Ford Prefect E493A - Brot und Butter auf britisch-amerikanische Art

Erstellt am 8. Juli 2020
, Leselänge 6min
Text:
Simon Kwasny
Fotos:
Bruno von Rotz 
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RM/Sotheby's 
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Simon Kwasny 
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Archiv 
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Auch wenn Ford für viele als Pionier des amerikanischen Autobaus steht, war die Ford Motor Company von Anfang an ein international agierendes Unternehmen. Bereits im Gründungsjahr 1903 wurde der erste Ford nach Grossbritannien exportiert.


Ford Prefect (1950) - Die Heckansicht des Prefects
Copyright / Fotograf: RM/Sotheby's

Obwohl zu dieser Zeit der europäische Hauptsitz in Frankreich lag (dazumal das Land mit Europas grösster Autoindustrie), war Grossbritannien stärkstes Absatzland. Das Ford Model T wurde zum ersten “Weltauto” und erfreute sich auch in Europa grosser Beliebtheit. Aufgrund des grossen Motors wurde das Model T aber in Europa heftig besteuert. Dies hatte zur Folge, dass andere Marken mit kleineren Motoren besser verkaufen konnten. Das Ford Model A, der Nachfolger zum T, wurde zwar stark modernisiert, jedoch konnte Ford immer noch nicht ganz gegen die europäischen Marken ankommen, welche auch kompaktere Wagen inzwischen ebenfalls am Fliessband produzierten.

Ford musste sich etwas einfallen lassen. Der erste Schritt war es, das Geschäft in Europa in zwölf eigenständige Firmen zu unterteilen. Henry Ford realisierte jedoch schnell, dass diese durch einen zentralisierten Standort geleitet werden mussten. Diesen siedelte Ford in Grossbritannien an. Damals ein sehr zukunftsweisender Entscheid, wenn man sich moderne Firmen in Europa ansieht. Der nächste Schritt war die Errichtung des “Detroits Europas”, der Megafabrik in Dagenham, Essex. Doch als im Jahre 1929 die “Great Depression” auch Europa wirtschaftlich in die Knie zwang, musste man bei Ford erneut eine Lösung finden. Der Autobauer war dazu gezwungen, ein Auto zu bauen, welches den Bedürfnissen europäischer Kunden besser angepasst war. 1932 stelle Ford das Model Y vor. Es war dies der erste Ford, welcher speziell für den europäischen Markt konzipiert war. Bis 1937 wurde das Model Y produziert. Angeboten als Zwei- oder Viertürer, wog es 700 Kilo und hatte einen Radstand von 2,286 Metern. Unter der Haube sass ein 0,9 Liter Seitenventil Vierzylindermotor.


Ford Model Y (1933) - Das Model Y im Park
Archiv Automobil Revue

Evolution statt Revolution

Ford verfolgte von da an eine Strategie der Evolution anstatt der Revolution. Eine Weiterentwicklung führte 1934 zum Ford C Ten, der einen grösseren Motor mit 1172 cm3 aufwies. Dieses Modell wurde unter anderem auch in Deutschland als Ford Eifel gebaut. 1937 ersetzte der Ford 7W den C Ten, ihn gab es nun mit zwei oder vier Türen, während der 7Y auf den Ford Y folgte. 1938 wurde dann der Ford Prefect E93A (Viertürer) als Nachfolger des 7W und 1939 der Ford Anglia E04A (Zweitürer) als Nachfolger des 7Y vorgestellt. Sie waren wieder nur sparsame Weiterentwicklungen ihrer Vorgänger. Produziert wurde bis 1941, als der Zweite Weltkrieg die Zivilfahrzeug-Produktion zum Halt brachte.


Die Modellentwicklung vom Ford Model Y bis hin zum Prefect 100E
Copyright / Fotograf: Simon Kwasny

Nach Kriegsende 1945 wurde die Fertigung der E93A/E04A-Prefect/Anglia noch für weitere drei Jahre (bis 1948) weitergeführt, ehe neue Versionen E494A (Anglia) und E493A (Prefect) präsentiert wurden. Einmal mehr waren die Neuerungen minimal. Die Frontscheinwerfer wurden neu in den Kotflügeln verbaut, anstatt wie zuvor freistehend. Ebenfalls wurden sogenannte Winker an den Türsäulen verbaut, welche vom Fahrer aus dem Innenraum bedient werden konnten und anderen Verkehrsteilnehmer Richtungsänderungen anzeigten.


Ford Prefect (1950) - Die mit dem E493A eingeführten Winker
Copyright / Fotograf: RM/Sotheby's

Hauptsache günstig

Verbaut war im Prefect wieder derselbe seitengesteuerte Vierzylindermotor mit 1172 cm3 wie bei seinem Vorgänger, nach wie vor rund 30 PS leistend. Dies entsprach der 10-PS-Steuerkategorie. Zu dieser Zeit wurden Autos nach sogenannten “fiscal horsepowers”, also Steuerpferdestärken, besteuert. Autos mit 10 "fiscal horsepowers" waren sehr günstig, was natürlich für den Prefect-Käufer, der ein preiswertes Automobil suchte, enorm wichtig war.


Ford Prefect (1950) - Der 1.1 Liter Motor vom Prefect
Copyright / Fotograf: RM/Sotheby's

Ein manuelles Dreigang Getriebe übertrug die Leistung auf die starre Hinterachse. Für die Verzögerung waren mechanische Trommelbremsen mit Kabelzug verantwortlich.“Das Bremssystem ist das beste, welches in einem Auto dieser Grösse eingesetzt wird. …Es liefert sanfte und gleichmässige Kraft bei leichtem Drücken des Pedals.”, so hiess es im Verkaufsprospekt des Ford Prefect E93A.

Für den australischen Markt wurde zudem eine zweitürige Pickup Variante, genannt “Ute” für Utility (eng. Nützlichkeit), auf Basis des E493A entwickelt. Neben dem “Ute” bekamen die Australier auch noch den normalen E493A mit vier Türen.Der Prefect E493A wies eine Länge von 3.8 Metern, einen Radstand von 2.4 Metern und eine Breite von 1.5 Metern auf. Die Höhe des Fahrzeugs lag bei 1.61 Metern. Wahrscheinlich um Kosten zu sparen (wenig verwunderlich nach den Folgen des Zweiten Weltkriegs) wurden, sogar auch auch beim E493A immer noch Starrachsen vorne und hinten verwendet. Es überrascht nicht, dass der Ford Prefect vom britischen Automagazin “The Motor” zu dieser Zeit als günstigster Viertürer auf dem britischen Markt bezeichnet wurde.

Neben dem Zwei- und Viertürer, gab es auch noch ein Cabrio mit Stoffverdeck, genannt Touring. Dieses wurde lediglich 1028 Mal gebaut, was den Touring zu einem enorm seltenen Fahrzeug macht. Heute soll es offiziell noch 4 Stück auf der Welt geben. Sammler gehen aber davon aus, dass immer noch einige mehr existieren, man jedoch den Standort dieser Fahrzeuge nicht kennt.Trotz der eher zögerlichen Weiterentwicklung, lieferten der Prefect und Anglia gute Verkaufszahlen. Vom Prefect (E93A & E493A) und vom Anglia (E04A & E494A) wurden insgesamt 556’407 Stück produziert.


Ford Anglia (1939) - Der Anglia, gezeichnet in schwarzweiss
Archiv Automobil Revue
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Nicht nur in Grossbritannien und Europa beliebt

Obwohl der Prefect primär für den britischen und später auch für den australischen Markt konzipiert war, wurde er in diversen anderen Ländern auch noch fabriziert und verkauft. Wenn auch manchmal unter einer anderen Namensgebung. So entstanden auch in Frankreich, Deutschland, und Spanien Prefect-Varianten und in vielen weiteren Ländern wie Italien wurde der Prefect ebenfalls angeboten. Ausserhalb von Europa wurde der Prefect in den USA, Argentinien, Kanada und Neuseeland verkauft. In Lettland wurde der E493A unter der Marke Ford-Vairog als Modell Junior vertrieben. In Irland produzierte man ihn in den Ford Werken in Cork. Auch in Singapur und Südafrika wurde der Prefect gefertigt und vertrieben.

Spartanisch dafür geräumig

Wie bei Fahrzeugen aus dieser Zeit üblich war der Innenraum des Prefects eher einfach gehalten. Zwei Sitze vorne, eine Sitzbank hinten, Instrumentenanzeige bestehend aus Tacho, Kühlmitteltemperatur-, Kilometer- und Tankanzeige, sowie einen Aschenbecher. Viel mehr gab’s beim Prefect nicht.


Ford Prefect E493A (1950) - alles, was man zum Fahren braucht
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Ein geräumiger Innenraum mit grosszügigem und von aussen zugänglichem Kofferraum, machten den Prefect aber zu einem äusserst praktischen Auto. “Für die vielen Autofahrer, die Geräumigkeit und Komfort als oberste Priorität erachten, hat der Prefect einen besonderen Reiz, da seine Geräumigkeit und sein Luxus einzigartig unter preisgünstigen Autos sind.”, heisst es in einem Prospekt zum Prefect E493A.


Ford Prefect (1950) - Der Innenraum mit Armaturen aus Holz
Copyright / Fotograf: RM/Sotheby's

Die Scheibenwischer mit fehlendem Durchhaltevermögen

Bei den Scheibenwischern setzte Ford auf ein cleveres System, welches jedoch ein fundamentales Problem aufwies. Die Scheibenwischer wurden durch das Einlasskrümmer Vakuum angetrieben. Somit war deren Leistung direkt davon abhängig, wie stark der Motor arbeitete. Ging es steil bergauf, kam es schon mal vor, dass die Scheibenwischer langsamer wurden oder gar ganz stoppten. Ihren Dienst nahmen diese dann erst wieder auf, wenn es wieder bergab ging und der Motor nicht mehr so hart arbeiten musste.

Endlich kommt die Neugestaltung

Ab 1953 kam dann die dritte Generation des Prefects und Anglias, der 100E, auf den Markt. Dieser hatte einen wesentlich moderneren Aufbau im Drei-Box-Design. Neben kosmetischen Änderungen, wie dem neuen Kühlergrill, bekam der 100E auch eine Leistungssteigerung von rund 20%. Obwohl der Motor den gleichen Zylinderdurchmesser, Hubraum und das gleiche Layout wie der E493A hatte, war ziemlich jeder andere Aspekt des Motors eine Neuentwicklung. Nach der Neugestaltung wurde der Anglia E494A, also das Vorkriegsmodell, als massiv günstigeres Modell unter dem Namen Ford Popular verkauft. Vom 100E wurden insgesamt 100’554 Stück produziert.


Ford Prefect (1954) - deutlich modernisierter Nachfolger des Prefect E493A
Archiv Automobil Revue

Ein sehr schönes Exemplar eines Prefect E493A aus dem Jahre 1950 steht dieses Jahr bei RM/Sotheby’s an der Autumn-Auktion in den USA zum Verkauf.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ma******
18.07.2020 (19:40)
Antworten
Erstaunlich, dass der Ford damals schon eine "Aussentemperatur"-Anzeige hatte :-)
Gemeint ist sicher "Wassertemperatur ?

Ansonsten wie immer sehr spannend und informativ!
Antwort vom Zwischengas Team (Chefredaktor)
18.07.2020 (20:28)
Danke, da haben Sie wohl Recht. Wir haben das Armaturenbrett nochmals angeschaut und den Text korrigiert.
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