Lamborghini Flying Star II 1966 – Fliegender Stern und Schlussspurt von Touring

Erstellt am 21. März 2013
, Leselänge 5min
Text:
Stefan Fritschi
Fotos:
Archiv Touring Superleggera 
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Bruno von Rotz 
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Archiv 
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Er war einer der Stars am Turiner Autosalon 1966 und gleichzeitig der Schwanengesang der renommierten Carrozzeria Touring mit ihrem Superleggera-Konzept: der Lamborghini 4000 GT Flying Star II.

Die Zeit war für die Kombination von Gran Turismo und Kombi noch nicht reif.


Lamborghini 4000 GT Flying Star II (1966) - Einzelstück von Touring mit eigenständiger Form
Copyright / Fotograf: Archiv Touring Superleggera

Der erste Lamborghini Shooting Brake

Der Lamborghini 350 GT ist der allererste Produktions-Lamborghini, der dem Landmaschinen-Hersteller mit Carrozzeria Touring-Design und –Karosserie zum Durchbruch als Automanufaktur verhilft. Und mit dem hauseigenen, von Giotto Bizzarrini entworfenen 12 Zylinder-Frontmotor aus Aluminium wird er ein feiner Gran Turismo im Sinne von Gentlemen-Driver und Firmengründer Ferruccio Lamborghini. Wenn man an Turismo denkt, kommt man unweigerlich auf den Gedanken, auf die Tour auch Gepäck mitzunehmen: bei vielen GT’s ein wunder Punkt.

Die Idee, einen GT mit ein praktisches Kombiheck zum Wagen für lange Strecken zu machen, ist also naheliegend. Aber damals ist sie es noch überhaupt nicht. Denn der Kombi gilt als Lieferwagen, der in edlen Kreisen nicht geduldet wird. Auch der britische Shooting Brake (oder Break) war ursprünglich alles andere als ein Luxus-Gefährt. Damit bezeichnete man ein Fuhrwerk, das mit auf die Jagd (engl. Shooting) genommen wurde, um das erlegte Getier nach Hause zu bringen. Die feinen Herrschaften blieben aber hoch zu Ross oder in einem noblen Wagen und kamen dem Shooting Brake nicht zu nahe. Für die schmutzige Arbeit hatte man ja schliesslich Jagdknechte.

Erst der Aston Martin DB 5 mit Kombiheck, den David Brown ab 1963 zur Jagd mitnahm, adelte diese Fahrzeuggattung und machte sie als Freizeitwagen mehr und mehr salonfähig. Die Assoziation zu Blut- und Fellresten verschwand zusehends.

Reiner Zweisitzer mit Kombiheck

Die Carrozzeria Touring nutzt für ihren Shooting Brake das um 10 cm verkürzte Chassis des Lamborghini 350 GT welches mit dem vergrösserten Motor mit 4,0 anstatt 3,5 Litern Hubraum aus dem Modell 400 GT ausgestattet wird. Deshalb kursiert auch die Bezeichnung 4000 GT Flying Star II. Der Ausdruck des „fliegenden Sterns“ ist übrigens eine Bezeichnung, die Touring bereits in früheren Jahren für Cabriolets auf Isotta Fraschini- oder Alfa Romeo-Basis verwendet hat.

Das Zusammenspiel von leistungsstarkem und drehfreudigem 12-Zylinder, Fünfganggetriebe, niedrigem Schwerpunkt sowie Einzelradaufhängung und Scheibenbremsen rundum lässt völlig vergessen, dass man ein praktisch veranlagtes Fahrzeug fährt. Und das ist genau der Reiz des Flying Star II: er ist zwei Autos in einem.

Zu Gunsten des Laderaums wird auf den dritten Quersitz im Fond wie beim 350 GT verzichtet. Das Leergewicht dürfte um die 1200 bis 1250 kg liegen. Diese Zahl liegt in der Nähe der Angabe für den 350 GT/400 GT. Die oft zitierten 1080 kg sind vermutlich etwas zu optimistisch geschätzt.

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Kastiges Heck eilt Zeitgeschmack voraus

Der Designentwurf stammt von Carlo Anderloni, dem Sohn von Firmengründer Felice Bianchi Anderloni. Die Proportionen des Technikspenders 350 GT sind noch deutlich sichtbar. Aber die formale Gestaltung ist wesentlich gradliniger geworden, die rundlichen Formen sind präzisen Kanten gewichen.


Lamborghini Flying Star Touring (1966) - erstmals gezeigt auf dem Turiner Salon 1966 - restauriert durch Touring Superleggera (Rétromobile 2013)
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Der Flying Star II beeinflusst somit die 1968 erscheinende Weiterentwicklung, den Islero, ganz wesentlich und wirkt mit seinen straffen Formen, dem langen Aero-Heck und den aerodynamisch günstigen Plexiglas-Scheinwerferabdeckungen sehr futuristisch.

Das fertige Objekt wird am Turiner Salon 1966 der Weltöffentlichkeit vorgestellt: damals in einem Silber metallic mit Borrani-Speichenrädern, die kurz vor der Messeeröffnung noch durch die Campagnolo-Magnesiumfelgen ersetzt werden.

Die Reaktionen sind sehr gemischt. Ein solch eigenwilliger Entwurf steht stark im Kontrast zum 350 GT und dem gerade frisch erschienen Miura. Die Augen der Sportwagen-Liebhaber sind auf ein langes, grosszügig verglastes Kombiheck noch nicht vorbereitet. Das wird sich erst mit dem Espada von 1968 ändern.

Reduziertes Cockpit mit nur zwei Instrumenten

Auch das Cockpit präsentiert sich eher ungewöhnlich. Die typische, sich hoch und breit auftürmende Mittelkonsole mit vier Zusatzinstrumenten und Schalterreihe aus dem 350 GT ist auf ein kleines Panel vor dem Schalthebel geschrumpft, das keine Uhren mehr enthält. Und hinter dem Lenkrad blickt der Fahrer jetzt nur noch auf zwei anstatt drei Instrumente in einer kleinen Doppelhutze.


Lamborghini 4000 GT 'Flying Star II' Touring (1966) - Interieur des Einzelstücks, gesehen am Autosalon von Turin 1966
Archiv Automobil Revue

Die beiden Rundanzeigen sind allerdings sehr aufwendig gestaltet und weisen einen recht grossen Durchmesser auf. Die Automobil Revue schreibt damals von „fast amerikanischen Zifferblattdimensionen“. Ansonsten ist alles sehr zurückhaltend und konservativ gestaltet inklusive des Dreispeichen-Holzlenkrads.

Noch während der Ausstellung wird das voll fahrbereite Schaustück an den Drehbuchautor und Schriftsteller Jacques Quoirez („Madame Claude“) verkauft. Quoirez ist der Bruder der berühmten französischen Schriftstellerin Françoise Sagan („Bonjour Tristesse“). Der französische Importeur Edmond Ciclet sorgt für Unterhalt und Service und tauscht im Laufe der Zeit offensichtlich das komplette Interieur aus.

Aus dieser Zeit stammen auch die Frankreich-typischen gelben Jod-Scheinwerfer. Nebst zwei Ausflügen nach Amerika und England bleibt das Auto fast die ganze Zeit in Frankreich immatrikuliert und parkt nun schon einige Jahre in der Garage des aktuellen Besitzers.

Letztes und erstes Werk von Touring

Bei Touring verbreitet man gute Stimmung am Stand des Turiner Salons 1966. Nebst dem Flying Star werden noch ein Fiat 124 Cabriolet und der Aston Martin DBS ausgestellt. Die Berichterstatter der Automobil Revue freuen sich, dass sich „die Marke der Superleggera-Bauweise von ihrer Krise erholt hat“. Doch leider überlebt das Mailänder Unternehmen den Salon nicht und schliesst zum Jahresende nach genau 40 Jahren Geschäftstätigkeit.


Lamborghini 4000 GT Flying Star II (1966) - Interieur des Einzelstücks von Touring
Copyright / Fotograf: Archiv Touring Superleggera

Aber 2008 wird der Flying Star II zu einem der ersten Restaurierungsobjekte der wieder auferstandenen Firma und zu deren Aushängeschild. Touring zerlegt das im Laufe von über 40 Jahren stark strapazierte Fahrzeug bis zur letzten Schraube und versetzt es in den Neuzustand. 
Fast jedenfalls: die bereits erwähnten Campagnola-Felgen wurden nicht mehr durch die originalen Borrani-Räder ersetzt, der Tankdeckel hinter der Fahrertür ist jetzt eckig, während er auf Salon-Fotos noch rund war, und die silberne Lackierung ist einem Anthrazit metallic gewichen.

Auch im Interieur stammt nur noch das Lenkrad vom Turiner Showcar. Das originale Cockpit ist offensichtlich durch ein dem 350 GT-Seriencockpit angeglichenes Layout ersetzt worden.

Diese Unterschiede verursachen das Gerücht, dass es vom Flying Star einen Zwillingsbruder geben soll. Diese These lässt sich aber nicht erhärten. Wahrscheinlicher ist es so, dass die Veränderungen im Innenraum irgendwann während der langen Gebrauchszeit durch Lamborghini-Spezialist Ciclet im Auftrag von Jacques Quoirez vorgenommen worden sind.

Der Grund könnte sein, dass die Showcar-Instrumentierung doch nicht ganz ausgereift war und gewisse Funktionen fehlten. So musste alles für den Alltagsgebrauch angepasst werden. Die Geschichte des Flying Star II bleibt somit bis heute immer noch spannend.

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