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Bild (1/6): Porsche 930 Turbo (1976) - der Turbo war nicht nur breiter, sondern auch um einiges schwerer als sein schmalbrüstiger Bruder 911 (© Bruno von Rotz, 2011)
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    Der Überhammer der Siebzigerjahre - Porsche 930 Turbo

    9. Februar 2012
    Text:
    Bruno von Rotz
    Fotos:
    Daniel Reinhard 
    (2)
    Bruno von Rotz 
    (14)
    Balz Schreier 
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    Test- und Fahrberichte der Siebzigerjahre überboten sich mit Superlativen und eindrücklichen Schilderungen des brachialen Beschleunigungsvermögens des Porsche Turbo. Kritiker sahen im Heckmotor-911-er dagegen trotz Turboaufladung nur einen aufgemotzten Käfer. Der Porsche Turbo liess niemanden kalt und stellte mit seinen Fahrleistungen sämtliche Supersportwagen der Zeit in den Senkel, angefangen bei Lamborghini Countach und bis zum Ferrari Berlinetta Boxer, zumindest im Geschwindigkeitsbereich unter 140 km/h. Wider aller Erwartungen wurde er trotz hohem Preis zum Verkaufserfolg.

    Porsche 930 Turbo (1976) - 0 bis 100 kmh in gut 5 Sekunden
    © Copyright / Fotograf: Balz Schreier

    Turboaufladung als uraltes Konzept

    Der Porsche Turbo war bei Verkaufsstart tatsächlich der einzige Serien-Turbo eines grösseren Herstellers, fast 40 Jahre später ist die Aufladung mit einer durch Abgasdruck angetriebenen Turbine allgegenwärtig.

    Das Funktionsprinzip war schon 1974 uralt, denn es ging bis auf das Jahr 1908 zurück, als Techniker den Motor eines Chadwick-Rennwagens mit einem “Zentralverdichter” versahen. Bei (grossen) Dieselmotoren hatte sich das Rezept ebenfalls seit langem bewährt.

    Nur wenige serienmässige Strassenfahrzeuge vor dem Porsche Turbo wiesen eine künstliche Beatmung mittels Turbo auf, der Chevrolet Corvair Corsa (1965-1966) und der BMW 2002 Turbo (1973-1974) waren Ausnahmen.

    Vom Rennsport auf die Strasse

    Im Rennsport hatte sich die Turboaufladung bereits bewährt und sorgte bei Porsche für viele Rennerfolge. Bei den Prototypen Porsche 917/10 und 917/30 konnte dank Zwangsbeatmung mit Turbinen eine Leistung von bis zu 300 PS pro Liter Hubraum erreicht werden, zumindest auf dem Prüfstand. Doch auch die renntauglichen 1’100 PS, die ein Porsche 917/30 von 1973 leistete, waren überaus eindrücklich, genauso wie der Verbrauch von bis zu 100 Litern pro 100 km.

    Ermutigt durch die Erfolge mit den Rennprototypen transferierten die Porsche-Leute die Turbotechnologie auf den 911 RSR und setzten diesen 1974 in Le Mans ein. 480 PS leistete dort der 2’142 cm3 grosse Motor und kam mit den Fahrern Herbert Müller und Gijs van Lennep auf den zweiten Platz im Gesamtklassement, notabene hinter einem Rennprototpyen von Matra-Simca. Hätte nicht der vierte Gang seinen Geist aufgegangen, wäre vielleicht noch mehr drin gelegen.

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    SC73

    Vorstufe an der IAA 1973 gezeigt

    An der Internationalen Automobil Ausstellung stellte Porsche 1973 einen ersten Prototypen als Vorbote eines zukünftigen Serien-Turbos. Dieser ähnelte noch stark den schnellen Carrera-Typen und bediente sich eines 2,7-Liter-Motors. Erste Fahrversuche im April 1973 fielen allerdings enttäuschend aus. Das Zusammenspiel zwischen Turbolader und Bosch K-Jetronic-Einspritzung wollte noch nicht so richtig klappen und obschon Leistungsmangel sicher kein Problem war, liess insgesamt die Fahrbarkeit und die Haltbarkeit doch sehr zu wünschen übrig.

    Porsche Turbo (1973) - Prototyp, zum ersten Mal gezeigt an der IAA 1973, noch mit 2,7-Liter Hubraum und 280 PS
    © Zwischengas Archiv

    Also entwickelte man weiter, vergrösserte den Hubraum zugunsten eines besseren Drehmomentverlaufs und mehr Laufkultur. Ein neues Viergang-Getriebe und eine verstärkte Kupplung sollten helfen, die Kraft im Zaum zu halten. Kotflügelverbreiterungen und breite Räder vorne und vor allem hinten sorgten für mehr Fahrstabilität. Überarbeitete Bremsen, Radführungen und zusätzliche Spoiler verbesserten die Fahrsicherheit. Die Änderungen waren so umfangreich, dass man auf die Typenbezeichnung “911” verzichtete und den Wagen “930” nannte.

    Der endgültige Porsche Turbo als Antithese zur Energiekrise

    Im Oktober 1974 feierte der neue Porsche Turbo dann in Paris Premiere, inmitten der Rezession und der Energiekrise.

    260 PS stark und 1’140 kg schwer stand der Neuankömmling auf dem Messestand und Kinder und Männer drückten sich die Nase platt an den Seitenscheiben, um einen Blick auf den Tacho, der bis 300 km/h reichte, zu werfen. So sahen Bubenträume aus.

    Porsche Turbo (1974) - das Serienmodell, wie es in die Produktion ging
    © Zwischengas Archiv

    DM 65’800 oder CHF 78’650 musste auf dem Konto wissen, wer sich den Sportwagen bestellen wollte. Das war eine ganze Menge Geld. Zwar kostete ein Ferrari 365 GT/4 BB mit CHF 119’000 nochmals deutlich mehr, aber den günstigsten 911-er gab’s damals zum halben Preis eines Turbos.

    Immerhin erhielt man ein voll ausgestattetes Fahrzeug, zu dessen Lieferumfang auch eine beheizbare Frontscheibe, eine Scheinwerfer-Reinigungsanlage, ein Stereo-Kassettenradio mit vier Lautsprechern, eine elektronisch kontrollierte Heizung und ein Heckscheibenwischer gehörte.

    Der Preis stand dem Erfolg nicht im Wege, schon bald zogen sich die Lieferfristen in die Länge und die wenigen Extras wie Schiebedach oder breitere Pirelli-P7-Reifen wurden gerne geordert. 

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    Beeindruckende Beschleunigungsleistung

    5.2 Sekunden reichten den Testern von Auto Motor und Sport, um mit dem Turbo Tempo 100 km/h zu erreichen. Da kamen weder der Ferrari BB (6,2 Sekunden), noch der Lamborghini Countach (5,4 Sekunden) mit. Der Vortrieb endete bei exakten 250 km/h, was zwar unter den Werten der italienischen Sportwagen-Elite lag, aber im Prinzip nur akademische Bedeutung hatte.

    Die Automobil Revue erhielt offensichtlich ein etwas weniger gut im Futter stehendes Modell, was zu Messungen von 5,5 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h und eine Höchstgeschwindigkeit von 246 km/h führte. Dafür begnügte sich der “AR-Porsche” im Schnitt mit 16,2 Liter Superbenzin pro 100 km, während der Testwagen von AMS immerhin 20,9 Liter pro 100 km in den Motor einspritzte.

    Einig waren sich die verschiedenen Zeitschriften bezüglich des überraschend hohen Komforts, insbesondere was die Geräuschbelastung anbelangte und der im Grenzbereich kritischen Fahreigenschaften.

    Kein Wunder appellierten die AR-Redakteure an die Vernunft der Fahrer: “Zum Besitz genügt zwar ein wohldotiertes Bankkonto, doch zum sinnvollen Gebrauch ist neben solidem Fahrkönnen auch ein Maximum an Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und echter Ritterlichkeit notwendig; zum edlen Ross gehört der edle Ritter.”

    Alltagstauglichkeit gross geschrieben

    Von Anfang an war den Porsche-Ingenieuren eine uneingeschränkte Alltagstauglichkeit und Langlebigkeit wichtig gewesen. Ein Turbo konnte ganz normal im Strassenverkehr eingesetzt werden, selbst bei hohen Geschwindigkeit war eine Unterhaltung mit dem Beifahrer möglich.

    Trotz einem von Anfang an gelungenen Produkt, entwickelte man im Porsche-Werk aber weiter. Aussenspiegel konnten ab 1976 von innen elektrisch verstellt werden, die Reifen wurden auch in der Serie breiter, die Karosserie wurde vollverzinkt. 1977 kamen 16-Zoll-Räder dazu.

    Für das Modelljahr 1978 dann wurde der Motor auf 3,3 Liter vergrössert, die Leistung auf 300 PS erhöht. Grössere Bremsen und ein noch dickerer Heckflügel waren nötig, um den nochmals erstarkten Turbo unter Kontrolle zu halten.

    Und die Entwicklung ging weiter, erst 1990 löste der Porsche 964 Turbo den 930 ab. 20’648 930 Turbo (2’876 mit 3-Liter-Motor) waren von Ende 1974 bis Ende 1989 hergestellt worden, wahrlich ein beeindruckender Erfolg.

    Gute 35 Jahre später

    260 PS und auch Beschleunigungszeiten von unter sechs Sekunden für den Sprint von 0 bis 100 km/h sind heutzutage keine Sensation mehr, selbst gut im Futter stehende Turbo-Diesel-Limousinen oder aufgeladene Familiencoupés bieten hier im Jahr 2012 zumindest Pari. Trotzdem fasziniert der Porsche Turbo noch heute.

    Porsche 930 Turbo (1976) - die breiten Kotflügel setzen den Turbo vom 'normalen' 911-er ab
    © Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

    Zuerst ist man über seine erstaunlich gedämpfte Aussprache vielleicht etwas enttäuscht, aber spätestens dann, wenn man 6’000 Umdrehungen auf dem Drehzahlmesser sieht oder im Dunkeln die Turboflammen im Rückspiegel sieht versteht man, warum der Turbo aus Zuffenhausen soviele Anhänger gewann. Denn dieses Auto verkörpert wie nur wenige andere die duale Natur des Dr. Jekyll versus Mr. Hyde. Sanft und durchaus komfortabel verhält sich der Turbo im tiefen Drehzahlbereich und im normalen Gebrauch, gibt man dem Wagen aber die Sporen, dann geht die Post ab.

    Wir fuhren einen Turbo, der bereits über 180’000 km auf dem Buckel hatte. Trotz des Alters von fast vierzig Jahren und der hohen Laufleistung fühlte der Porsche sich sehr gesund an und zog los wie ein Spitzensportler. Das Fahren ist keine Hexerei, nur ein wenig noch fühlen sich Schaltung und Sitzposition ein wenig nach Käfer an. Das Zündschloss sitzt natürlich links am Armaturenbrett, der Motor startet zuverlässig und nimmt auf Anhieb Gas an. Man sitzt bequem, die Rundumsicht ist gut, nur auf die dicken Backen muss man aufpassen, da man im immerhin 177,5 cm breiten Wagen recht zentral sitzt.

    Im Vergleich zu seinen damaligen Konkurrenten fühlt sich der Porsche 930 Turbo sicher am zivilsten und komfortabelsten an und wer will mit diesem Klassiker schon unbedingt den Grenzbereich und heikle Lastwechselreaktionen erkunden.

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    Im Unterhalt und beim Kauf definitiv kein Käferpendant

    Porsche Turbo-Modelle der ersten Generation erfreuen sich grosser Beliebtheit, je nach Modell sind aktuell (Stand 2012) gemäss Marktbeobachter Classic Data zwischen Euro 44’000 und 55’000 (CHF 52’000 bis 70’000) für ein Fahrzeug in gutem Zustand zu bezahlen, am teuersten sind dabei die späten Fünfgang-Modelle. Für die frühen Dreiliter-Modelle wird heute kein Mehrpreis mehr verlangt, obschon sie recht rar geworden sind.

    Auch Unterhalt und Ersatzteile sind nicht zu Käfer-Preisen erhältlich. Erhältlich ist fast alles, dank der guten Ersatzteilpolitik des Hauses Porsche.

    Ein gut unterhaltener Porsche Turbo macht auch heute noch süchtig und kaum ein zeitgenössisches Auto vermittelt einen derart beeindruckenden Turbo-Schub, selbst wenn heute wesentlich höhere Leistungsspitzen möglich sind.

    Wir danken der Oldtimer Galerie Toffen für die uns gebotene Gelegenheit, den goldenen Porsche Turbo mit Jahrgang 1976 probefahren zu können.

    Weitere Informationen zum Porsche Turbo

    • AR-Zeitung Nr. 35/1975 vom 21. Aug. 1975, ab Seite 15: Kurztest Porsche Turbo

    • Auto Motor und Sport Heft 11/1975, ab Seite 32: Test Porsche Turbo
    • Auto Motor und Sport Heft 23/1975, ab Seite 110: Der lange Weg zum Porsche Turbo
    • Auto Motor und Sport Heft 20/1976, ab Seite 12: Porsche Turbo der Superlative: über 300 PS, fast 300 km/h
    • Auto Motor und Sport Heft 23/1976, ab Seite 104: Porsche 911, Carrera und Turbo
    • Motor Revue 1975/1976, Seite 28: Porsche turbo (Traumwagen im Test)
    • Motor Klassik Heft 1/2006, ab Seite 10: Porsche 911 turbo und 944 turbo
    • Oldtimer Markt Heft 8/1999, ab Seite 8: 25 Jahre Porsche 911 turbo

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