Aston Martin Bulldog von 1980 - eine 300 km/h schnelle Bulldogge

Erstellt am 19. Januar 2013
, Leselänge 5min
Text:
Stefan Fritschi
Fotos:
Archiv 
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Mit der Lagonda-Limousine startete Aston Martin in die Achtzigerjahre. Sie war so radikal neu, dass sie gar nicht zu den Sportwagen aus Newport Pagnell passte. Aber dem konnte abgeholfen werden. Der 1980 vorgestellte Bulldog war ein futuristischer Mittelmotor-Zweiplätzer, der die Zukunft des Sportwagens verkörpern sollte. Eine Kleinserienproduktion von 12 bis 25 Autos war vorgesehen, aber dazu kam es nie. Die Zukunft wollte es anders.

Kantig und futuristisch

William Towns, in den 70er Jahren verantwortlicher Designer bei Aston Martin, war spätestens seit der Lagonda-Limousine für seinen extrem kantigen Stil bekannt. Als er sich dann an einen neuen Sportwagen für die Marke machte, dürfte somit niemand vom überaus futuristischen Resultat überrascht gewesen sein. Allerdings hätten viele Anhänger der Marke etwas mehr automobiles Feingefühl anstatt der extremen Trapezform erwartet, welche eher an einen übergrossen Taschenrechner als an ein Auto erinnerte.

Die kantigen Grundlinien ohne sichtbare Bombierung und die fehlende Eleganz führten dazu, dass der Wagenkörper etwas steif auf den sehr klein wirkenden Rädern stand. Andere kantige Entwürfe wie Lamborghini Countach oder Lotus Esprit waren wesentlich ausgereifter, und auch der Lagonda wartete trotz extrem gerader Linien mit einer gewissen Harmonie auf.

Offensichtlich war auch der arabische Kunde, der den Bulldog (als Linkslenker) in Auftrag gegeben hatte, unzufrieden. Er sprang noch vor der Fertigstellung ab. Die Firmenleitung unter Alan Curtis entschied, trotzdem weiterzumachen und eine Kleinserie von 12 bis 25 Autos aufzulegen.

Der Bulldog wurde am 27. März 1980 im Bell Hotel in der britischen Ortschaft Aston Clinton, Grafschaft Buckinghamshire, vorgestellt. Der Ort lieh 1915 einen Teil seines Namens für die neue Firmenbezeichnung, nachdem Mitgründer Lionel Martin erfolgreich am Aston Clinton Hillclimb teilgenommen hatte.

Verkauf des Prototypen markiert frühes Ende

Einige Zeit nach der Präsentation entschied der neue Executive Chairman Victor Gauntlett, dass definitiv keine Kleinserie aufgelegt werden soll. Der Prototyp wurde  meistbietend veräussert, um die Gemüter zu beruhigen und das investierte Geld – rund 130‘000 britische Pfund – wieder hereinzubekommen. Erneut war ein Araber der Käufer. Man sprach von einem Preis von über 100‘000 Pfund.

Nachdem der Wagen einige Zeit in den USA war, kam er wieder nach England. Zwischenzeitlich büsste er seine in zwei verschiedenen Silbertönen (oben dunkel, unten hell) ausgeführte Aussenfarbe ein. Aktuell ist er in zwei Grünvariationen (oben hell, unten dunkel) lackiert, und hat kantige, zum restlichen Entwurf durchaus passende Aussenspiegel bekommen.

Der Bulldog wurde unter dem Kürzel K9 entwickelt. Es ist der Name eines Roboterhundes in der britischen Science Fiction Serie „Mr. Who“. Die Bezeichnung „Bulldog“ hat je nach Quelle zwei verschiedene Wurzeln. Die eine ist die Tatsache, dass Alan Curtis ein Kleinflugzeug Modell Bulldog von Scottish Aviation flog. Die andere nimmt Bezug auf die Ecke in der Halle, wo der Prototyp gebaut wurde. Diese wurde von den Beteiligten als „Hundezwinger“ bezeichnet. Vom rundlichen Erscheinungsbild einer Bulldogge ist der Aston Martin jedenfalls weit entfernt.

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Funktionsfähige Technik für 300 km/h

Für die Technik war Mike Loasby verantwortlich. 1979, als Loasby zu DeLorean wechselte, übernahm Keith Martin das Zepter. Der bekannte 5,3-Liter-Alu-V8 wurde mittels zweier Garrett-Turbolader und mechanischer Bosch-Einspritzung auf 700 PS gebracht. Im verbauten Zustand waren es noch rund 600 Pferde. Genaue Angaben gab es nie. Später wurde die Einspritzung durch Weber-Vergaser ersetzt.

Der Motor und das ZF-Fünfganggetriebe wurden direkt hinter den beiden Sitzen in Längslage eingebaut. Somit ist der Bulldog der einzige je gebaute Mittelmotor-Aston Martin. Die versprochenen „über 300 km/h“ wurden später durch gemessene 192 Meilen (308 km/h) auch tatsächlich erreicht: kein schlechter Wert. Für die Beschleunigung wurden 5,1 Sekunden auf 97 km/h angegeben.

Die Alu-Karosserie war auf ein Zentralrohrrahmen-Chassis aus Stahl aufgebaut. Die vordere Einzelradaufhängung mit Doppelquerlenker und eine DeDion-Hinterachse mit Wattgestänge sorgten für ausgezeichnete Fahreigenschaften. Gebremst wurde mit vier innenbelüfteten Scheibenbremsen, wobei die Turbinenschaufel-Funktion der Felgen für zusätzliche Lüftung sorgte.

Vollständig funktionierendes Luxus-Interieur

Elektrohydraulische Flügeltüren eröffneten das Interieur. Die Innenausstattung war überaus komplett und luxuriös. Die Ausrüstung umfasste ein Panasonic-Radio-Kassettengerät, Klimaanlage, Connolly-Volllederausstattung, Wilton-Teppiche und z.B. Dreipunktgurte modernster Bauart aus Schweden. Ein Rückfahrmonitor in der Mittelkonsole kam später hinzu.

Die ultraflache Frontscheibe wurde von einem ausgeklügelten Einblatt-Scheibenwischer sauber gehalten. Die Instrumententafel war in einem sehr voluminösen und kantigen Stil wie beim Lagonda gestaltet. Ein sportliches Cockpit-Feeling entstand dabei allerdings nicht. Die hinterleuchteten Flüssigkristallanzeigen aus dem Lagonda durften natürlich auch nicht fehlen. Hingegen wurde der Bulldog nicht mit Sensortasten, sondern normalen Schaltern bedient.

Der Innenraum war ursprünglich in einem edlen Braunton gehalten. Später wurde er in Hellbeige ausstaffiert. Viele Teile wie die Schaltkulisse sind seit dieser „Renovierung“ vergoldet, was nicht unbedingt sehr geschmackvoll aussieht.

Flach und breit

Motor und Passagiere waren durch eine feuerfeste Spritzwand voneinander getrennt. Nicht brennbar waren auch die vier zentral platzierten, mit Spezial-Stahlwolle gefüllten Benzintanks. Auf diese Weise kam der Bulldog bei keinem Füllstand in ein Ungleichgewicht. Die Presseunterlagen verrieten auch, dass ein kleines Notrad an Bord war und sich ausserhalb des Fahrgastraumes eine versteckte Halterung („concealed bracket“) vorhanden sei, um das defekte Rad aufzunehmen.

Es wurde offensichtlich an alles gedacht. Fast jedenfalls, denn die Batterie von fünf Scheinwerfern nahm zusammen mit ihrer absenkbaren Klappe die halbe Front in Beschlag. Der Bulldog ist 4,72 Meter lang, 1,92 Meter breit und nur 1.09 Meter flach. Um etwas mehr Platz bereitzustellen, hätte man möglicherweise für eine Serienherstellung konventionelle Klappscheinwerfer à la Lagonda verwenden sollen.

Konventionelle Fahrzeuge bevorzugt

Victor Gauntlett entschied sich, den traditionsbewussten Aston-Martin-Kunden konzeptionellere Fahrzeuge zu verkaufen und verzichtete daher auf den futuristischen Bolldog.  Er liess Autos wie den Virage oder später den DB7 bauen. Wohl die richtige Entscheidung – selbst wenn dadurch den Strassen dieser Welt ein aussergewöhnliches Juwel vorenthalten wurde.   

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von sh******
15.09.2020 (11:28)
Antworten
Einen deutschen Bericht findet man ebenfalls in der Zeitschrift "sport auto" vom Juni 1980 seiten 108 bis 111
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