alfredo Vignale ihren Aufbau erhalten haben. Dort war Giovanni Michelotti für die Linienführung zuständig und die meisten der B52 wurden nach seinen Ideen eingekleidet. Doch es gab eine Ausnahme.

Amerikanisch-Italienischer Design-Hybrid

Der bekannte Rennfahrer (und Kunde Vignales) Felice Bonetto hatte einen Neffen, der gerade zu einer Karriere als Industriedesigner ansetzte. Rodolfo Bonetto, so hiess er, zeichnete auch gerne Autos und einige seiner Entwürfe gelangten - vermutlich via Felice - in die Hand Alfredo Vignales. Offenbar taten die Zeichnungen ihre Wirkung, denn Alfredo entschied, einen der Entwürfe auf Basis des Lancia-B52-Chassis umzusetzen. Er nutzte dazu B52-1054, das Auto wurde noch im Jahr 1953 fertig und es überraschte mit seiner Formgebung.


Lancia Aurelia Coupé 2000 Vignale (1952) - mit charakteristischem Zentralscheinwerfer
Archiv Automobil Revue

Das fertige Coupé enthielt sowohl amerikanische Elemente, wie sie Bob Bourke in Diensten von Raymond Loewy für den 51-er und 52-er Studebaker-Jahrgang entworfen hatte, namentlich die Nase aus dem Düsenflugzeug-Zeitalter. Anders als Studebaker nutzte Bonettos Entwurf aber die Öffnung zur Unterbringung eines zusätzlichen Scheinwerfers.

Der restliche Teil der Linienführung orientierte sich eher italienischen Vorbildern, namentlich den Entwürfen Michelottis auf Ferrari-Fahrgestellen.

Wiederverwertung auf Alfa-Basis

Das Endergebnis jedenfalls überzeugte und Vignale war vermutlich so begeistert, dass er den Entwurf gleich noch ein zweites Mal nutzte, als er einen Alfa Romeo 1900 C einkleidete. Die Unterschiede waren tatsächlich minimal und äusserten sich in einem weggelassenen Lufteinlass auf der Kühlerhaube und veränderten Türgriffen.


Alfa Romeo 1900 C Coupé Vignale (1953) - aufgenommen im Mailand beim Flughafen von Linate
Archiv Automobil Revue

Bonetto selber blieb dem Automobil nicht lange treu, sondern verschob seinen Arbeitsort von Turin wieder nach Mailand, wo er als Industriedesigner erfolgreich und u.a. lange für Olivetti tätig war.

Unter dem Hammer

Der Lancia B52 mit Bonettos Coupé-Design wird nun am 27. Mai 2017 von RM/Sotheby’s an der Villa Erba Versteigerung in Cernobbio unter den Hammer kommen.


Lancia B52 Vignale Coupé (1952) - bei der Gestaltung des Dachs hielt sich Rodolfo Bonetto eng an Entwürfe von Michelotti
Copyright / Fotograf: Tim Scott - Courtesy RM/Sotheby's

Als Schätzpreis werden EUR 250’000 bis 350’000 genannt, was angesichts der Einmaligkeit eigentlich fast wie ein Schnäppchen tönt. Ob das die Sammler so sehen, wird sich an der Auktion weisen.


Lancia B52 Vignale Coupé (1952) - grosses Lenkrad, nicht unbedingt optimal positionierte Instrumente
Copyright / Fotograf: Tim Scott - Courtesy RM/Sotheby's

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