Der Devin SS - der verkannte Sportwagen-Star der Endfünfzigerjahre

Erstellt am 30. Juli 2012
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Neil Fraser - Courtesy RM Auctions 
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Archiv 
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Bill Devin um 1965 Bill Devin, ein Racer von altem Schrot und Korn, hatte schon 1954 begonnen, selber Autos zu fabrizieren. Mit dem Devin-Panhard entwickelte er einen leichten offenen Sportwagen, der im Bug einen modifizierten Panhard-Motor trug.

Um günstig leichtgewichtige Karosserien herstellen zu können. erlernte Devin die Kunst der "Fiberglas"-Verarbeitung. Und um die obenliegende Nockenwelle anzutreiben, setzte er einen Zahnriemen ein, ein Konzept, das zwar für Industrieantriebseinheiten bereits gebräuchlich war, bei einem Benzinmotor im Automobil aber erstmals eingesetzt wurde. Als Bürokraten-Feind verzichtete Devin natürlich auf eine Patentierung, so dass andere später den Ruhm für diese Konstruktion für sich in Anspruch nahmen.

Bald begann Bill Devin Kunststoff-Karosserien auch ohne Chassis zu verkaufen, immerhin 27 Variationen fertigte er an. Diese Karosserien konnten dann auf die verschiedensten Produktions-Chassis (Corvette, MG, Triumph, Austin-Healey, etc.) gesetzt werden und mancher Strassensportwagen entstand auf diese Weise, mancher rennmässig eingesetzte “Special” wurde so geboren.

Eine Chance winkt in Irland

Zufälligerweise erhielt Bill Devin im Jahr 1957 eine Anfrage aus Irland, eine Kunststoff-Karosserie zu liefern. Zwei irische Enthusiasten - Malcolm McGregor und Noel Hills - hatten begonnen, einen Rennwagen zu bauen. Das Chassis war eine Rohrahmen-Eigenkonstruktion, vorne waren Einzelradaufhängungen montiert und hinten eine De Dion Achskonstruktion, der Motor kam von einem Jaguar und der einzige Sitz sah aus, als ob er aus einem Traktor stammen würde.

Devin sah das Potential der Konstruktion und vereinbarte nach einer kurzen und abenteuerlichen Probefahrt eine Zusammenarbeit mit den beiden Iren. Sie sollten ein etwas verlängertes Chassis liefern, das in der Lage war, einen Chevrolet-V8-Motor und das passende Getriebe aufzunehmen.

Devin-SS-Prototypen-Chassis

Die ersten Serien-Fahrzeuge

Ab 1958 begannen die irischen Chassis einzutreffen. Um Logistik-Kosten zu sparen, baute Devin die Chassis in den USA fertig, setzte dann den Chevrolet Corvette 283 ci Motor samt Borg-Warner-Vierganggetriebe ein und komplettierte den Wagen mit einer seiner Kunststoff-Karosserien. Die Instrumente kamen wie üblich von Stewart-Warner, trugen den Devin-Schriftzug und reichten im Fall des Tachos bis 200 MPH! Es gab diverse Detailprobleme auszusortieren, aber Devin und seine Leute kriegten die Kurve.

Bill Devin mit Devin-SS-Chassis

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Fahrmaschine erster Güte

Der Devin SS (für Super Sports) erregte viel Aufsehen, die Automobil-Zeitschriften standen praktisch Schlage, um den Wagen testen zu können. Und sie erreichten wahre Fabel-Messwerte. Sports Car Illlustrated zum Beispiel schaffte den Sprint von 0 bis 60 MPH (96 km/h) in gerade einmal 4,8 Sekunden, 100 Meilen waren nach 12,9 Sekunden erreicht.

Auch Road & Track konnte im Jahr 1959 einen Devin SS in den Testbetrieb aufnehmen. 131 Meilen pro Stunde (rund 210 km/h) wurden als Höchstgeschwindigkeit erreicht, für die Beschleunigung von 0 bis 60 Meilen nahm sich der getestete rund 1’200 kg schwere Devin Super Sports mit 4’639 cm3 Hubraum und 220 PS 5,7 Sekunden Zeit. Die Viertelmeile mit stehendem Start wurde mit 14 Sekunden gestoppt. Die Road & Track Leute waren völlig aus dem Häuschen, denn nicht nur beschleunigte der Sportwagen besser, als fast alles, was sie bisher gefahren hatten, auch die Kurvengrenzgeschwindigkeiten und die Bremswerte stellten die meisten Konkurrenten in den Schatten.

Serien-Devin SS von 1958

Produktions- und Preisanpassungen

USD 5’950 - und damit nur USD 800 mehr als für eine Standard-Corvette - wollte die Vertriebsorganisation um Art Evans, der den Sportwagen verkaufen sollte, ursprünglich für den Devin SS haben. Doch die Kosten für die Herstellung waren höher und Bill Devin wollte unbedingt 100 Fahrzeuge herstellen, um den Wagen für SCCA-Rennen homologieren zu können.

Schon nach wenigen gebauten Fahrzeugen entwickelte Devin auf Basis der mit dem irischen Chassis gemachten Erfahrungen ein eigenes und in seinen eigenen Räumen zu bauendes Fahrgestell. Doch die Kosten sanken nicht stark genug und der Preis musste auf rund USD 10’000 angehoben werden, so dass am Ende nur 15 vollständige Fahrzeuge und drei Bausätze verkauft werden konnten.

Chassis DSS-001 als Prototyp für die “zweite Serie”

Das Devin-eigene Chassis debütierte 1959 mit Fahrgestell-Nummer DSS-001. Dieser Wagen wurde als Ausstellungsfahrzeug genutzt und auf vielen Werksabbildungen verewigt. 1961 kaufte ein New Yorker namens Anderson den Sportwagen, acht Jahre später ging der Wagen als Schulabschlussgeschenk an Terry Stokes, der den SS eigenhändig restaurierte. Gegen Ende der Siebzigerjahre tauchte DSS-001 dann an verschiedenen Oldtimer-Rennen auf. 1995 konnte Bill Devin den Wagen von Stokes zurückkaufen, nur um ihn ein Jahr später an Steve Young weiterzuveräussern, der ein konkurrenzfähiges Auto für Oldtimer-Veranstaltungen suchte. Während der nächsten Jahre bewährte sich der Devin mit uhrwerkartiger Zuverlässigkeit im historischen Rennsport. 2003 wechselte der Devin SS erneut den Besitzer, der ihn im Jahr 2012 via RM an der Monterey-Versteigerung anbietet.

Fast überirdische Fahrleistungen

Während sich die Basis-Spezifikation des Fahrzeugs über die Jahre nicht geändert hatte, profitierte die Motorenseite von den stetigen Leistungssteigerungen der Serien-Corvettes und der verfügbaren Tuning-Teile. Der Hubraum war auf 5’359 cm3 angewachsen, die Leistung auf 440 PS, fast das Doppelte der ursprünglichen Nominalleistung. Mit den gut 1’000 kg (inkl. Sicherheitsaustattung) dürften so fast überirdische Fahrleistungen möglich sein, vor allem, wenn man das Alter des Autos berücksichtigt.

Der schön präparierte und präsentierte Wagen wurde von RM Auctions auf USD 250’000 bis 325’000 eingeschätzt . Ob die Bieter das auch so sehen, wird man am Wochenende vom 17.-18. August 2012 sehen.

Die verpasste Chance

Der Devin SS hätte zu einem dominanten Faktor in der US-Rennsport-Szene werden können. Die technische Basis war vielversprechend gewesen und der Sportwagen liess sich selbst vom Heimwerker gut warten und vorbereiten. Was wäre wohl gewesen, wenn Devin und Evens kommerziell erfolgreicher agiert hätten? Wir wissen es nicht, aber auf jeden Fall wären heute mehr als die geschätzten 12 Devin SS (inkl. der Kits) übrig.

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