Der älteste bekannte Alfa Romeo 6C 2500 mit Schweizer Karosserie

Erstellt am 31. Januar 2014
, Leselänge 4min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Boris Adolf - Courtesy RM Auctions 
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Bruno von Rotz 
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Archiv 
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Die Gebrüder Tüscher gehören zu den wichtigsten Karosseriebauern der Schweiz und ihre Fahrzeuge überzeugten stets durch Eleganz und Bauqualität. Die Tüschers setzten Aufbauten auf Fahrgestelle der Hersteller Delahaye, SS Jaguar, Plymouth, Buick, nebst vielen anderen. Und, obschon die Firma Tüscher in den Vorkriegsjahren Alfa-Romeo-Fahrzeuge in die Schweiz einführte, sollen nur zwei Tüscher-Karosserien ihren Weg auf Chassis der Mailänder Automarke gefunden haben.


Alfa Romeo 6C 2500 Cabriolet Tüscher (1939) - angeboten als Lot 46 an der RM Auction Paris vom 5. Februar 2014
Copyright / Fotograf: Boris Adolf - Courtesy RM Auctions

Der Alfa-Romeo-Höhepunkt vor dem Krieg

1938 präsentierte der Mailänder Hersteller Alfa Romeo seine ultimative Ausbaustufe des bereits im Rennsport und auf der Strasse über lange Jahre erprobten Sechszylinders vor. Statt der ursprünglich 1,5 Liter Hubraum standen nun 2443 cm3 zur Verfügung, was mindestens 90 PS Leistung entsprach in der Einvergaser-Version. Mit drei Vergasern durften es auch 145 PS sein.


Alfa Romeo 6C 2500 (1948) - Schnittzeichnung des mächtigen Alfas
Archiv Automobil Revue

Die Motoren wurden in Fahrgestelle mit drei unterschiedlichen Radständen montiert, 2,75, 3 oder 3,25 Meter standen zur Auswahl.


Alfa Romeo 6C 2500 (1939) - eine Karosserie wird nach der Superleggera-Bauweise aufgebaut
Archiv Automobil Revue

Auf diese kompletten Fahrgestelle - der Motor trieb die starre Hinterachse an, die Vorderräder waren einzeln aufgehängt, die Bremsen wurden hydraulisch angesteuert - setzten dann die verschiedensten Karosseriefirmen individuelle Aufbauten, darunter Touring Superleggera, Pinin Farina, Graber, Worblaufen oder eben die Gebrüder Tüscher.

Elegantes Cabriolet

Am 1. November 1939 wurde der Wagen mit Chassis-Nummer 913014 und Motorennummer 923059 an Herrn Direktor Weber ausgeliefert, zweifarbig grau und hellblau lackiert. Als geräumiges Cabriolet - Radstand 3,25 Meter - offerierte der Wagen eine elegante Karosserieform und viel Licht im Innern. Vermutlich hatte wie immer Konstrukteur Hans Dinkel die Form gestaltet und sein Kollege Paul Lötscher die Zeichnungen im Massstab 1:1 umgesetzt. Und wie auch bei anderen Entwürfen aus dem Hause Tüscher fehlten marktschreierische Accessoires und Formausschweifungen und die Gesamterscheinung überzeugte mit zurückhaltender Eleganz.


Alfa Romeo 6C 2500 Cabriolet Tüscher (1939) - angeboten als Lot 46 an der RM Auction Paris vom 5. Februar 2014
Copyright / Fotograf: Boris Adolf - Courtesy RM Auctions

Herr Weber verkaufte den Alfa Romeo später weiter und auf mehr oder weniger mysteriöse Weise gelangte der Wagen nach England, wo er schlussendlich mit einer orange-farbigen Lackierung auf einem Parkplatz des Flughafens London Heathrow abgestellt wurde.

Ein gewisser Peter Piper löste den Wagen dann für 50 englische Pfund aus. Eine Reparatur der Hinterachse reichte, um das Fahrzeug wieder gangbar zu machen. Piper verkaufte den fahrfähigen Alfa an einen Freund namens Bill Little weiter, der das Auto zum Schleppen seines Rennwagens nutzte. Schliesslich tauschte Little den Wagen bei Piper für einen anderen 6C 2500 mit kurzem Chassis ein und 913014 erhielt mit Richard Bonney einen weiteren englischen Besitzer.

Über einen Händler in Peterborough gelangte das Alfa Romeo Cabriolet dann in den Sechzigerjahren in die Hände eines kanadischen Marineoffizier, der den Wagen restaurierten wollte, aber verstarb, noch bevor der einst elegante Wagen wieder Gestalt angenommen hätte.

Im Garten des verschiedenen Besitzers fand ihn schliesslich ein kanadischer Ingenieur, der das Fahrzeug trotz erbärmlichen Zustands zusammen mit vielen Kisten voll Material von der Witwe erstand.

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Identitätssuche

Der mutige Bernie McDonald begann, die Identität seines Wagens zu erforschen. Nach vielen falschen Spuren, verschiedene Experten hatten entweder auf eine Worblaufen- oder eine Touring-Karosserie getippt, konnte schliesslich der Hersteller Tüscher anhand der Löcher identifiziert werden, mit der die Herstellerplakette auf der Wagenflanke angebracht worden war. Nur Tüschers Plaketten passten in die trapezförmig angeordneten Löcher, die bei der Restaurierung gefunden wurden.

Restaurierung über acht Jahre

Die Restaurierung begann 1976 und endete rund acht Jahre später. Dank vieler helfender Hände, Alfa-Clubmitgliedern und begabten Handwerkern konnte viel von der bestehenden Substanz gerettet werden. Zudem waren fast alle Originalteile noch vorhanden und konnten zumindest noch als Muster für eine Neuanfertigung dienen, wie es beim Interieur zum Beispiel nötig wurde.

Dank der Informationen, die Bernie McDonald im Firmenarchiv der Gebrüder Tüscher gefunden hatte, konnte auch die Lackierung wieder in ähnlichen Farbtönen erfolgen, wie sie sich bei der Auslieferung im Jahr 1939 auf dem Fahrzeug befunden hatten.


Alfa Romeo 6C 2500 Cabriolet (1939) - mit Karosserie der Gebrüder Tüscher aus Zürich - an der Retro Classics Stuttgart 2013
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Nur eine vordere Stossstange erhielt der Wagen nicht, obschon praktisch alle bekannten Tüscher-Kreationen über eine solche verfügen. Ob diese ursprünglich am Wagen montiert war und ob sie eine v-förmige Gestalt hatte wie z.B. beim Delahaye 135 Coupes des Alpes von 1938 oder gradlinig geführt gewesen war wie beim SS Jaguar 2,5 Lire von 1937, darüber kann nur gerätselt werden, bis irgendwann eine Originalfotografie des Autos auftaucht.

Von Kanada in die Schweiz und nach Paris

Bernie McDonald zeigte den restaurierten Wagen u.a. an einer Zusammenkunft des Alfa Romeo Owners Club im Jahr 1997 und gewann dabei die Vorkriegsklasse und wurde auch vom Publikum mit einem Preis bedacht. 2001 verkaufte er den Alfa in die Schweiz und 13 Jahre später wird er nun an RM Auctions Versteigerung in Paris am 5. Februar 2014 unter den Hammer kommen, zum Schätzpreis von Euro 250’000 bis 320’000.

Angesichts der Vermutung, dass es sich hier um den ältesten noch existierenden Alfa Romeo 6C 2500 handelt, der dazu noch mit einer einmaligen Karosserie eingekleidet ist, erscheint dieser Preis mehr als realistisch.

Wir danken dem Swiss Car Register für die Unterstützung bei den Recherchen.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von alex
21.02.2017 (11:33)
Antworten
Sehr schöner Bericht, besten Dank. Bitte erlaubt mir eine Berichtigung: Wie die Vorgänger Modelle 6C 2300 B hatten alle 6C 2500er HINTEN und vorn Einzelradaufhängung. Hinten war es eine Pendelachse mit längs liegenden Torsionsfedern, vorn fand die aufwendige Aufhängung der GP-Rennwagen aus den späteren 30er Jahren Verwendung.
von ak******
03.02.2015 (10:08)
Antworten
ja, Swiss Car Register ist in der Tat eine wahre Fundgrube von unschätzbaren Informationen in der Hand von verlässlichen Kennern der Materie.
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