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Fiat 6C 1500 - italienische Aerodynamik-Pionierleistung der Dreissigerjahre

Erstellt am 18. Juni 2015
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
45
Archiv A. Vonow 
3
Fiat 
2
Samuel Szepetiuk 
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Archiv 
2

In den Dreissigerjahren hatten die Autokäufer recht traditionelle Vorstellungen, wie ein Auto auszusehen hatte. Der Fiat 1500 jedenfalls sah komplett anders aus, denn Dante Giacosa hatte ihm eine aerodynamische Karosserie verpasst, was den Erfolg der Limousine aber kaum bremste, ihre Endgeschwindigkeit jedoch merklich steigerte.

Fiat 1500 Berlina (1936) - perfekt vorbereitet für die Frühlingsfahrt
Copyright / Fotograf: 

Fortschritt im Jahr 1935

Vorgestellt wurde der Fiat 1500 bereits im Jahr 1935 und im Vergleich zu seinen Konkurrenten muss er damals wahrlich futuristisch ausgesehen haben. Vergleichbare Autos gab es damals höchstens in Amerika (ChryslerAirflow, Lincoln-Zephyr) und in Osteuropa (Tatra T77). Das Gros der Fahrzeuge war noch eindeutig der klassischen Formgebung, also lange Haube, frei hängende Kotflügel, aufgebaute Scheinwerfer, verpflichtet.

Dante Giacosa aber hatte, getreu seiner Maxime, dass auch bei nicht rennsportlichen Fahrzeugen der Luftwiderstand eine Rolle spiele, eine windschlüpfrige Karosserie konzipiert, ähnlich wie dies u.a. Chrysler mit dem Airflow 1934 getan hatte. Giacosa nutzte sogar Windkanaltests, um den Wagen noch besser durch die Luft gleiten zu lassen.

Fiat 1500 (1935) - aerodynamisch ausgebildete Limousine mit modernen Charakteristiken, auch als zweitüriges Cabriolet erhältlich
Copyright / Fotograf: Fiat

Allerdings ging die gute Aerodynamik anders als bei früheren Versuchen in Europa nicht auf Kosten der Praktikabilität. Fünf Personen fanden komfortabel Platz in der Limousine, die Rundumsicht war zumindest nach vorne und zur Seite hervorragend und auch technisch befand sich Giacosa auf der Höhe der Zeit.

Technik auf der Höhe der Zeit

Als Motor wurde ein Reihen-Sechszylinder mit 1493 cm3 Hubraum eingesetzt, der 45 PS abgab und die Limousine auf deutlich über 110 km/h beschleunigte. Rund 39 Sekunden dauerte die Beschleunigung von 0 auf 60 Meilen pro Stunde, wie ein zeitgenössischer Test in der Zeitschrift “The Autocar” ergab.

Fiat 1500 Berlina (1936) - der längs eingebaute Reihen-Sechszylinder
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Vier Gänge und eine Lenkung über Schnecke/Rolle entsprachen der Zeit. Innovativ war die Vorderradaufhängung nach dem Dubonnet-Prinzip, bei der hydraulische und doppelt wirkende Stossdämpfer für hohen Komfort sorgten.

Fiat 1500 (1935) - Fahrgestell
Zwischengas Archiv

Auch die Gewichtsverteilung mit dem längs eingebauten Motor hinter der Vorderachse und den Passagieren um den Schwerpunkt des Wagens war hervorragend. Die Türen öffneten gegenläufig, eine B-Säule fehlte, was ein bequemes Einsteigen erlaubte, dafür aber umso mehr Stabilität vom Fahrgestell verlangte.

Fiat 1500 Berlina (1936) - die B-Säule fehlt, so kann man besonders gut einsteigen
Copyright / Fotograf: 
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Kontinuierliche Verbesserung

Fiat verbesserte den 1500, den es als zwei- und viertürige Limousine und als zweitüriges Cabriolet gab ab Werk - Karosseriefirmen konnten auch Fahrgestelle ohne Aufbau ordern - erstmals mit dem 1500 B und dann 1940 nochmals mit dem 1500 C, der sich dann auch optisch vom Vorgänger unterschied, erhielt er doch einen amerikanisch beeinflussten Kühlergrill. Zu diesem Zeitpunkt entfiel das Cabriolet.

Fiat 1500 C (1940) - mit modernerem Gesicht
Copyright / Fotograf: Fiat

Während des Kriegs wurde die Produktion eingestellt und die nächste Evolutionsstufe konnte erst 1948 in Turin als 1500 D vorgestellt werden. Unter anderem verbesserte man den Motor, der nun 47 PS leistete, das Getriebe und die Vorderradaufhängung, während sich die Optik noch am Vorkriegsmodell orientierte. Bereits ein Jahr später veränderte man aber mit dem Modell 1500 E auch die Karosserieform und setzte hinten ein Kofferraumabteil an. Auch die damals beliebte Lenkradschaltung erhielt der Sechszylinder-Fiat. Trotzdem wurde er nur noch gerade ein Jahr gebaut und dann 1950 durch den Fiat 1400 ersetzt.

Verkaufserfolg

Mit grossen Worten beschrieb Fiat 1935 die neue Limousine im Verkaufsprospekt: Ästhetische Linienführung, organischer Bau des behaglichen Wagens, vollkommene Geräuschlosigkeit, modernste Technik, angenehmste Bedienbarkeit, usw. - an Superlativen wurde nicht gespart, sie waren aber auch berechtigt. Und die Kunden griffen zu, vor allem bei den ersten Serien A und B, gebaut bis 1939. Immerhin 35’500 Exemplare konnten verkauft werden. Die Nachkriegsserien litten dann natürlich unter dem schwierigen Absatzklima nach dem Krieg.

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Erfolg auf der Strasse

“Der Wagen fährt ruhig, ist angenehm zu lenken und er verhält sich komfortabel und stabil auf der Strasse”, schrie die englische Zeitschrift “The Autocar” im Jahr 1935, die den Fiat 1500 vor allem als Reisefahrzeug schätzte. Generell finden sich im damaligen Testbericht kaum Kritikpunkte. Als Verbrauch wurden rund 11 bis 12 Liter pro 100 km notiert, für die damalige Zeit und angesichts der guten Fahrleistungen sicher ein hervorragender Wert. Als Höchstgeschwindigkeit massen die Engländer über 116 km/h, kein Wunder tauchte der Fiat bald auch bei Autorennen auf.

Fiat 1500 6C (1936) an der Mille Miglia 2013
Copyright / Fotograf: Samuel Szepetiuk

Bereits 1936 nahm eine Berlina an der Mille Miglia teil, ein Jahr später waren es bereits 20 Fiat 1500 mit teilweise anderen Aufbauten. Die Limousinen schlugen sich blendend und fuhren 1937 den 13. und 14. Gesamtrang ein.

Ein Schweizer Auto?

“Vom volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt aus kommt der Ankauf eines Fiat der Anschaffung eines gänzlich in der Schweiz hergestellten Wagens gleich: was Sie für ihn bezahlen, bleibt zu 100% in der Schweiz. Auf Grund des schweizerisch-italienischen Clearing-Abkommens werden die aus Italien eingeführten Waren zu 100% mit der schweizerischen Ausfuhr nach Italien verrechnet.”

So stand es auf dem Fiat-Verkaufsprospekt  des Jahres 1935 für die Schweiz und der Käufer hatte damit ein gutes Gewissen, weil er die einheimische Wirtschaft nicht schädigte. Autos als komplett schweizerischer Produktion gab es bereits damals kaum zu kaufen, eine Alternative zum ausländischen Fabrikat hatte man also kaum. Trotzdem dürfte es Herrn Oswald Buhofer aus Birrwil (Kanton Aargau, am schönen Hallwilersee gelegen) sicher nicht gestört haben, dass er mit seinem Kauf der Fiat 6C 1500 Berlina im Jahr 1936 der heimischen Wirtschaft nicht geschadet hatte.

Als Besitzer einer Weinhandlung fuhr er den Wagen bis zum Zeitpunkt, als das Benzin wegen des 2. Weltkriegs rationiert wurde.

Fiat 1500 (1936) - auf der Verlobungsreise in den Tessin im Jahr 1949
Copyright / Fotograf: Archiv A. Vonow

Nach Ende des Kriegs löste er den Wagen erneut ein und fuhr bis 1957 weiter. Zwischendurch diente das schöne Auto auch als Reiseuntersatz für die Verlobungsreise der Tochter in den Tessin.

Nach seinem Tod wurde der Wagen nicht mehr benutzt.

Zweimal angeschafft

Im Jahr 1972 übernahm Alex Vonow den inzwischen 37 Jahre alten Fiat 1500. Der km-Zähler zeigte 97’227 an. Eine gründliche Restaurierung nahm ihren Anfang und dauerte fast ein ganzes Jahr.

Fiat 1500 (1936) - bei der Übernahme des Wagens im Jahr 1972
Copyright / Fotograf: Archiv A. Vonow

Der treue Fiat wurde auf vielen Ausfahrten bewegt und wurde zum Familienmitglied. Im Jahr 2008 wurde die Berlina nach Italien in eine Sammlung verkauft, doch schon fünf Jahre später verstarb der neue Besitzer. Seine Nachkommen erklärten sich bereit, den Wagen Vonow zurückzuverkaufen. Erneut wurde der rüstige Veteran gründlich restauriert und im Jahr 2014 durfte der weitgehend komplett dokumentierte Fiat an der Mille Miglia Storica mitfahren.

Fiat 1500 Berlina (1936) - Teilnahme an der Mille Miglia im Jahr 2014
Copyright / Fotograf: Archiv A. Vonow
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Ein flotter Reisewagen

Auch heute noch überrascht der Fiat 1500 mit guten Manieren. Er startet problemlos und lässt sich trotz seiner nun annähernd 80 Jahren fast wie ein modernes Automobil fahren. Natürlich können die rund 45 PS auf rund eine Tonne Wagen keine Bäume ausreissen, aber ein Verkehrshindernis wird der Fiat deswegen auch nicht. Das Leistungsgewicht liegt damit durchaus auf der Höhe eines bedeutend jüngeren 2 CVs oder VW Käfers. Damit lässt sich leben. Auch die Bremsen verzögern zuverlässig. Schnell gewöhnt man sich daran, kleinere Steigungen mit genügend Schwung zu bezwingen. Der Fiat 1500 is sicher einer der angenehmsten Reisewagen jener Zeit, wenn man mit Familie unterwegs sein will.

Fiat 1500 Berlina (1936) - läuft gemäss Prospekt fast 120 km/h
Copyright / Fotograf: 

Ein paar Eigenheiten gibt es natürlich schon zu beachten. So übernimmt der Fahrer heute mit einer Kühlerjalousie selber die Kontrolle über den Warmlaufprozess, auf den Thermostaten hat man nangels passenden Ersatzes bei der Restaurierung nämlich verzichten müssen. Das Getriebe begrüsst kontrolliertes Zwischengas-Geben beim Herunterschalten. Und natürlich will das Fahrgestell von Zeit zu Zeit geschmiert werden.

Heute eine Rarität

Von den rund 35’000 Vorkriegs-Fiat-Berlinas haben nur wenige die Zeit überlebt. Entsprechend ratlos sind denn auch viele Betrachter, wenn man mit dem Fiat vorfährt. Vor allem die gegenläufigen Türen ohne B-Säule faszinieren Passanten. Wenn man dann noch erzählt, dass diese Autos inzwischen 80 Jahre alt sind, dann wird das Staunen noch grösser, denn selbst heute wirkt die Fiat 1500 Berlina deutlich moderner als es ihr Jahrgang erwarten lässt.

Fiat 1500 Berlina (1936) - Blick ins Innere durch Heckfenster
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Produktionsstatistik

Modell Jahr von Jahr bis Stückzahl (ca)
1500 A/B 1935 1939 35500
1500 C 1940 1943 4000
1500 D 1948   2800
1500 E 1949   1700


Wir danken dem Besitzer Alex Vonow für seine Unterstützung dieses Beitrags.

Weitere Informationen

  • The Autocar, 16. April 1937, ab Seite 59: Road Test Fiat 1500 160 h.p.

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Quelle:
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