Das erste Auto von Opel - der Motorwagen System Lutzmann von 1899

Erstellt am 3. April 2017
, Leselänge 4min
Text:
Dr. G. Gerlach / Daniel Reinhard
Fotos:
Daniel Reinhard 
9
Bruno von Rotz 
1

Der Gründer der Firma Opel, Adam Opel, war bereits 1895 gestorben, doch seine Witwe führte zusammen mit den beiden Söhnen Karl und Wilhelm das begonnene Werk fort. Nach Jahren des Erfolgs mit Nähmaschinen und allerlei anderem Gerät hatte man bereits in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts mit dem Bau von Fahrrädern begonnen.

Um den Jahrhundertwechsel erkannte man, dass sich das Automobil langsam aber stetig durchzusetzen begann und entschied sich, die Patente und Erfindungen der Firma Lutzmann zu kaufen. Für den Hofschlossermeister, Automobilpionier und Konstrukteur Friedrich Lutzmann eröffnete sich so die Chance zur "Massenproduktion".

Bereits 1898 verlegte man deren Tätigkeit nach Rüsselsheim, nur ein Jahr später kam der erste Opel-Motorwagen nach System Lutzmann auf den Markt.


Opel Patentmtorwagen System Lutzmann (1899) - Vollgummireifen und Holzspeichenräder waren bei den frühen Exemplaren gegeben
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Er basierte auf den von Lutzmann zuvor gebauten “Pfeil”-Modellen, der als Patentmotorwagen System Lutzmann bereits 1897 auf der ersten Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) vorgestellt worden war.

Weiterentwicklungen im Detail

Opel übernahm den Wagen nicht unverändert, sondern liess ihm einige Innovationen angedeihen.

So überarbeiteten die jungen Automobilentwickler die kettengesteuerte Lenkung und konstruierten einen tieferen Rahmen mit kräftigen Längstraversen, um die Stabilität zu erhöhen und den Schwerpunkt des 520 kg leichten Wagens abzusenken.

Für den Vortrieb sorgte ein hinter dem Fahrersitz im Heck liegender offener Einzylinder-Motor mit 1,5 Liter Hubraum, der 3,5 PS bei 650 Umdrehungen lieferte. Pleuel und Kurbelwelle verrichten ihre Arbeit im Freien.


Opel Patentmtorwagen System Lutzmann (1899) - Blick auf die Antriebseinheit, ein 1-Zylinder-Viertakter
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Der Motor wurde angelassen, indem der Fahrer das freiliegende Schwungrad kräftig mit der Hand drehte. Der Motor arbeitete nach dem Viertaktprinzip, wurde von zwei Wasserbehältern mit Kondensator gekühlt und hatte eine Batteriezündung mit Induktionsspule. Der Benzinbehälter diente zugleich als Vergaser, bei dem der Kraftstoff über einen Docht verdunstete. Das Einlassventil öffnete sich automatisch durch den Sog des Kolbens, das Auslassventil wurde bereits über einen Nocken gesteuert.

Die Kraftübertragung zur Hinterachse übernahm ein verzweigtes System mit ledernen Treibriemen, Vorlegewelle, Planetengetriebe, Ritzen und Ketten. Eine eigentliche Kupplung gab es nicht. Der Schalthebel lag unter der Lenkkurbel. Mit ihm konnten zwei Gänge gewählt oder der Leerlauf eingestellt werden. Die Riemenübertragung war elastisch genug, um das Rucken beim Gangwechsel zu dämpfen. Auch ein Differential gab es nicht, niedrige Geschwindigkeiten, grosse Kurvenradien und robuste Vollgummireifen trösteten seinerseits über diesen Nachteil hinweg.

Einen geübten Fahrzeuglenker vorausgesetzt, erreichte der Opel-Patent-Motorwagen eine Höchstgeschwindigkeit von 25 bis 30 km/h.

Der Rahmen bestand aus zwei Stahlrohr-Holmen zwischen der Vorder- und Hinterachse. Der hölzerne Aufbau ruhte auf vier Vollelliptik-Blattfedern und hatte eine ledergepolsterte Bank mit Rücken- und Armlehnen für zwei Personen. Zwei Notsitze konnten auf Wunsch dazu geliefert werden. Die Räder waren eine solide Stellmacherarbeit mit Holzspeichen und Vollgummireifen.

Jeder Wagen anders

Von einer Serienfertigung konnte damals noch nicht gesprochen werden, jedes Fahrzeug war im Prinzip ein Einzelstück und unterschied sich bezüglich Materialbeschaffung und Aussehen leicht vom Vorgänger und vom Nachfolger. Im Prinzip wurde ständig weiterentwickelt und verbessert.

Welche Varianten das «System Lutzmann» bot, veranschaulicht das «Fabrikationsprogramm» von Opel in den Jahren 1898 bis 1901. Es gab Motoren mit 3.5, 4, 5 und 6 PS.DemEinzylinder- folgte ein Zweizylindermotor mit 8 PS.


Opel Patentmtorwagen System Lutzmann (1899) - eine Handkurbel hatte der Wagen nicht von Anfang an
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Eine Drehkurbel ersparte das mühevolle Anwerfen des Schwungrades mit der Hand. An Stelle der «zwei Geschwindigkeiten» traten drei Gänge. Eine Lenkvorrichtung und das Ein- und Ausrücken der verschiedenen Übersetzungen wurden patentiert. Eine «Zentralschmierung» versorgte die wichtigsten Gleitstellen. Die Radnaben erhielten Kugellager. Die Vollgummireifen wurden durch Pneumatik ersetzt, erst wahlweise gegen Aufpreis, dann «serienmässig». Und dies alles in nur rund drei Jahren!

Angebote von Zwischengas-Spezialisten
Jaguar C-Type Recreation Aluminium Body (1965)
Porsche 911 Turbo Ruf 3.3 Coupé (1982)
Porsche 911 Targa G-Modell (1987)
BMW 327 (1938)
+41 (0)71 450 01 11
St. Margrethen, Schweiz

Keine Kutsche

Der Fahrer nahm, entgegen der üblichen Art bei Pferdekutschen, auf einem Sitzbock im hinteren Teil des Wagens Platz. Dies hatte seine guten Gründe, denn im hinteren Teil des Fahrzeugs spielten sich auch die wichtigen Antriebsvorgänge ab. Um die Bedienungswege für die einzelnen Mechanismen minimal zu halten, musste sich der Fahrer in deren Nähe befinden.


Opel Patentmtorwagen System Lutzmann (1899) - es gab einiges zu bedienen und verstellen am frühen Opel
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Die Lenksäule stand senkrecht vor dem Sitz des Fahrers, der sie mit einer Handkurbel drehte. An ihrem untern Ende war ein Zahnrad angeflanscht, von dem Ketten zu den Lenkhebeln der Vorderräder führten. Diese schwenkten sogar schon an Achsschenkeln. Gebremst wurde mit einer auf die Vorgelegwelle wirkende Bandbremse, die mit dem Fuss bedient und mit einem Handhebel festgestellt werden konnte.

65 produzierte Fahrzeuge

In der Rüsselsheimer Werkshallen entstanden in Handarbeit zwischen 1899 und 1901 insgesamt 65 Lutzmann-Opel, die für rund 2650 Mark verkauft wurden.


Opel Patentmtorwagen System Lutzmann (1899) - im Vordergrund der Patentmotorwagen nach System Lutzmann
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Einer davon ist heute Teil der Opel Classic Sammlung und wird erfolgreich bei zahlreichen Veranstaltungen im In- und Ausland eingesetzt, wie zum Beispiel beim "London to Brighton Veteran Car Run" für Oldtimer bis 1904.

Der Opel Lutzmann des Deutschen Museums

Ein weiterer dieser 65 Lutzmann-Fahrzeuge aus dem Hause Opel gehört dem Deutschen Museum. Bereits seit 1936 gehört er zur Sammlung, damals aufgrund eines Rundfunkaufrufs aufgefunden und durch den Reichsverband der Automobilindustrie dem Deutschen Museum in München übergeben.

Bis 1962 wurde der Wagen immer wieder genutzt, doch dann wurde er zum Stehzeug, bis er schliesslich mit 2900 Stunden Aufwand wieder komplett instandgesetzt wurde. Vieles musste ersetzt oder erneuert werden, man achtete aber auf weitgehende Originalität.


Opel Patentmtorwagen System Lutzmann (1899) - Herstellerplakette
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Epilog

Als 1902 in Rüsselsheim die Opel-Darracq-Fertigung anlief, kehrte Lutzmann, der vorübergehend als Direktor bei Opel mitgewirkt hatte, zurück ins Konstrukteursfach.

Technische Daten

  • Baujahr: 1899
  • Zylinder:  1 (später 2)
  • Hubraum: 1545 ccm
  • Leistung: 3,5 PS bei 650 Umdrehungen (Varianten wiesen 4 PS bei 800 U/min auf)
  • Höchstgeschwindigkeit: ca. 35 km/h (18 bis 20 km/h)
  • Preis: DM 2650

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
Keine Kommentare
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.

Empfohlene Artikel / Verweise

Markenseiten

Aus dem Zeitschriftenarchiv

Aktuelle Fahrzeug-Inserate

Aktuelle Marktpreise (Auswahl)

Kombi, 37 PS, 1488 cm3
Cabriolet, 55 PS, 2473 cm3
Coupé, 48 PS, 993 cm3
Limousine-zweitürig, 37 PS, 1488 cm3
Cabrio-Limousine, 37 PS, 1488 cm3
Limousine, zweitürig, 39 PS, 1488 cm3
Cabrio-Limousine, 39 PS, 1488 cm3
Limousine, zweitürig, 55 PS, 2473 cm3
Limousine, viertürig, 55 PS, 2473 cm3
Limousine, viertürig, 55 PS, 2473 cm3
Limousine, viertürig, 58 PS, 2473 cm3
Limousine, zweitürig, 40 PS, 1488 cm3

Spezialisten (Auswahl)

Spezialist

Muhen, Schweiz

+41793328191

Spezialisiert auf AC, Adler, ...

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 150'000 Besucher pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...