Austin-Healey 100/4 BN1 Coupé – die Rarität aus Belgien

Erstellt am 18. September 2020
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bonhams 
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Courtesy Bonhams 
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Archiv 
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Der Austin-Healey 100, das war doch dieser britische Roadster mit Vierzylinder, Steckscheiben und minimalem Komfort? Schon, aber es gab Ausnahmen, eine davon entstand in Belgien und war ein Coupé.

Präsentiert in London

Erstmals gezeigt wurde der Austin-Healey 100 an der London Motor Show in Earls Court im Oktober 1952.


Austin-Healey Hundred (1952) - Leonard Lord und Donald Healey mit dem frisch präsentierten Sportwagen
Archiv Automobil Revue

Zur Erinnerung sei hier aus der Salonberichterstattung der Automobil Revue zitiert:
“Mit dem neuen Sporttyp, der seinen kombinierten Namen erst während der ersten Tage der Londoner Ausstellung erhielt und von dem augenblicklich nur wenige Prototypen existieren, erhält England ein neues Hochleistungsfahrzeug, dessen niedriger Preis von 850Pfund (ohne Umsatzsteuer) Überraschung ausgelöst hat. Dieser ist vor allem der einfachen Grundkonstruktion sowie der Verwendung unveränderter Austin-Serienteile wie dem A90-Motor und dem Getriebe, der Lenkung und der Vorderradaufhängung zu verdanken. Das aus verschweissten Längsträgern bestehende und mit einer Kreuzverstrebung verstärkte Fahrgestell ist durch ein dazu gehörendes Torpedo besonders torsionssteif. Die durch lange Halbelliptikfedern und einen Panhard-Querstabilisator geführte Hinterachse entspricht der sogenannten Underslung-Bauart, bei der die Chassislängsträger unter der Hinterachse liegen. Der 2,66-Liter-Vierzylindermotor leistet 91 Brems-PS bei 4000 U/min, kann aber wesentlich schneller drehen. Das Vierganggetriebe wird durch den Laycock-De-Normanville-Schnellgang ergänzt, und in dieser Ausführung hat der Prototyp anlässlich von Versuchen auf der belgischen Strasse Jabekke-Aeltre 180 km/h erreicht. Die zweisitzige, offene Roadster-Karosserie gehört zum Schönsten, was im Sportwagenbau jemals entworfen wurde, und steht selbst den schnittigsten italienischen Baumustern in keiner Weise nach. Trotzdem ist die Innenbreite sehr reichlich bemessen. Besondere Erwähnung verdient die Windschutzscheibe, deren unterer Rand nach vorn gezogen werden kann, wodurch die Scheibe fast horizontal an der Karosserie aufliegt und als Windablauf dient.”

Der Austin-Healey 100 war also auf Anhieb ein Volltreffer.

Sportlich, aber ohne Dach

An der Sportlichkeit des Neuankömmlings gab es kaum etwas auszusetzen, dies zeigte sich auch im Fahrbericht, den H. U. Wieselmann im Oktober 1953 für die Zeitschrift “auto motor und sport” verfasste und mit folgenden Worten abschloss:
“Als Allgemein-Eindruck einer zwangsläufig leider nur kurzen Probefahrt läßt sich sagen, daß mit dem Austin-Healey ein sehr sportlicher Zweisitzer mit erfreulichen Fahrleistungen, gutem Finish und außergewöhnlicher Elastizität zu einem diskutablen Preis geschaffen wurde. Für Dollar-Ausländer beträgt dieser USD 2118, in Deutschland einschließlich Zoll DM 14’900.”

Dass man mit Steckscheiben hantieren musste, um den “Hundred” mehr oder weniger trocken zu halten im Innern, störte Wieselmann offensichtlich nicht, er freute sich dafür über die grosse Heckscheibe im Faltdach.


Austin Healey Hundred (1953) - Interieur
Archiv Automobil Revue

Aber andere Interessenten waren da vielleicht anspruchsvoller und so entstanden schon bald erste Coupé-Versionen mit mehr Komfort.

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Mehrere Coupé-Versuche

Bereits im Jahr 1954 gab die Donald Healey Motor Company zwei Coupés auf Basis des BN1 in Auftrag. Gerry Coker zeichnete das Coupédach, das dann bei der Jensen Motor Co. aufgesetzt wurde.


Austin-Healey 100/100 S Coupé (1953)
Copyright / Fotograf: Bonhams

Allerdings gibt es rückblickend offensichtlich einige Löcher in der Geschichte der ersten beiden Werk-Coupés (OAC1 und ONX 113).

Die belgische Variante

Etwa ein Jahr später entstand auch in Belgien ein Coupé. Auslöser waren neue Regeln für Spa Francorchamps und die Junior-GT-Racing-Serie, die nur noch Coupés oder Roadster mit Überrollbügel zuliessen. Präsentiert wurde das von D’Ieteren umgebaute Coupé am Automobilsalon von Brüssel im Januar 1955.


Blick in die Messehalle des Automobilsalons von Brüssel im Jahr 1955
Copyright / Fotograf: Courtesy Bonhams

Die Automobil Revue war vor Ort und schilderte zunächst einmal die Atmosphäre in den Hallen: “Dem fremden Besucher, der die weitläufigen die Wagen Ausstellungshallen der Stadt Brüssel betritt, präsentiert der 38. Belgische Automobilsalon sein traditionelles Gesicht. Eine feenhafte Beleuchtung und reiche Drapierung verbergen die Glasdächer des Ausstellungspalastes und spiegeln sich in den blanken Karosserien wider.”

Es gab einiges zu sehen in Brüssel, vor allem die Amerikaner zeigten viele Neuheiten, aber auch der vergrösserte Facel-Vega und die neue Spyder-Version des Lancia Aurelia GT sorgten für viel Aufmerksam. Aus Deutschland wurde erstmals das Goggomobil gezeigt. An Premieren fehlte es also nicht, trotzdem fanden auch zwei aus Roadstern entstandene Coupés Beachtung.

Austin-Healey 100/4 BN1 Coupé von 1954 am Salon von Brüssel 1955 (© Courtesy Bonhams)

 

Die Automobil Revue notierte:

“So entwickelten die Imperia-Werke, welche die Fahrzeuge der englischen Standard Motor- Company montieren, eine geschlossene Variante des Triumph T. R. 2, der mit versenkbaren Scheiben ausgerüstet ist. Diese gelungene Lösung ist möglicherweise auch für den Export vorgesehen.
Noch besser geraten finden wir eine ebenfalls in Belgien entwickelte Coupé-Version des Austin-Healey, die sich vom offenen Roadster nur durch das Dach unterscheidet, welches im Gegensatz zu der am Londoner Salon 1954 gezeigten geschlossenen Ausführung nicht abnehmbar ist.”
Verwiesen wurde auf die Hardtop-Alternative, die in London präsentiert worden war, die aber natürlich nicht dieselbe Steifigkeit versprechen konnte. Zudem konnte das belgische Austin-Healey Coupé mit einigen Vorzügen aufwarten.

Vom Karosserie- zum Autobau

Hinter dem Umbau stand die Karossseriefirma D’Ieteren, die bereits 1955 auf eine 150-jährige Geschichte zurückblicken konnte.
Jean Joseph D’Ieteren hatte 1850 in Zentrumsnähe in Brüssel eine kleine Werkstatt gegründet und begann Kutschenräder und Kutschen zu bauen. Bereits 1897, die Firma hiess nun D’Ieteren Frères”, wurde von Alfred und Emile D’Ieteren die erste Autokarosserie gefertigt. Vor und nach dem ersten Weltkrieg wurde D’Ieteren zu einer der ersten Adressen, wenn es darum ging, Fahrgestelle von Impéeria, Delahaye, Hispano-Suiza, Mercedes-Benz oder Renault einzukleiden.

Parallel wurde in den Zwischenkriegsjahren das Autoimportgeschäft mit zunächst amerikanischen, später aber auch deutschen Marken (Volkswagen, Porsche) entwickelt, während der Karosseriebau nach dem zweiten Weltkrieg eher in den Hintergrund gedrängt wurde. D’Ieteren importierte die Autos nicht nur, sondern baute sie teilweise auch zusammen. In den Siebzigerjahren wurde die Autoproduktion aufgegeben, das Importgeschäft aber existiert noch immer.

Innovative Ansätze

Beim Umbau des Austin-Healey Roadsters zum Coupé schweisste man bei D’Ieteren nicht einfach ein Hardtop auf die Karosserie. Anstatt der Steckscheiben verbaute man nämlich per Kurbel versenkbare Scheiben. Den Mechanismus übernahm man vom Citroën Traction Avant.


Austin-Healey 100/4 BN1 Coupé (1954) - keine hinteren Scheibenführungen für die Seitenscheiben
Copyright / Fotograf: Bonhams

Die rahmenlosen Seitenscheiben überlappten mit den zwei kleinen Seitenfenstern hinter den Türen. Für die Heckscheibe verwendete man das damals noch selten verwendete Plexiglas. Die Vorderscheibe wurde eigens für das Coupé bei einer belgischen Glasfabrik in Jemeppe in Auftrag gegeben.

Einmal Salon, fünfmal Rennsport

Das erste dieser schliesslich sechs bei D’Ieteren gebauten Coupés wurde mit kontrastfarbenem Coupédach und luxuriös anmutendem Interieur am Salon gezeigt, die übrigen Coupés allerdings wurde primär auf den Renneinsatz getrimmt.


Austin-Healey 100/4 BN1 Coupé (1954) - mit der tiefen Gürtellinie war der Wagen sehr übersichtlich
Copyright / Fotograf: Bonhams

Nur zwei Wagen haben überlebt, das Salon-Coupé mit Chassisnummer BN1-L/156167 und ein weiteres Renncoupé.

Überlebt und komplett restauriert

Bruno Verstraete restaurierte als langjähriger Besitzer des Salon-Coupés den Wagen aufwändig und gab ihm seine nun rote Lackierung. Mit seiner niedrigen Gürtellinie und den grossen Fensterflächen wirkt das D’Ieteren-Coupé wie aus einem Guss.


Austin-Healey 100/4 BN1 Coupé (1954) - optisch sehr gelungen
Copyright / Fotograf: Bonhams

Der Wagen wird nun an der Bonhams Zoute Versteigerung am 11. Oktober 2020 unter den Hammer kommen, erwartet werden ein Verkaufspreis von rund EUR 120’000 bis 180’000, was angesichts der Seltenheit und der aufwändigen Restaurierung durchaus realistisch sein dürfte. Schliesslich dürfte es kaum einen bequemeren und alltagstauglicheren Austin-Healey 100 BN1 geben weit und breit.

Weitere Coupés

Die D’Ieteren-Coupés waren nicht die letzten geschossenen Austin-Healey-Varianten, weitere entstanden später auf der Basis des “3000” u.a. bei Pininfarina.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ko******
22.09.2020 (17:20)
Antworten
Nur der Vollständigkeit halber:
Die Basis ist ein AH 100/4 BN1 kein 3000er
von sp******
22.09.2020 (10:55)
Antworten
Das hier vorgestellte AH 3000 Coupe wirkt auf mich eher wie ein Roadster mit gelungenem Hardtop, aber nicht wie ein wirkliches Coupe.
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