Lamborghini Bravo Prototyp von 1974 wechselte erstmals den Besitzer

Erstellt am 1. April 2011
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Tom Wood (courtesy RM au) 
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Rallye Racing 
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Archiv 
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Am 21. Mai 2011 wurde der Lamborghini Bravo von 1974 durch RM Auctions anlässlich des Concorso d’Eleganza Villa d’Este versteigert und erreichte einen Preis weit über den Erwartungen.

Ein Design-Meilenstein

Viele wunderbare Autos sind der Hand von Nuccio Berone entsprungen, doch der Lamborghini Bravo von 1974 zählt definitiv zu seinen Meisterwerken und ist dank der einmalig schönen Silhouette und Oberflächengestaltung aus der Hand Marcello Gandinis wohl insgesamt ein Meilenstein. Die Windschutzscheibe des Bravo, der während der Entwicklung intern “Studio 114” genannt wurde, ist dreiteilig, aber dank der dünnen Verstrebungen trotzdem gut zu durchschauen. Das Spiel mit Flächen, Kanten und Rundungen wurde hier fast perfekt gespielt und viele interessante Detaillösungen zeigten den Weg in die Zukunft. So nahm zum Beispiel der Murcielago das Raddesign wieder auf.

Das Interieur hatte einen sehr modernen Touch, hervorgerufen durch die in einer Linie angebrachten Anzeigen auf einem Aluminium-Armaturen-”Brett”. Das Interieur war in Alcantara eingekleidet, ein Material, das damals noch keineswegs so oft anzutreffen war wie heute.

Die Automobil-Revue schrieb 1975 anlässlich der Präsentation am Genfer Autosalon: “Das ultraniedrige, an die Traumwagentradition des Hauses Bertone anknüpfende Coupé besticht durch seine Extravaganz. Vieles an ihm wirkt gesucht, und irgendwie passt dieser Wagen nicht mehr in die heutige, nüchterner gewordene Zeit. Doch eines muss man dem Bravo lassen: seine keineswegs einfach gezeichnete Linienführung ist hervorragend gelungen und verrät das sichere Formengefühl seiner Erbauer. Die «Sache stimmt», aus welchem Blickwinkel man die Karosserie auch betrachten mag. In dieser Hinsicht ist Bertone eine Meisterleistung gelungen.”

Technische Basis Urraco

Präsentiert wurde der Bravo, der technisch auf einem verkürzten Lamborghini Urraco P300 basierte, am Turiner Automobilsalon im Jahre 1974. Gedacht war er als zweisitzer Bruder des 2+2-sitzigen Einstiegssportwagen Urraco, der 1970 eingeführt worden war. Gegenüber dem Urraco ist der Bravo rund 50 cm kürzer und verfügt über einen fast 20 cm kürzeren Radstand. Der Motor wurde weitgehend unverändert übernommen und liefert mit seinen in einem 90-Grad-Winkel angeordneten acht Zylindern gemäss RM Auctions ungefähr 300 PS. Auch das Fahrwerk mit McPherson-Federbeinen vorne und unabhängigen Aufhängungen hinten, sowie die Bremsanlage mit Scheiben rundum orientiert sich am Urraco.  Mit dem gekürzten Fahrgestell dürfte ein Urraco knapp 1000 kg schwer gewesen sein, was zusammen mit den 300 PS zu grandiosen Fahrleistungen geführt hätte.

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Mehr als ein reines Konzept-Fahrzeug

Gemäss dem französischen Journalisten Jean-François Marchet wurden mit dem Bravo 70’000 Testkilometer zurückgelegt, doch ist unklar, ob diese Fahrten wirklich mit dem Ausstellungsfahrzeug, das jetzt zur Auktion antritt, absolviert wurden. Obschon einiges getan worden war, um das Fahrzeug in Richtung Serienproduktion voranzubringen, sagte der Verkaufsdirektor Ubaldo Zgarzi 1978, dass wohl noch drei bis vier Jahre Entwicklungsarbeit nötig sein würden, um Serienreife zu erreichen. Soweit kam es aber nicht, denn das Projekt wurde wegen finanziellen Problemen bei Lamborghini und der sich abzeichnenden Ölkrise ad Akta gelegt.

Kein grob zusammengebauter Prototyp, sondern ein fahrbarer Sportwagen

Wie fährt sich ein nur 103,5 Zentimeter hohes Gefährt? Die Schilderung des Journalisten, der für Rallye Racing 1977 den einzigen Bravo fahren durfte, lautet wie folgt: “Natürlich muss ich mich zusammenfalten wie ein Taschenmesser, um da hineinzukommen. Natürlich brennt die Hitze durch das Glas der starren Scheiben - nur die schmalen Fenster hinter den Türen lassen sich elektrisch öffnen. Vorn, links und rechts ist nichts als getöntes Glas, die Menschen und Autos auf der Strasse werden abwechselnd gross und lein, weil die Optik der ultra-schrägen Frontscheibe nicht stimmt. Und regnen darf es auf keinen Fall, denn der Bravo hat keine Wischer. Ein künstlich erzeugter Luftvorhang soll dermaleinst die Scheibe freihalten - vorausgesetzt, die Regentropfen fügen sich dieser noch im Werden begriffenen Technologie.”
Rallye Racing gesteht dem Auto 250 PS zu und schätzt die Sprintzeit für 0 bis 100 km/h auf 6 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit deutlich über 250 km/h. Und weiter im Originaltext:
“Der Fahrer sieht durch die vorderen und seitlichen Schrägen viel, nach hinten durch den Wagen genug. Mühelos kontrollierbarer Drift im Kurvengeschlängel der Landstrassen, akzeptable Federung selbst auf altertümlichen Bahnübergängen - der Bravo ist kein grob zusammengebauter Prototyp, sondern ein fertiges Auto. Kein ganz leises - besonders aussen: Bellende Geräusche überlagern gelegentlich das sonore Auspuff-Brummen und machen die Umwelt aufmerksam. Na ja - ein Bravo muss nicht brav sein, hat er doch seinen Namen von jenem Kampfstieren, die sich in besonders streitlustiger und tapferer Manier umbringen lassen. ... So prosaische Dinge wie Geräuschmessungen, Abgaszyklen und Crash-Tests hat der Bravo noch vor sich. Wird er sie erleben? Wir rollen zurück durch das Werkstor, und ich entsteige einem Zukunftsauto, dessen Zukunft vielleicht schon Vergangenheit ist.”

Öfter mal die Farbe gewechselt

Bis heute war der Bravo immer im Besitz von Bertone, wurde ab und zu vorgezeigt und hatte seinen Platz in der musealen Sammlung. Wie andere Designer pflegte auch Bertone seine Autos immer wieder einmal umzuspritzen. Der Bravo startete sein Leben in einer gelb-goldenen Metallic-Farbe, wechselte dann zu einem grün-métallic um bei einer späteren Überholung dann einen perlmuttfarbenen Weisston zu erhalten, den er heute noch trägt. 

Wieviel kann ein derartiges Einzelstück wert sein?

Der Schätzpreis für den Bravo wurde von RM Auctions mit Euro 150’000 bis 220’000 angegeben. Dies schien nicht übertrieben zu sein, vor allem auch in Anbetracht der anderen Studien/Prototypen, die in der gleichen Versteigerung für erheblich mehr Geld neue Besitzer suchten. Vielleicht wird der Bravo noch immer unterschätzt, steht zusehr im Schatten anderer Fahrzeuge und Marken, wie in den Siebzigerjahren, als man sich entschloss, das Auto nicht zur Produktionsreife weiterzuentwickeln.

Tatsächlich wechselte der Lamborghini Bravo den stolzen Preis von € 525'000 (ohne Auktions-Zuschläge). Damit wurde die Einmaligkeit und die fast überirdische Schönheit klar dokumentiert.

Weitere Informationen und Quellen

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