Angebot eines Partners

Dodge Charger 500 – Der verhinderte Kämpfer

Erstellt am 18. Juni 2021
, Leselänge 6min
Text:
Paul Krüger
Fotos:
RM Sotheby's 
31
Dodge Public Relations 
1
Silverstone Auctions 
1
- Courtesy RM/Sotheby's 
1
Archiv 
2

Ende der Sechziger zeichneten sich die Stock-Car-Rennwagen der NASCAR Grand National Series noch dadurch aus, dass sie tatsächlich weitgehend "stock" waren – also jenen Eisenschweinen entsprachen, wie sie in Detroit und Dearborn zu tausenden von den Bändern purzelten und von jedem halbwegs gut verdienenden Daddy gekauft werden konnten. Umgekehrt bedeutete das: teilnehmen durfte nur, was auch beim freundlichen Vertragshändler in Nebraska im Showroom stand. Und da Autorennen nur dann wirklich Spass machen (und auch nur dann den gewünschten Werbe-Effekt haben), wenn man überlegen die Konkurrenz demütigt, brachte die Chrysler Corporation zur Saison 1969 ein neues, aerodynamisch optimiertes "Sondermodell" ihres Mid-Size-Coupés, das nur eine einzige Aufgabe hatte: dem Konkurrenten im Oval gehörig den Allerwertesten zu versohlen.

Nur 392 Stück vom Dodge Charger 500 wurden zum Modelljahr 1969 gebaut.
Copyright / Fotograf: RM Sotheby's

Tempowechsel in der NASCAR

Die Aerodynamik der Rennwagen war in den Jahren zuvor immer wichtiger geworden, da sich die Rennstrecken der NASCAR im Laufe des Jahrzehnts stark gewandelt hatten. In den Fünfzigerjahren drifteten Lee Petty und seine tollkühnen Mitstreiter in ihren Fullsize-Kisten noch über unbefestigte Dirt-Tracks. Nur vereinzelte kleine Strecken (z. B. Darlington ab 1950, Martinsville ab 1955 und North Wilkesboro ab 1957) hatten in den über 40 Rennen umfassenden Meisterschaften eine geteerte Fahrbahn. Bis 1959 mit dem Daytona International Speedway in Florida der erste asphaltierte "Superspeedway" entstand, der Autos und Fahrer in noch die dagewesene Geschwindigkeitsregionen katapultierte.

Dieses Exemplar können Sie Anfang September bei RM Sotheby's ersteigern.
Copyright / Fotograf: RM Sotheby's

Im Windschatten dieses High-Speed-Spektakels wurden viele der alten Sandbahnen zu Beginn der Sechziger ebenfalls asphaltiert oder gleich zugunsten neugebauter Speedways und Superspeedways aus dem Rennkalender gestrichen. In der Saison 1967 wurden nur noch sechs der 49 Rennen auf unbefestigtem Boden ausgetragen. Motorleistung war fortan nicht mehr die einzige Eigenschaft eines Autos, die über Sieg oder Niederlage entschied. Bei den Windschatten-Duellen in den Steilkurven war nun auch ein möglichst niedriger Luftwiderstand gefragt.

Das "Fastop" mit eingelassener Scheibe macht das Heck des Charger 500 strömungsgünstiger.
Copyright / Fotograf: RM Sotheby's

Luftbremse serienmässig

Da Richard Petty in seinem Hemi-befeuerten Plymouth Belvedere die Saison 1967 einsam dominiert und mehrere Rekorde aufgestellt hatte, Protest gegen den Über-Motor aber erfolglos blieb, entschloss man sich bei Ford, im kommenden Jahr nicht mehr mit dem Fullsize-Fairlane anzutreten. Stattdessen sollte die Coupé-Version des Midsize-Modells Torino 1968 die Mopars jagen. Zur Jagd kam es jedoch nicht. Tatsächlich fuhr der Torino Sportsroof mit seinem Fliessheck die Stufenheck-Plymouths von Beginn an in Grund und Boden.

Der (meist überlegene) Konkurrent des Charger 500: der Ford Torino Talladega
Copyright / Fotograf: - Courtesy RM/Sotheby's

Der Dodge Charger, der ebenfalls ein Fliessheck hatte und bereits seit 1966 im Einsatz war, konnte das Tempo der Fords ebenfalls nicht mitgehen. Der Modellwechsel 1968 machte die Situation nicht besser – im Gegenteil. Chryslers Sieben-Liter-Hemi-V8 leistete nach SAE-Messmethode zwar offiziell 425 PS und damit 35 mehr als Ford für seinen Windsor-V8 in serienmässiger Cobra-427-Ausführung angab. Die Front des neuen Dodge Charger mit dem um 15 Zentimeter zurückversetzten Kühlergrill wirkte aber auf den Superspeedways wie ein Bremsfallschirm, sammelte die Luft ein und gab sie nicht wieder her. Die steile Heckscheibe zwischen den lang auslaufenden C-Säulen war strömungstechnisch ebenfalls dem Sportsroof unterlegen.

So sieht ein regulärer '69er Charger von vorne aus. Und jetzt wenden Sie Ihren Blick bitte einmal auf den Kühlergrill.
Zwischengas Archiv
Angebote von Zwischengas-Spezialisten
Mercedes 450 SE Schweizer Auslieferung (1975)
Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 (1971)
Mercedes-Benz 560 SL (1987)
Jaguar XJ-S V12 Cabrio (1995)
+49 6737 31698 50
Undenheim, Deutschland

Dodges erster Versuch

Dodge zog im September 1968 (zur Saison 1969) mit dem Charger 500 nach. Statt des "Sammeltrichters" mit Hide-Away-Headlights an der Front trug er den bündig abschliessenden Kühlergrill des Intermediate-Modells Coronet aus dem Vorjahr mit fest installierten Doppelscheinwerfern vor sich her. Verchromte Blenden auf den A-Säulen reduzierten Luftverwirbelungen an den Regenrinnen. Die Heckscheibe war nun ebenfalls bündig zwischen den C-Säulen eingesetzt, sodass der 500er im Gegensatz zum regulären Charger auch eine Art Fastback – im Chrysler-Jargon "Fastop" genannt – hatte.

1-A-Resteverwertung: 1968er Coronet-Kühlergrill im 1969er Charger 500
Copyright / Fotograf: RM Sotheby's

Technisch entsprach der Charger 500 mit werksseitigem Handling-Package dem Charger R/T. Anders als im Prospekt behauptet, war der 500 jedoch nicht ausschliesslich mit dem 426er-Hemi zu haben. Basis-Motor war wie beim R/T der reguläre 440er-Magnum mit 7,2 Litern Hubraum und 380 SAE-PS. Der Hemi kostete 648,20 Dollar Aufpreis. Einzige weitere Antriebsoption war die Wahl zwischen der TorqueFlite-Dreigang-Automatik oder einem manuellen Vierganggetriebe. Da sich Dodge nicht mit der handwerklichen Produktion solcher Nischemodelle aufhalten wollte, schickten sie halbfertige Serien-Charger zu Creative Industries nach Eastpointe im Nordosten von Detroit, wo sie mit ihren Spezialteilen vollendet wurden. Nun mussten sich nur noch 500 Käufer für das 3'843 Dollar teure Homologationsmodell finden. Denn um für die NASCAR Grand National Series zugelassen zu werden, war eine Auflage von 500 Autos verlangt – daher auch der Namenszusatz von Chryslers erstem "Aero Warrior".

Für den Fall, dass der Hintermann Ihr Auto nicht schon an der Heckscheibe erkennt, steht es noch einmal unter dem rechten Rücklicht.
Copyright / Fotograf: RM Sotheby's

Talladega und Daytona

Ford konterte im Januar 1969 mit dem nach dem neuen Superspeedway in Alabama benannten Torino Talladega: einem Torino Sportsroof, der ebenfalls mit vorgerücktem Kühlergrill, abfallender "Droop Snoot" und einer zum Frontspoiler umgemodelten Heckstossstange zu besserer Windschlüpfigkeit erzogen wurde. Sofort kippte das Machtverhältnis im Oval wieder zu Fords Gunsten. Das konnten die Chrysler-Jungs natürlich nicht auf sich sitzen lassen und setzten abermals einen drauf: wenige Wochen und einige Windkanaltests später präsentierten sie im April 1969 den radikalen Charger Daytona mit Keil-Nase und Monsterspoiler, der nun kein Geheimnis mehr daraus machte, dass er ein verkappter Rennwagen war, aber trotzdem beim Dodge-Dealer an der Ecke bestellt werden konnte.

Vom Dodge Charger Daytona, der auf dem Charger 500 basierte, entstanden 503 Exemplare.
Copyright / Fotograf: RM Sotheby's

So wurde die Fertigung des im Vergleich erschreckend zivilen Charger 500 bereits nach 392 Stück wieder eingestellt. Nur 67 von ihnen trugen den Hemi-Motor, von denen wiederum nur 27 Autos von Hand geschaltet wurden. Das macht den 500 heute zur gesuchten Rarität unter Muscle-Car-Sammlern und zu einem der seltensten Modelle der Chrysler Corporation. Das einzige in "Omaha Orange" lackierte Exemplar war einem Bieter 2014 stramme 270'000 US-Dollar wert. Eine Rennstrecke hat übrigens keiner der "Serien"-Charger 500 jemals gesehen. Dodge verschickte die Aero-Teile separat an die Rennteams, die damit ihre Vorjahres-Wagen umrüsteten.

Für 1969 bekam der Charger rechteckige Rückleuchten. Das Jahr zuvor leuchtete er nach Ferrari-Vorbild aus vier runden Lampen.
Copyright / Fotograf: RM Sotheby's

Eingebremst durch das Reglement

Die Dominanz der Aero-Warriors währte nur zwei Saisons. NASCAR-Boss Bill France Senior mochte die Kleinserien-Homologationsmodelle nicht, weil sie sich in seinen Augen zu weit vom "Stock"-Gedanken der Rennen mit Jedermann-Kutschen entfernt hatten. Nachdem das blosse Anheben des Produktions-Minimums auf ein Auto pro Vertragshändler für 1970 nicht den gewünschten Effekt hatte (Dodge Charger Daytona und sein Schwestermodell Plymouth Roadrunner Superbird gewannen zusammen 38 von 48 Saisonrennen, wobei sich Richard Petty und Bobby Isaac in schöner Regelmässigkeit abwechselten), wurden die Motoren der Aero-Cars für die Saison 1971 auf 305 Kubikzoll Hubraum begrenzt, damit sie gegenüber den "richtigen" Stock-Cars, die ihre Kraft weiterhin aus beliebig grossen Hubräumen schöpfen durften, keinen Vorteil mehr hatten.

431 PS und 664 Newtonmeter schöpft der Hemi aus sieben Litern Hubraum.
Copyright / Fotograf: RM Sotheby's

Grosser Name, grosse Stückzahlen

Bereits zum Modelljahr 1970 war der Charger 500 zu einer blossen Ausstattungs-Variante des Mid-Size-Coupés geworden, die immerhin Radlaufchrom, Einzelsitze und elektrische Uhr vom Basis-Charger abhoben. Von den 46'315 Charger des Jahrgangs 1970 waren 27'264 Charger 500 – gänzlich ohne motorsportlichen Ehrgeiz mit Stufenheck und zurückversetztem Kühlergrill.

Ab 1970 war "500" nur noch eine Ausstattungsvariante wie R/T oder SE.
Copyright / Fotograf: Silverstone Auctions

Den hier gezeigten 1969er Dodge Charger 500 in der nur drei Mal bestellten Farbkombination W1/C6R, also Weiss mit rotem Interieur, kann bei der diesjährigen Auburn-Fall-Auktion von RM Sotheby's vom 2. – 5. September 2021 ersteigert werden.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von do******
20.07.2021 (20:47)
Antworten
"seperat" und "Saisions" lasse ich ja noch als Flüchtigkeitsfehler durchgehen - aber bei "Windschlüpfrigkeit" hört der Spaß auf! ;-)
Ansonsten ein wie immer schön zusammengestellter und interessanter Artikel.
Antwort vom Zwischengas Team (Chefredaktor)
20.07.2021 (21:12)
Danke für die genaue Auflistung der Tippfehler, die haben wir natürlich postwendend korrigiert!
von do******
20.07.2021 (21:36)
Antworten
...sorry, ich habe noch die '"Drop Snoot" übersehen, die in Wirklichkeit "Droop Snoot" heißt.
Antwort vom Zwischengas Team (Chefredaktor)
21.07.2021 (06:05)
auch angepasst, danke.
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.
Angebote unserer Partner

Markenseiten

Aus dem Zeitschriftenarchiv

Aktuelle Fahrzeug-Inserate

Aktuelle Marktpreise (Auswahl)

Coupé, 375 PS, 7210 cm3
Coupé, 265 PS, 5916 cm3
Coupé, 325 PS, 6276 cm3
Coupé, 275 PS, 6280 cm3
Coupé, 265 PS, 6555 cm3
Coupé, 200 PS, 5899 cm3
Coupé, 365 PS, 6980 cm3
Coupé, 239 PS, 5506 cm3
Coupé, 334 PS, 6276 cm3
Cabriolet, 220 PS, 5561 cm3
Coupé, 290 PS, 6276 cm3
Coupé, 147 PS, 5211 cm3

Spezialisten (Auswahl)

Spezialist

Zürich, Schweiz

044 463 68 10

Spezialisiert auf Chrysler, Dodge, ...

Spezialist

Schinznach-Dorf, Schweiz

+41564501132

Spezialisiert auf Alfa Romeo, Audi, ...

Angebot eines Partners
Angebot eines Partners

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 2,5 Millionen Seitenaufrufen pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...
Oha! Kostenlos Texte und Fotos sehen?
Einfach hier anmelden:
Neu hier?
1x kostenlos registrieren und dauerhaft Inhalte freischalten!