Der etwas andere Volvo 123 GT – Optimierung à la Siebzigerjahre

Erstellt am 5. Oktober 2013
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
24
Volvo Car Group Gothenburg 
17
Archiv 
19
Volvo 123 GT (1967) - Heckansicht weitgehend seriennah
Volvo 123 GT (1967) - Lenkrad von Abarth
Volvo 123 GT (1967) - der Bandtacho wurde nicht verändert
Volvo 123 GT (1967) - auch der originale Drehzahlmesser musste weichen, vielleicht weil er defekt war
Volvo 123 GT (1967) - Zusatzinstrumente für Strom, Öltemperatur und - druck
Volvo 123 GT (1967) - Zusatzschalter, wohin man schaut
Bild von Partner Württembergische

Volvo war bekannt für sportliche und gleichzeitig sichere sowie robuste Autos. Der Typ “Amazon” machte da keine Ausnahme. Zudem sah er schmuck aus und war besonders in der Variante “123 GT” mit schmucken Zutaten ausgerüstet. So überzeugte der Schwede auch einen Schweizer und seine Familie, in deren Dienst er viele Kilometer abspulte.

Nach einigen Jahren wurde der Wagen an den Sohn weitergegeben, denn dieser hatte sich bis anhin ständig mit einem allzu unzuverlässigen Untersatz abgemüht. Da erschien der Volvo eine gute Alternative zu sein. Doch war dem neuen Besitzer der geschenkt erhaltene Volvo offensichtlich nicht individuell genug, denn in den Folgejahren baute er bis Ende der Siebzigerjahre fast alles erdenkliche Zubehör in den Wagen ein und er sorgte zudem für einen tüchtigen Leistungsschub.

Amazon löst Buckel ab

Bild Volvo 122 (1961) - Strandszene
Volvo 122 (1961) - Strandszene

Am 3. August 1956 stellte Volvo den schwedischen Händlern den neuen Volvo P120 Amason (ursprünglich tatsächlich mit “s” geschrieben) vor, wenig später im Oktober 1956 durften dann auch die grossen Massen einen an der Earls Court Motor Show in London einen Blick auf das von Jan Wilsgaard mit einer attraktiven Pontonform gestaltete Modell werfen.

Der solide Wagen wartete mit genügend Platz für eine ganze Familie samt Gepäck und der bewährten, aber für die neue schmucke Schale modifizierte Technik des Vorgängers PV 444 auf. Nicht nur in der Heimat entpuppte sich der Amazon (das “s” wich dem “z”) als Verkaufsrennen, auch die Exportmärkte griffen eifrig zu.

4,44 Meter lang, 1,62 Meter breit und 1,51 Meter hoch war der rund 1100 kg schwere Volvo, sein Stahlblech war von üppiger Dicke und von guter Qualität, seine sprichwörtliche Robustheit gründete auf der gesunden Konstruktion, aber auch auf der langlebigen Technik. Eher konservativ war der Motor ausgelegt, die Ventile wurden von der zentralen Nockenwelle über Stösselstangen gesteuert.

Stärker und sportlicher

Volvo baute die Modellreihe über die folgenden Jahre kontinuierlich aus. Zum Viertürer (P120) gestellte sich 1961 ein Zweitürer (P130) und ab 1962 ein viertüriger Kombi (P221), Auch leistungs- und hubraumseitig wurde aufgerüstet, Aus 1580 cm3 wurden 1961 1780 cm3 und gegen Ende des Lebenszyklus im Jahr 1968 1990 cm3. Und statt der ursprünglichen 60 PS standen schon früh 83 PS (für das S-Modell) und mehr zur Verfügung.

Bild Volvo 122 S (1965) - nun mit dem eneuen Motor mit 95 PS ausgerüstet und der Vorläufer des 123 GT
Volvo 122 S (1965) - nun mit dem eneuen Motor mit 95 PS ausgerüstet und der Vorläufer des 123 GT

Optisch aber blieb der Amazon dem Grunddesign Wilsgaards treu, auch innen änderte sich kaum etwas, so zeigte bis zum Schluss ein Bandtacho die Geschwindigkeit an.

Angebote eines Zwischengas-Händlers
Porsche 911 2.0S (1967)
Porsche 911 2.0S (1967)
Porsche 911 2.2 E (1970)
Porsche 911 2.2 E (1970)
Porsche 911 2.0S (1967)
Porsche 911 2.0S (1967)
Porsche 911 Turbo WLS 2 (1998)
Porsche 911 Turbo WLS 2 (1998)
0443059904
Schlieren, Schweiz

Noch schneller als 123 GT

Bereits mit dem 122 S hatte Volvo ab 1958 auch anspruchsvolle Sportfahrer zufriedengestellt, im Herbst 1966 ging man aber noch einen Schritt weiter und präsentierte den 123 GT, den es nur als Zweitürer mit dem Motor aus dem P 1800 S gab. Der auf 10:1 verdichtete Vierzylinder leistete nun 103 DIN-PS, geschaltet wurde über ein Vierganggetriebe mit elektrisch zuschaltbarem Schnellgang (“Overdrive”).

Bild Volvo 123 GT (1967) - mit zusätzlichem Drehzahlmesser
Volvo 123 GT (1967) - mit zusätzlichem Drehzahlmesser

Garniert wurde die Leistungssteigerung aus dem Regal mit allerlei GT-Zubehör, unter anderem Zusatzscheinwerfern, Drehzahlmesser, Rückspiegel auf den Kotflügeln und Dreispeichenlenkrad. 11’800 DM oder 12’900 Franken kostete das neue in den Farben rot, weiss und dunkelgrün lieferbare Modell, kein Pappenstil aber gemäss damaliger Kommentare durchaus preiswert.

Für sicherheitsbewusste Genussfahrer

Nur gerade rund 1500 123 GT wurden zwischen 1966 und 1970 gebaut, da erstaunt es nicht, dass nicht allzu viele Testberichte publiziert wurden.

Bild Volvo 123 GT (1968) - im Testeinsatz
Volvo 123 GT (1968) - im Testeinsatz

Die Automobil Revue konnte im Frühling 1967 einen Testwagen fahren und lobte den bis 4500 U/min laufruhigen Motor und das sichere Fahrverhalten, solange mit erhöhtem Reifendruck gefahren wurde. Kritisiert wurde die trampelnde Hinterachse und der schlecht ablesbare Drehzahlmesser. “Im gesamten betrachtet stellt der Volvo 123 GT trotz seiner erwähnten Schönheitsfehler  ein sehr preiswertes Fahrzeug dar - dank seines starken Motors, aber auch seiner Qualität vermag er sowohl hinsichtlich Fahrleistungen wie auch Robustheit den Anforderungen jener Automobilisten zu genügen, welche an ihrem anspruchslosen Wagen die sportliche Note zu schätzen wissen”, konkludierten die AR-Tester.

Ähnlich sah dies auch der Schreiber der Motor Rundschau, der immerhin 1150 km mit dem Schweden zurücklegte und dabei einen Durchschnittsverbrauch von 13 bis 16 Litern erzielte, was zum Teil auch auf die winterlichen Strassenverhältnisse und das Fahrzeuggewicht von 1150 kg zurückgeführt wurde. Gelobt wurde das gut abgestimmte konventionelle Fahrwerk, das leicht und schnell schaltbare Getriebe, die sportlichen Fahrleistungen, die effiziente Heizungs- und Belüftungsanlage und die gute Ergonomie. Kritik wurde wegen der nicht optimalen Übersichtlichkeit und des altmodischen Armaturenbretts geäussert.

Die Motor Rundschau schaffte den Sprint von 0 bis 100 km/h in 11,7 Sekunden und erreichte 169 km/h Spitze.

Noch mehr Leistung

Offensichtlich reichten diese Fahrleistungen dem jungen Besitzer des für diesen Bericht portraitierten Volvo 123 GT mit Jahrgang 1967 nicht. Er wandte sich Mitte der Siebzigerjahre an den Rennfahrer Franz Albert, der in Wörgl in Österreich einen renommierten Tuning-Betrieb führte. Das Ergebnis der Bemühungen waren 164 PS bei 7’000 Umdrehungen und 11:1-Verdichtung. 7’500 U/min wurden dem Stossstangen-Motor gar zugetraut und eine Beschleunigungszeit von sieben Sekunden für die 0-100-km/h-Disziplin respektive 30,5 Sekunnden für den Kilometer mit stehendem Start.

Bild Volvo 123 GT (1967) - von Albert getunter B20-Motor
Volvo 123 GT (1967) - von Albert getunter B20-Motor

“Albert W-34-2” hiess der Wundermotor, der 2’034 cm3 aufwies und dank Spezialkolben, Spezialpleuel, einer feingewuchteten Kurbelwelle, bearbeiteten Ventilen und zwei Weber-Doppelvergaser 45-DCOE über 50% mehr Leistung entwickelte als das Serienpendant B20. Dass auch Einlass und Auslass nach Albert-Manier optimiert waren und die Abgase durch einen Albert-Spezialstrassenversionsauspuff entwichen, verstand sich von selbst.

Volvo hatte mit diesen Änderungen keine Mühe und bestätigte die Betriebssicherheit im Jahr 1981 genauso wie die übrigen Veränderungen, die der Besitzer vorgenommen hatte. “Motorumbau von B18 auf B20 mit Frisiersatz” hiess es im entsprechenden Schreiben.

Die Siebziger-Zubehörpalette

Bild Volvo 123 GT (1967) - hier wurde viel "verbessert"
Volvo 123 GT (1967) - hier wurde viel "verbessert"

Kaum etwas blieb am Volvo 123 GT unverändert. Der Wagen wurde mit einem Metalleffektlack "Atlantic-Blau" gespritzt, nur noch die Längsstreifen verblieben im originalen Volvo-Perlweiss. Auf das Dach kam Vinyl, die Sitze stammten von Recaro, das Lenkrad von Abarth. Ein Überrollbügel von Matter wurde eingebaut und eine ganze Serie Zusatzinstrumente montiert. Einstellbare Koni-Dämpfer sollten das Fahrverhalten verbessern, zu den Feinscheinwerfern kamen noch zwei Nebellampen und eine riesige Rückfahrleuchte dazu.

Bild Volvo 123 GT (1967) - der Bandtacho wurde nicht verändert
Volvo 123 GT (1967) - der Bandtacho wurde nicht verändert

Schliesslich wurde auch noch ein Frontspoiler (BMW 2800?) montiert und gegen die Wärme im Innern sollte eine Heckstore vorsorgen. Ein Heckscheibenwischer sorgte für bessere Sicht nach hinten, ein Sonnendach für Licht von oben.

Fast ein Scheuenfund

Irgendwann war es dann wohl aus mit der Sturm- und Drang-Zeit, der schnell-gemachte Volvo 123 GT wurde abgestellt und geriet fast in Vergessenheit, verstaubte in einer Garage und stand sich die Reifen platt. Jetzt wartet er auf seine Wiederentdeckung und einen neuen Fan, der ihn hoffentlich in eine goldene Zukunft führt.

Bild Volvo 123 GT (1967) - Heckansicht weitgehend seriennah
Volvo 123 GT (1967) - Heckansicht weitgehend seriennah

Der abgebildete Volvo 123 GT mit Jahrgang 1967 wurde am 12. Oktober 2013 in Wangen a.d. Aare versteigert. Wir danken dem Autocenter Vogel für die Gelegenheit, den starken Schweden kennenzulernen.

Weitere Informationen

  • AR-Zeitung Nr. 22/1967, ab Seite 23: Kurztest Volvo 123 GT
  • Motor Rundschau 10/1967, ab Seite 390: Wir fuhren den Volvo 123 GT
  • Oldtimer Markt Heft 11/1996, ab Seite 34: Kaufberatung Volvo Amazon

Bilder zu diesem Artikel

Volvo 123 GT (1967) - Heckansicht weitgehend seriennah
Volvo 123 GT (1967) - Lenkrad von Abarth
Volvo 123 GT (1967) - der Bandtacho wurde nicht verändert
Volvo 123 GT (1967) - auch der originale Drehzahlmesser musste weichen, vielleicht weil er defekt war
Volvo 123 GT (1967) - Zusatzinstrumente für Strom, Öltemperatur und - druck
Volvo 123 GT (1967) - Zusatzschalter, wohin man schaut
Quelle:
Logo Quelle
Favicon
von da******
13.10.2020 (18:15)
Antworten
Tolles Frisierobjekt, wenngleich es dazu einen langen Atem brauchte, um es in AG StVA tauglich hin zu bekommen. Mit in den Ferien aus Stockholm, Schweden von Comfort Racing heimgeschleppten 2x 45 DCOE Weber, spitziger Nockenwelle, härteren Ventilfedern, Fächerkrümmer und vom Spezialisten angepasst und auf vermutlich auch etwa 160-180 PS fein getunt, gelang es vor 35 Jahren einem Freund trotzdem nicht, seinen 123 GT alltagstauglich hinzubekommen, so dass er irgendwann das Handtuch warf und das Auto zum Ausschlachten verschenkte, weil es in Britisch racing green auch niemand kaufen wollte (oder man ihm den Sportwagen politisch nicht gönnen mochte.) Ein Totalabschreiber, und er kaufte sich dann ab Stange einen Nissan 200 SX. Das sind auch schon schöne Oldtimer und haben sich m. E. im Preis gut gehalten.
von ib******
01.10.2020 (16:08)
Antworten
Zum Bericht über den 123 GT hätte ich noch Folgendes zu ergänzen:
Auf einer Rallye traf ich ein belgisches Team, das einen 133 GT genannt hatte.Auf meine Frage,ob es sich um einen Druckfehler handeln würde,erklärte man mir, daß nach dem Auslaufen der Produktion des 123 GT in Schweden in den Benelux Ländern noch große Nachfrage bestanden hätte. Volvo habe dann in einem belgischen Montagewerk noch weitere 123 GT hergestellt,allerdings unter der Bezeichnung 133 GT, wovon ich mich durch Blick in die Fahrzeugpapiere überzeugen konnte.
Ingo Buschmann
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1 min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.
Loading...