Ford 12 M P6 – der Traum vom Raum

Erstellt am 29. Mai 2020
, Leselänge 8min
Text:
Sven Jürisch
Fotos:
Sven Jürisch 
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Bruno von Rotz 
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Archiv 
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Deutschland in den späten Sechzigerjahren. Es herrscht die typische Heinz-Erhardt-Atmosphäre in deutschen Wohnzimmer. Gediegene Eleganz in Eiche furniert – nicht überbordender Luxus aber guter Standard. Und so langsam verabschiedet man sich von dem schwülstigen Formen der Petticoat-Ära und sucht die Erfüllung in schlichter und schnörkelloser Eleganz.


Ford 12M Coupé (1970) - passt vor das gepflegte Eigenheim
Copyright / Fotograf: Sven Jürisch

Eine Entwicklung, die auch vor dem Auto nicht halt macht. Bei Mercedes löst 1967 der zurückhaltend gezeichnete Strich-Acht die Heckflosse ab und bei Ford erhält das Basis Mittelklassemodell 12 M eine Neuauflage.

Barock war gestern

Hatte der Vorgänger noch echte Rubensrundungen zu bieten, stand der ab 1966 erhältliche Nachfolger da, wie mit dem Lineal gezeichnet. Der Designer hatte dem Auto eine gewisse Strenge mit auf den Weg gegeben, ganz so, als wollte er die barocken Zöpfe komplett abschneiden.
Neben dem frisch präsentierten P6 wirkte der Vorgänger P4 dann auch über Nacht völlig veraltet. Die Modellreihe war mit insgesamt vier Karosserievarianten geplant. Einem zweitürigem Kombi, einem Coupe und einer Limousine. Hinzu kam noch ein Kastenwagen für kommerzielle Zwecke.

Offenbar nahm Ford die neue Designsprache der formalen Strenge zu wörtlich und verzichtet bei dem P6 auf ein Spass förderndes Cabriolet. Das Coupé musste damit Genussmenschen genügen.

Damit der Abstand zum Vormodell auch gewahrt blieb, verzichtete Ford bei dem neuen Modell auf den bislang verwendeten Beinamen „Taunus“. Den Käufern wurde so suggeriert ein komplett neues Auto zu erwerben, obwohl das neue Modell technisch größtenteils auf seinem Vorgänger basierte.

Luxus des kleinen Mannes

Neben der Möglichkeit, den 12M durch Wahl von diversen Ausstattungselementen optisch aufzuwerten, bot Ford noch eine weitere Alternative für den gehobenen Geschmack des sportlichen Fahrers der späten Sechzigerjahre an. Mit dem Derivat 15 M steuerte der Hersteller die Käuferströme geschickt zum nächstteureren Modell. Der Wagen war im Prinzip mit der identischen Karosserie versehen, unterschied sich aber in Details so erheblich von seinem preiswerteren Verwandten, das es erstrebenswert schien, die nächstgrössere Version vor dem Bungalow zu parken.

Vor allem Front und Heckansicht des 15 M wirkten bei näherer Berachtung üppiger und gediegener als die des 12 M.


Ford 12 M (1967) - mit runden Augen, im Vergleich zum 15 M (rechteckige Scheinwerfer
Archiv Automobil Revue

Wesentliches Stilmerkmal waren vor allem die Scheinwerfer. Sie waren beim 12 M rund und bedienten das beliebte „Kindchenschema“, während die eckigen Leuchten im 15 M dynamischer und männlicher wirkten.

Gänzlich aus dem Häuschen war der Sportfahrer der späten 60er als Ford im September 1968 den 15 M RS auf den Markt brachte. Allerlei sportliche Attribute machten aus dem Biedermann einen echten Brandstifter- zumindest optisch. Motorisch gab sich der erste RS eher bescheiden. Gerade einmal 75 PS lieferte der V4-Motor, was auch 1968 nicht mehr wirklich viel war.


Ford 15M RS (1967) - sportliche Version mit Rallye-Streifen - Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt 1967
Archiv Automobil Revue

Zunächst nur als Coupé-Variante präsentiert, baute Ford wegen der großen Nachfrage das RS-Sortiment später weiter aus. So folgte dem Coupe‘ auch noch die Limousinen mit dem RS-Paket, zu dem eine Mittelschaltung ebenso gehörte, wie das obligatorische Dreispeichenlenkrad und der schwarze Rallyestreifen. Was damals freilich kein Käufer ahnte: Für 7760 Mark erstand man ein Fahrzeug von historischem Wert, denn der 15 M 1700 RS gilt als Begründer der Ford RS-Linie.

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Technik von der Stange

Technisch konnte die Modellreihe 12/15M nur wenig Innovatives bieten. Wie seine Vorgänger verfügte auch sie über einen Frontantrieb und einen Vierzylinder V-Motor an dem man Besonderheiten vergeblich suchte. Die Aggregate waren in ihrer Konstruktion identisch, nur die Hubräume und die Vergaserbestückung variierte. In Sachen Leistung stieg der beschauliche 70er Jahre Ford Pilot bei 45 PS ein und konnte mit dem 75 PS Motor am Ende fast die doppelte Leistung ordern. Dazwischen bot Ford Leistungsstufen mit 55, 65 und 70 PS an.


Ford 12M Coupé (1970) - V4-Motor mit 1,2 Litern Hubraum
Copyright / Fotograf: Sven Jürisch

Die Aggregate waren dabei von einer erstaunlichen Schlichtheit. So sorgte immer noch eine zentrale Nockenwelle mit Stösseln und Stossstangen für den Antrieb der Ventile, während die Welle selber über einen Stirnradantrieb mit Kunststoffzahnrädern angetrieben wurde.

Doch der reduzierte konstruktive Aufwand hatte auch sein Gutes, denn die V-Motoren erwiesen sich als äußerst robust. Der gute Drehmomentverlauf der stärkeren Motorenversionen, sowie das geringe Fahrzeuggewicht bescherten dem Ford zudem alltagstaugliche Fahrleistungen, mit denen der P6-Pilot in den 70er zufrieden sein konnte.

Komfort kommt nicht vor

Die wachsenden Komfort-Ansprüche der Autokäufer konnte der 12 M nur bedingt befriedigen. Vielen Kunden waren die Motoren zu laut und zu brummig. Vor allem in den unteren Leistungsklassen konnte man daher die theoretisch mögliche Reisegeschwindigkeit nur kurzfristig nutzen, wollte man nicht einen dauerhaften Gehörschaden davontragen.

Nutzte man dann noch den reichlich vorhanden Raum für das Reisegepäck aus, bewegte sich der P6 nur noch äußerst phlegmatisch und die Italienreise mit der Luxuslimousine der Arbeiterklasse wurde zur Qual. Das lag auch an der nur bedingt langstreckentauglichen Federung. Ford hatte zur Optimierung der Straßenlage und des Fahrkomforts zwar die Vorderachse des P6 auf McPherson Federbeine umgestellt und so den größten Kritikpunkt an dem Vorgänger ausgemerzt. Hinten war man aber bei der an Blattfedern aufgehängten Starrachse geblieben. Ein Umstand, den viele Käufer als rückständig ansahen und der den Fahrkomfort negativ beeinflusste.

Am Ende war die Begeisterung der Kunden für den 12 M schnell in Ernüchterung umgeschlagen.

Kurzes Leben, langes Leiden

Die Konkurrenz bot Anfang der Siebziger in vielen Belangen mehr Auto fürs Geld, sodass die P6-Baureihe nach nur vier Jahren und rund 670’000 Autos eingestellt wurde. Nachfolger wurde der wesentlich moderner gestaltet Taunus TC, bei dem Ford wieder auf Heckantrieb umstellte.


Ford 12M Turnier (1969) - wurde von Coys für EUR 11'500 verkauft (Techno Classica 2018)
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Nach Auslaufen der P6-Baureihe wurde der Bestand durch den rücksichtslosen Alltagsbetrieb des billig zu erwerbenden Allrounders drastisch reduziert. Vor allem die Kombis und der Kastenwagen waren bei Kleingewerbetreibenden und jungen Bauherren beliebt, während die letzten Limousinen und Coupés nicht selten bei Stoppelfeldrennen in der Provinz ihr Ende fanden. Bereits zu Beginn der Achtzigerjahre gab es kaum nach Fahrzeuge dieses Modells auf Deutschlands Strassen.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit

War der 12 M zumindest in seinen stärkeren Versionen vor fünfzig Jahren ein durchaus normal motorisierter Alltagswagen, so steht heute eher das klassische Autowandern mit Musse auf seinem Programm. Als “Daily Driver” taugen zumindest die kleinen 1,1- und 1,3-Liter-Modelle nur bedingt. Es braucht Furchtlosigkeit, um im Stadtverkehr mithalten zu können oder gar auf Landstrassen einen Überholvorgang zu tätigen.


Ford 12M Coupé (1970) - Drehzahlmesser fehlt, dafür ist eine Uhr da
Copyright / Fotograf: Sven Jürisch

Wer gar eine lange Reise mit der Einstiegsmotorisierung plant, schaut sich am besten rechtzeitig nach einem Hotel um, dass einen nach spätestens 400 Kilometern von dem lärmenden Auto erlöst.

Das für diesen Artikel fotografierte 12 M Coupé macht mit seinem 65-PS-Motor da schon deutlich mehr Laune. Kurz oberhalb der Leerlaufdrehzahl geht es dank der 115 Nm und des geringen Leergewichtes von unter 900 Kilogramm flott vorwärts und selbst ein kurzer Ritt über die Autobahn geht in Ordnung.

Knapp 150 km/h sind drin. Doch die wirkliche Begabung dieses im belgischen Genk zusammengebauten Ford Klassikers liegt im genussvollen Autowandern. Also rauf auf die Landstrasse, die Fenster runtergekurbelt und den Schwung der Straßenkurven im Bergischen Land genießen.
Der 12 M macht seine Sache dabei gut. Die Abstufung der Gänge, die sich bei diesem Modell dank der Mittelschaltung auch für Ungeübte problemlos wechseln lassen, passt perfekt zum lässigen Fahrstil.

In Kurven bietet das Fahrwerk Reserven und wenn es etwas zu meckern gibt, dann an der Haftung der etwas in die Jahre gekommenen 5,60-13 Reifen. Alles andere führt den Fahrer recht schnell in die Welt der etwas langsameren aber genussvolleren Welt der späten 60er, weswegen der 12M ein idealer Rallyebegleiter ist.

Gute Stube und frische Luft

Nach den ersten Stunden im 12M Coupe gewöhnt man sich an das Zusammenleben mit dem Ford. Das sympathische Äußere veranlasst die umhereilenden Verkehrsteilnehmer zur freundlichen Nachsicht, falls es mal nicht im TDI-DSG Takt der modernen Welt vorwärts geht und hin und wieder reckt der eine oder andere begeistert den Daumen.


Ford 12M Coupé (1970) - mit Vinyldach
Copyright / Fotograf: Sven Jürisch

Im Inneren des Ford erfreut die Schlichtheit der damaligen Zeit und die Fähigkeit der Ingenieure ein Klima zu schaffen, das in der Lage ist, selbst den verwöhnten Automobilisten von heute zufrieden zu stellen. Dazu tragen etwa die beiden hinteren Ausstellfenster bei oder aber auch die bequeme Sitzposition hinter dem Volant. Das der einfache 12 M nur über ein einziges Dekorelement aus Wurzelholzimitat verfügt, ist vor dem Hintergrund der sonstigen Zufriedenheit über das Gebotene gerade noch zu entschuldigen.

Hätte der Vorbesitzer etwas mehr investiert, wäre es vielleicht ein 15 M geworden, der mit mehr Eiche rustikal aufgewartet hätte. Doch letztlich ist das eine Petitesse am Rande, denn was zählt, ist die Erkenntnis, dass es für ein elegantes Coupe der 70er Jahre nicht unbedingt ein großes Budget braucht, um Oldtimerwandern zu genießen.

Kleine Lobby, kleiner Preis

Die Generation der Fans für Ford-Klassiker der Sechziger-/Siebzigerjahre ist in die Jahre gekommen und ausser für die RS-Modelle und den Capri interessiert sich in der Szene kaum jemand mehr für die Kölner Autos der Vergangenheit. Dies ist leider auch für die 12 M Baureihe, war bei welcher es fast gleich ist, ob man nun eine Limousine oder ein Coupé besitzt.

Die Zahl der Angebote guter Autos ist überschaubar, Restaurationen rentieren sich nur vor dem Hintergrund persönlicher Leidenschaft und möchte man den 12 M wieder verkaufen, braucht man Geduld. Grund an dem schwindenden Interesse ist zum einen die geringe Reputation der Autos, zum anderen aber auch die schlechte Ersatzteillage. Dazu kommt, dass die nachwachsende Generation mit den Modellen der späten Sechzigerjahren nur wenig anfangen kann und vielfach Youngtimer bevorzugt. Und so bleibt zu hoffen, dass zumindest die, die einen 12 M in der Garage haben, sich von ihrem Schätzchen nicht trennen werden und die eine oder andere Veranstaltung mit dem einst so beliebten Mittelklasseford bereichern.

Fazit: Für einen Einstieg in das Hobby Oldtimer ist der Ford 12 M ideal. Preiswert in der Anschaffung, jede Menge Zeitgeist und einfach zu Reparieren, repräsentiert die Baureihe das, wofür das Hobby noch vor Jahren stand - Freude an der Vergangenheit, statt Jagd nach dem grossen Geld durch Wertsteigerung. Die wird der 12 M vermutlich in Zukunft nur in geringem Maß haben. Doch er belohnt seine treuen Besitzer in einer anderen Währung.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Toddel
26.11.2020 (18:14)
Antworten
Mein zweites Fahrzeug war 1979 ein 12m P6 Turnier von 1969. Schon mit 1,3 Liter V4 / 50 PS und mit Lenkradschaltung. Die Ford V-Motoren galten als unzerstörbar.
von is******
19.11.2020 (10:37)
Antworten
interessant wäre ein Vergleich zwischen mit einem 1200 Fulvia Coupe: Laufkultur, Fahrverhalten, Beschleunigung...
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