Bugatti 57 C - das Jahrhundert der Scheunenfunde ist noch nicht vorbei

Erstellt am 11. Februar 2015
, Leselänge 4min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Archiv 
17

Vor rund 40 bis 50 Jahren fährt der automobilbegeisterte Walter Grell durch Frankreich und erblickt zwischen Büschen eine bekannte Kühlerform. Es fehlt ihm zwar die Zeit, sich den Fund näher anzuschauen, aber später kehrt er zurück, identifiziert den abgestellten Wagen als Bugatti Typ 57 und überzeugt den Besitzer, ihm das Auto für ein paar wenige französische Francs zu verkaufen.

Jener ist froh, den Schrotthaufen endlich von seinem Land entfernt zu wissen, und wähnt sich überglücklich, dass ihm sogar noch jemand etwas dafür bezahlt.

Ende der Sechzigerjahre interessiert sich niemand für Vorkriegsautos und mancher Wagen wird kaltherzig verschrottet. Walter Grell aber transportiert seinen Fund in die Schweiz, mit Exportschwierigkeiten hat er nicht zu kämpfen, denn die Franzosen haben noch nicht erkannt, dass sie einmal später stolz auf ihr automobiles Erbe sein werden.


Bugatti Type 57C (1937) - wunderschöne Ventoux-Linie
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Der Bugatti wird, wie gefunden, an ein trockenes Plätzchen gestellt und überlebt die nächsten 40 Jahre unbeschadet und vor allem komplett, wenn auch verwittert und farblich etwas abgestumpft.

Jean Bugatti und der Bugatti 57

Jean Bugatti war der Sohn von Ettore Bugatti, der 1901 sein erstes selbstgebautes Auto vorstellte, das in Mailand zum besten italienischen Wagen bestimmt wurde. 1909 zog er unter eigenem Marken in einer Fabrik nahe Molsheim im Elsass ein, 1910 begann dort die Autoproduktion mit dem Typ 13. 14 Jahre später erschien der Typ 35 erstmals an einem Grand Prix, er wurde einer der erfolgreichsten Rennwagen aller Zeiten.

Sein Sohn Jean, der ein grosses Flair für Formen und Design, aber auch für die Technik hatte, drängte auf Innovationen und so entstand nach einigem Widerstand Ettores ein Achtzylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen, der erstmals im Typ 50 eingebaut wurde. 


Bugatti 57G (1935) - die Rennversion des Typ 57
Archiv Automobil Revue

Eine Weiterentwicklung namens 57G (Tank) brach bereits 1936 14 internationale Geschwindigkeitsrekorde und siegte 1937 und 1939 in unterschiedlichen Konfigurationen bei den 24 Stunden von Le Mans. Bei Probefahrten mit diesem Wagen kam Jean Bugatti um.

Verschiedene Karosserievarianten

Der Bugatti 57 wurde von 1934 bis 1940 gebaut mit verschiedenen Karosserien. Neben den Werksaufbauten konnten auch Karosseriebauer ihre eigenen Entwürfe auf einzeln verkaufte Fahrgestelle setzen, die grossen Firmen jener Zeit, u.a. Antem, Corsica, Figoni & Falaschi, Franay, Graber, Saoutchik, etc., liessen so für die begüterte Kundschaft viele extravagante Konstruktionen entstehen.


Bugatti 57 (1936) - als zwei- bis dreiplätziges Coupé "Atalante"
Archiv Automobil Revue

Vom Werk gab es über die gesamte Bauzeit sechs verschiedene Aufbauten zu kaufen, die  populärste war der Ventoux, benannt nach dem Austragungsort eines Bergrennens, das zwischen 1902 und 1977 stattfand.


Bugatti 57C Ventoux (1936) - Seite an Seite mit einer anderen Werkskarosserie
Archiv Automobil Revue

Der 57/57C Ventoux war ein viersitziges Coupé mit vergleichsweise flach stehender Frontscheibe und charakteristischer Gestaltung der C-Säule in Form eines Halbmonds.

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Technik vom Feinsten

Der Motor des Bugatti Typ 57 basierte auf jenem des Modells 49. Er war aus Aluminium gefertigt und bestand aus einem Stück (Block/Kopf als Monobloc).

Der Hubraum betrug 3257 cm3. Im Gegensatz zum Typ 49 wies der Typ 57 zwei obenliegende Nockenwellen auf. Ohne Kompressor leistete der Achtzylinder rund 135 PS, aufgeladen waren es 160 PS.

Ein rund 950 kg schweres Fahrgestell, das traditionell einem Leiterrahmen mit Querträgern entsprach, nahm die beiden Starrachsen auf. Gebremst wurde via Seilzüge und Trommeln, ab 1938 ersetzte eine Hydraulik die Drahtseile.

Im Gegensatz zu früheren Bugatti hatte der Typ 57 das Getriebe direkt an den Motor gekoppelt. Serienmässig wurden vier Vorwärtsgänge von Hand geschaltet, es konnte aber auch ein elektrisches Cotal-Vorwählgetriebe bestellt werden.

Eines der besten Autos jener Zeit

Der Bugatti 57 erhielt von der Presse viel positives Feedback. Kaum ein anderes Auto jener Zeit erlaubte es, lange Strecken derart komfortabel und vor allem schnell zurückzulegen. Noch grösseres Lob aber erhielt der Entwurf vom Rennfahrer Trintignant, der sagte: “Zwei Autos stehen für mich ausserhalb der Konkurrenz bezüglich Geschwindigkeit, Komfort und Sicherheit - der Kompressor-Bugatti 3,3-Liter 57C und der Facel Vega.

Angesichts der Tatsache, dass zwischen den beiden Typen 57C und Facel über 20 Jahre liegen, wird das Gesagte noch eindrücklicher.
Kein Wunder, war der Bugatti 57 ein Erfolg. 


Bugatti 57 (1936) - der Motor auf dem Prüfstand in Molsheim
Archiv Automobil Revue

Insgesamt wurden 680 Exemplare in den unterschiedlichen Ausführungen hergestellt. Und sein Nachkriegs-Nachfolger, der Type 101 übernahm das Fahrgestell und einen Grossteil der Technik.

Ein komplett originales Auto aus dem Jahr 1937

Der für diesen Artikel portraitierte Bugatti 57C Ventoux wurde im Jahr 1937 ausgeliefert an den ersten Bestizer, die Rechnung datiert vom 13. August 1937.


Bugatti Type 57C Ventoux (1937) - Sitze wie Gartenstühle
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Als Serie-2-Modell hat er noch Seilzug-Bremsen und präsentiert sich trotz der langen Standzeit komplett original. Natürlich ist die Farbe verwittert, aber für eine Restaurierung bietet die bestehende Substanz eine hervorragende Basis. Aber vielleicht ist er im aktuellen Zustand fast noch attraktiver, finden die Besitzer Werner und Monika Loser-Grell, die den Wagen dem Pantheon für die kommende Ausstellung zur Verfügung gestellt haben.


Bugatti Type 57C Ventoux (1937) - Rennwagentechnik für den Tourenwagen
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Scheunenfunde im Pantheon Basel

Der für diesen Bericht abgelichtete Bugatti 57C Ventoux wird einer der Aushängeschilder der ab April im Pantheon Basel stattfindenden Sonderschau “Scheunenfunde” sein.

Stephan Musfeld ist noch immer auf der Suche nach zusätzlichen geeigneten Objekten, die möglichst authentisch und historisch interessant sein sollten. Wer über ein geeignetes Objekt verfügt und dieses gerne im Pantheon ausstellen möchte, der melde sich doch einfach über das Kontaktformular bei der Redaktion von Zwischengas.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von vo******
17.02.2015 (15:45)
Antworten
Der Bildkommentar "Seite an Seite mit einer anderen Werkskarrosserie" ist schon recht mager, handelt es sich doch um einen der vier Original Atlantic mit der Chassis-Nr. 57453. Die Geschichte dieses Wagens ist mindestens so interessant.
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