Alfa Romeo Giulietta 1.6 - Transaxle mit Tatüü

Erstellt am 4. Mai 2016
, Leselänge 8min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Bruno von Rotz 
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Alfa Romeo / Werk 
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AR-Archiv 
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Es knistert im Radio, ein Funkspruch! Einsatz an die Via Crescenda! Polizist Giovanni De Angelo hängt das Funkgerät ein, ertastet mit der linken Hand die Wippschalter für Sirene und Blaulicht und los gehts, mit Tatüü. Die schmalen Reifen der Giulietta quietschen, im Grenzbereich nimmt De Angelo die nächsten Kurven, pariert das Untersteuern mit kräftigen Gasstössen. Herzhaft steigt er vor einer Rechtsabbiegung in die Eisen, nutzt die Stoppkraft der vier Scheibenbremsen. Passanten springen aus dem Weg, ein Vespa-Fahrer bringt sich in Sicherheit, für De Angelo gibt es kein Halten und seine Giulietta dient ihm treu. Dabei hatte man ihn lange davon überzeugen müssen, seine geliebte Giulia Super durch die modernere Giulietta zu ersetzen …


Alfa Romeo Giulietta 1.6 (1980) - wer so um die Ecke kommt, erheischt immer Aufmerksamkeit
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Vorgestellt im Jahr 1977

Tatsächlich hatte die Giulietta im Spätherbst 1977 durchaus für Kontroversen gesorgt, vor allem der hohe, flache Heckabschluss (“das Julchen mit dem platten Po”) und die seitliche Keilform schmeckten traditionellen Alfa-Fans nicht unbedingt.


Alfa Romeo Giulietta TI (1958) - Gebrauchswagen mit Sportwagenleistung
Copyright / Fotograf: AR-Archiv

An den Namen allerdings musste sich die Alfisti nicht gewöhnen, denn schon zwischen 1955 und 1962 ab es eine Giulietta, wenngleich deutlich kompakter und mit 180’000 gebauten Exemplaren ziemlich erfolgreich.

Technik von der Alfetta

Heute würde man von einem modularen Längsbaukasten sprechen, damals übernahmen die Alfa-Ingenieure einfach die Technik der Alfetta, womit die Motoren, zuerst mit 1,3 und 1,6 Litern Hubraum, und Aufhängungsdesign, aber auch die Transaxle-Bauweise mit Motor vorne und Getriebe an der Hinterachse gegeben waren. Das war keine schlechte Wahl, denn mit der aufwändigen DeDion-Radführung hinten mit innenliegenden Bremsscheiben war man sicherlich gut gerüstet. Die Vorderräder waren einer Dreiecksquerlenkerkonstruktion aufgehängt und wurden über eine Zahnstangenlenkung in die gewünschte Richtung gebracht.


Alfa Romeo Giulietta 1.6 (1977) - Durchsichtszeichnung
Archiv Automobil Revue

Die Motoren waren alte Bekannte, die bereits bei der Giulia (und der Alfetta) für Vortrieb sorgten. Block und Kopf bestanden aus Leichtmetall, zwei obenliegende Nockenwellen sorgten für die Steuerung der acht Ventile für die vier Zylinder. 109 PS leistete der 1570 cm3 grosse Motor bei 5600 Umdrehungen. Die Kraft gelangte über ein mit dem DIfferential verblocktes Fünfganggetriebe auf die Hinterräder.


Alfa Romeo Giulietta 1.6 (1980) - über 100 PS leistete das Aggregat in der Giulietta
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard
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Die Form aus dem Windkanal

Die Keilform bot handfeste Vorteile. Einerseits war auch das Heck dank der hohen Abrisskante vom Fahrersitz aus jederzeit einsehbar, andererseits wies die Giulietta der Baureihe 116 einen mustergültigen Luftwiderstandsbeiwert von 0,42 auf, was bereits die 108 PS starke 1,6-Liter-Version rund 180 km/h schnell machte.


Alfa Romeo Giulietta 1.6 (1977) - die erste Version
Copyright / Fotograf: Alfa Romeo / Werk

Viel Platz für die Passagiere

Der grosse Vorzug der in ihren Dimensionen gegenüber dem Vorgänger Giulia vor allem in der Breite gewachsenen Giulietta war das grosse Passagierabteil, das fünf Personen angesichts 4,21 Metern Länge erstaunlich viel Platz bot. Wer von der italienischen Polizei verhaftet wurde, freute sich sicherlich über die Giulietta, denn hier hatten die Beine im Fond deutlich mehr Platz.


Alfa Romeo Giulietta 1.6 (1977) - Armaturenbrett und Lenkrad mit Pralltopf
Archiv Automobil Revue

Nur der Kofferraum enttäuschte, gemäss Werk mass er 420 Liter (Giulia 480 Liter), gemäss AMS-Norm waren es dann aber nur noch 280 Liter. Zudem war der Gepäckraum wegen der hohen Ladekante nicht gerade ideal, wenn es darum ging, schwere Gegenstände hineinzuhieven.

Kein Leichtgewicht

Gegenüber der Giulia war die Giulietta (“nomen non est omen" galt in diesem Falle) deutlich schwerer geworden und selbst die noch etwas grössere Alfetta war 30 kg leichter. Sportwagenfahrleistungen konnten also selbst von der 1,6-Liter-Version nicht erwartet werden. So benötigte die schnellere Version im Test der Automobil Revue 12.6 Sekunden für den Spurt auf 100 km/h, Auto Motor und Sport schaffte es einen Zehntel schneller. Auch beim Verbrauch (AR 12,3 Liter/100 km, AMS 12,5 Liter) war nahezu Gleichstand.

Mit diesen Werten war die Giulietta zwar bei den Leuten, aber ein Überflieger war sie nicht. Ähnlich teure Opel Ascona 2.0 SR, Triumph Dolomite Sprint oder Audi 80 GTE jedenfalls konnte der Alfa nicht abschütteln und auch einem BMW 318i lief der Limousinenkeil nicht davon.

Immerhin war die Giulietta für CHF 16’910 oder DM 15’690 komplett ausgerüstet. So waren unter anderem Verbundglas-Frontscheibe, Automatik-Gurten vorne, Halogen-Scheinwerfer, Drehzahlmesser und ein höhenverstellbares Lenkrad serienmässig an Bord.

Ergonomische Mängel

Von einem modernen sachlichen Styling sprachen die Journalisten beim Innenraum. Sie lobten die gut profilierten Sitze und die Gestaltung der Armatureneinheit, allerdings zeigten sich schnell einige ergonomische Mängel. “Wer hingegen wichtige Informationen will, fühlt sich betrogen”, schrieb Klaus Westrup und bezog sich dabei auf die schlecht ablesbaren Instrumente. Auch die Zeit der Digitaluhr oben am Dachhimmel konnte man nur bei Dunkelheit treffsicher erkennen.


Alfa Romeo Giulietta 1.6 (1980) - man muss schon zweimal hinschauen, bis man die wichtigsten Werte abgelesen hat
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Immerhin aber war das Zündschloss nun wie bei fast allen anderen Autos der Zeit nun rechts vom Lenkrad angeordnet und auch an die Drehfunktion der Lenkstockhebel hatte man sich gewöhnt.

Kaum etwas zu nörgeln hatten die Redakteure am Motor und am Fahrwerk, das dank der ausgewogenen Gewichtsverteilung für ein leicht untersteuerndes Fahrverhalten bei gutem Fahrkomfort sorgte.

Nicht mängelfrei

Weil man von der neuen Giulietta Grosses erwartete, sandte sie die Zeitschrift Auto Motor und Sport in einen 50’000-km-Dauertest. Auch dort konnte sich der Motor von seiner besten Seite zeigen, andere Bauteile aber hielten der Langstreckenerprobung weniger gut stand. Sechsmal musste der Alfa ausserplanmässig in die Werkstatt, vor allem die Instrumente, die Synchronisierung des Getriebes und der schnell durchgesessene Fahrersitz sorgte für Mechanikereingriffe.

Erstarkung

1979 stellte man den bisherigen Versionen eine 1,8-Liter-Ausführung mit Webervergasern und 122 PS zur Seite. Damit war man nun auch gegen die schnelle Konkurrenz gerüstet. 10,2 Sekunden brauchte die neue Version für den Spurt auf 100 km/h, 185,1 km/h betrug die Spitzengeschwindigkeit. Trotzdem musste sich die Giulietta in einem grossen Vergleichstest von Auto Motor und Sport vom VW Jetta Gli, Audi 80 GLE und BMW 318i geschlagen geben. Immerhin konnte der Renault 18 Turbo und der bereits ergraute Fiat 131 Sport auf Distanz gehalten werden.


Alfa Romeo Giulietta 1.8 (1979) - die stärkere Version mit 118 PS
Archiv Automobil Revue

1981 verabreichte Alfa der Giulietta ein dezentes Facelift, das auch im Innern seine Spuren - u.a. Dreispeichenlenkrad, Rollgurten und Kopfstützen hinten - hinterliess. Bereits ein Jahr zuvor war die Zweiliterversion mit 130 PS erschienen, auf der auch die spätere Turbodelta-Variante mit 170 PS aufbaute.


Alfa Romeo Giulietta 1.8 (1981) - die zweite Version
Copyright / Fotograf: Alfa Romeo / Werk

1983 wurde die Giulietta nochmals etwas aufgefrischt, bevor sie dann 1985, nach rund 380’000 gebauten Exemplaren in die Pension geschickt und durch den Alfa Romeo 75 ersetzt wurde.

Rarität

Viele Giuliettas haben trotz der verbesserten Rostvorsorge nicht überlebt, man sieht sie kaum je auf der Strasse und nur wenig häufiger an Oldtimer-Veranstaltungen, zu denen sie natürlich schon lange zugelassen wären.


Alfa Romeo Giulietta 1.6 (1980) - kurz und mit viel Platz für die Insassen
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Noch seltener als eine “normale” Giulietta ist allerdings die für diesen Bericht portraitierte Variante “Polizia”, denn sie ist eigentlich ein Einzelstück. Natürlich besass die italienische Polizei eine ganze Flotte dieser Autos, doch als man für eine italienische Mafia-Fernsehserie ein Exemplar haben wollte, war man bei der Behörde nicht bereit, eines abzugeben. Immerhin zeigte man sich kompromissbereit und stellte den Filmleuten die Teile und Einbauvorschriften zur Verfügung, so dass extra für die Serie “Banda della Magliana” ein authentischer Polizeiwagen bereitgestellt wurde. Nach den Dreharbeiten dann wurde der Wagen beiseite gestellt und zeigt sich rund 35 Jahre später praktisch neuwertig mit 1600 km auf dem Tacho.


Alfa Romeo Giulietta 1.6 (1980) - im Einsatz
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Giovanni, fahr’ den Wagen vor

So setzen wir uns also in die Giulietta, werfen den Vierzylindermotor an, der im Innern (leider) nur gedämpft wahrzunehmen ist. Und sind gespannt auf das Fünfganggetriebe, denn dieses wurde in den damaligen Testberichten vielfach gescholten. Lange Schaltwege, unexakte Gestängführung, teigiges Schaltgefühl, so schrieben damals die Testredakteure. Was früher als Makel geahndet wurde, verzeiht man heute der Giulietta als Charakterzug. Tatsächlich gehört das Transaxle-Getriebe nicht zu den exaktesten der Welt und die Synchronisation des zweiten Gangs wirkt auch beim gefahrenen fast taufrischen Exemplar zuweilen überfordert. Aber diese Herausforderungen steigern die Zuneigung zum Alfa und wenn dann ein besonders elegantes Gangwechselmanöver gelingt, ist der Tag gerettet. Und der Motor ist noch heute ein Gedicht, optisch und akustisch.


Alfa Romeo Giulietta 1.6 (1980) - Zentrale, brauche Verstärkung ...
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Man freut sich über einen Fahrkomfort, den heutzutage keine Sportlimousine mehr zu bieten vermag, nicht zuletzt den schmalen und hohen Reifen geschuldet, obschon die ursprünglich montierten 165 SR 13 inzwischen sanften Niederquerschnittsreifen des Formats 175/70 SR 13 gewichen sind.

Die Rundumsicht überzeugt genauso wie das Platzangebot, aber auch die damaligen Vorbehalte bezüglich der schnellen Erfassbarkeit der Anzeigen lassen sich nachvollziehen, wiegen aber heute viel weniger schwer. Eher akzeptiert man in der Moderne das durchgestaltete Armaturenbrett als ein Design-Statement der späten Siebzigerjahre.


Alfa Romeo Giulietta 1.6 (1980) - als Wächter der Autobahn
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Und die Form? Wie hat sie sich gehalten? 1977 war sie avantgardistisch, später gingen viele Autobauer ähnliche Wege, heute wirkt eine fast 40-jährige Giulietta noch erstaunlich zeitgemäss, jedenfalls nicht altbacken.

Und so geniessen wir denn noch einmal den auf öffentlichem Raum nicht erlaubten Griff zu den beiden Schaltern links am Armaturenbrett, lassen das italienische Polizei-Tatüü ertönen und das Blaulicht blinken …


Alfa Romeo Giulietta 1.6 (1980) - der voluminöse Aufbau für das Blaulicht
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Wir danken dem Auto Center Vogel für die Gelegenheit zur Fotosession mit dem Alfa Romeo Giulietta 1.6 in Polizia-Ausführung aus dem Jahr 1980.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von za******
11.05.2016 (15:54)
Antworten
Frage mich wie kann man den Giulia Super 1600 Quadrafoglio vergessen
Das war das Auto der Polizei wo toll lief
Dazu stelle ich Dir 2 Fragen ?
Warum kannst Du fahren ohne Polizei Schilder und ohne Abdeckung der Dachlampe ?
Hast Du ein Sonderstatus ?
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