Alfa Romeo Giulia Spider - rasante italienische Offenheit

Erstellt am 25. Juli 2018
, Leselänge 8min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Bruno von Rotz 
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Alfa Romeo / Werk 
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AR-Archiv 
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Einst war der Alfa Romeo Giulia Spider einer der preisgünstigsten Sportwagen überhaupt, nur gerade die Briten konnten noch vergleichbare Cabrios für weniger Geld anbieten. Dabei überzeugte der offene Mailänder nicht nur mit einem Zweinockenwellen-Vierzylinder und überdurchschnittlichen Fahreigenschaften, sondern auch mit italienischem Charme, weshalb er heute sehr gefragt und teuer gehandelt ist.


Alfa Romeo Giulia Spider 1600 (1962) - mit den 92 PS war man damals fast so schnell wie ein BMW 507
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Coupé, Limousine und dann Cabriolet

1954 ergänzte Alfa Romeo das Fahrzeugprogramm mit einem kompakten Coupé namens Giulietta Sprint.


Alfa Romeo Giulietta Sprint (1955) - Sicher und schnell
Zwischengas Archiv

Eigentlich hätte die Limousine zuerst vorgestellt werden sollen, doch diese folgte erst 1955 als “Berlina”.


Alfa Romeo Giulietta (1958) - Seitenansicht, rechts
Copyright / Fotograf: AR-Archiv

Im selben Jahr kam auch das auf gekürztem Chassis stehende Cabriolet heraus.

Pinin Farina oder Bertone?

Sowohl Pinin Farina als auch Bertone hatten Vorschläge für die offene Giulietta entwickelt. Pinin Farina machte schliesslich das Rennen, obschon Scagliones Bertone-Variante, die an den Arnolt Bristol erinnerte, durchaus auch ihre optischen Reize hatte.


Alfa Romeo Giulietta Spider Bertone (1955) - auch heute noch wunderschön - gesehen am Genfer Automobilsalon 2012
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Da das Cabriolet aber vor allem für den amerikanischen Markt gedacht war, musste sich die Karosserie möglichst preisgünstig und in grösseren Stückzahlen herstellen lassen und hier hatte Pinin Farina die besseren Karten in der Hand. Schliesslich kam der Impuls für den Spider von Max Hofman, der schon anderen Autos in den Staaten zum Erfolg verholfen hatte.


Alfa Romeo Giulietta Spider Prototipo (1955) - im Museo Storico Alfa Romeo Arese
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Allerdings musste auch der Pinin-Farina-Prototyp noch Federn lassen, die grosse Panorama-Windschutzscheibe verschwand genauso wie die seitlichen Steckscheiben. Ansonsten aber blieb man beim Serienmodell dem Zeichenstrich des Prototyps weitgehend treu. Und dass man dabei richtig entschied, bewiesen die rund zehn Produktionsjahre und die Tatsache, dass die letzten Modelle immer noch ohne Rabatt verkauft werden konnte.

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Aufwändige Grossserientechnik

Von seinen Schwestermodellen erbte der Spider natürlich die Technik, was anfänglich einen 1,3-Liter-Leichtmetall-Vierzylindermotor mit 80 PS bedeutete. Dessen Drehfreudigkeit war legendär und nicht zuletzt eine Folge der aufwändigen Ventilsteuerung mit zwei obenliegenden Nockenwellen.


Alfa Romeo Giulietta Sprint (1954) - der Zweinockenwellen-Motor mit Solex-Vergaser
Archiv Automobil Revue

Die vorderen Räder waren einzeln an Dreieckslenkern aufgehängt, während hinten eine sorgsam geführte Starrachse für die Radführung sorgte. Geschaltet wurde über das von der 1900-er-Limousine übernommene Fünfganggetriebe, das die Kraft via Kardanwelle zu den Hinterrädern übersetzte. Gebremst wurde mit Trommelbremsen.

Evolution in der Technik und im Namen

Der offene Alfa Romeo wurde vor allem in den USA zu einem grossen Erfolg, selbst im Motorsport stiess man immer wieder auf den kompakten Sportwagen, der dort etwa gleich viel wie eine Corvette kostete. Auch in Europa kam das elegant-sportliche Cabriolet gut an, obschon es preislich deutlich teurer war als vergleichbare britische Sportwagen.


Alfa Romeo Giulietta Spider (1955) - noch ohne Dreiecksfenster
Copyright / Fotograf: Alfa Romeo / Werk

Im Einklang mit den anderen Giulietta-Varianten entwickelte sich auch der Spider (am Anfang auch als Spyder beschrieben) fortwährend weiter. Ab 1956 gab es den “Veloce”, der dank zwei Doppelvergasern von Weber nun 90 PS leistete.

1959 wurde der Radstand leicht gestreckt und das ganze Modell, dessen interne Bezeichnung von Serie 750 zu Serie 101 wechselte, überarbeitet. Dreiecksfenster waren das deutlichste Unterscheidungsmerkmal der neue Variante.

Bereits 1961 wurden weitere Details verbessert, so erhielt der Spider unter anderem eine neue Dachkonstruktion und Modifikationen am Interieur. Auch die Rückleuchten wurden etwas grösser.


Alfa Romeo Giulia 1600 Spider (1963) - kompaktes Sportcabriolet für Zwei
Archiv Automobil Revue

Bereits ein Jahr später wurde aus dem Julchen eine Julia, also eine Giulia. Technisch wurde sie an die neue viertürige Limousine angepasst, optisch gab es eine Lufthutze auf der Motorhaube als Erkennungszeichen.

Dank 1,6-Liter-Motor und nun 92 PS war für genügend Vortrieb gesorgt, so dass eigentlich die Veloce-Variante, die dem Vierzylinder 112 PS entlockte, fast unnötig wurde.

1965 war dann nach insgesamt fast 27’500 Giulietta/Giulia Spidern Ende mit der Serienproduktion, die Nachfrage blieb bis zum Schluss bestehen, zumal der Nachfolger namens Duetto nicht allen Alfa-Fans gefiel. Vom 1600er- Giulia Spider (101.23) wurden in vier Jahren insgesamt 9250 Exemplare gefertigt, die Veloce-Version brachte es im Vergleich dazu nur auf 1091 Fahrzeuge.

Das richtige Auto für den (jungen) Mann mit Freundin

Manfred Jantke hatte die Gelegenheit, den neuen Giulia Spider 1600 im Frühjahr 1963 für Auto Motor und Sport zu testen. Da der Alfa im Vergleich zur Konkurrenz über die Jahre günstiger geworden war (Preis 1963: DM 13’950) stellte er ein äusserst attraktives Angebot dar, bot er doch Technik, wie man sie sich sonst von Ferrari und Co gewöhnt war und verfügte über Fahrleistungen, die denen eines Porsche Super 90 nur wenig nachstanden. Von 0 bis 100 km/h beschleunigte der Spider in 11,1 Sekunden, als Spitzengeschwindigkeiten wurden 176 km/h notiert.
Auch verbrauchsmässig überzeugte der (vollgetankt) nur gerade 975 kg schwere Alfa mit 8,2 bis 11 Litern Super pro 100 km.


Alfa Romeo Giulietta Spider (1957) - ein hübsches Cabriolet
Archiv Automobil Revue

Besonders begeistert war Jantke von der Strassenlage:
“Der Radstand des Alfa Romeo Spider ist 26 cm kürzer als bei der Giulia TI und 13 cm kürzer als beim Sprint Coupé. Das macht den Roadster noch wendiger und handlicher, als es die anderen Versionen ohnehin sind. Die Straßenlage wird durch den kürzeren Radstand keineswegs beeinträchtigt: Der Spider verhält sich in der Kurve absolut neutral, und es stört den Fahrer nicht, daß die Karosserie dabei die typische, spektakuläre Kurvenneigung aufweist. Auch auf schlechter Fahrbahn braucht man das Tempo kaum zu verringern: Kräftige Längslenker und ein neben dem Differentialgehäuse angreifendes Stabilisations-Dreieck verleihen der Alfa Romeo-Hinterachse eine spursichere Längs- und Seitenführung. Nur harte Bodenwellen bringen sie einmal zum seitlichen Wegstempeln, worauf der Fahrer jedoch kaum zu reagieren braucht, weil der Wagen ja nicht übersteuert, sondern sich im nächsten Moment wieder stabilisiert.”

Mit der Lenkung war der Testfahrer nicht ganz glücklich, weil sie auf Fahrbahneinflüsse empfindlich reagierte. Zudem empfahl er höhere Reifendrücke als in der Bedienungsanleitung empfohlen.

Als Nicht-Veloce wurde der Giulia Spider noch mit Trommelbremsen ausgeliefert, was aber auch die Verzögerungsfähigkeit keinen negativen Einfluss ausübte. Die Ausstattung empfand Jantke als zweckmässig, die Sicht nach draussen aber war aus seiner Sicht (vor allem bei montiertem Verdeck) verbesserungswürdig. Auch die Verarbeitung überzeugte nicht.

Trotzdem kam er zu einem positiven Verdikt:
“Der Alfa Romeo Spider zählt zu den preisgünstigsten, aber auch zu den kleinsten Sportwagen seiner Klasse. Das macht ihn einerseits überaus handlich, beschränkt aber andererseits seinen Käuferkreis auf solche Leute, die nur gelegentlich zu zweit fahren und möglichst allein verreisen. Er ist das richtige Auto für den jungen Mann mit Freundin. Manche behaupten, der Name Alfa Romeo besitze in weiblichen Ohren einen besonders guten Klang.“

Wertewandel

Natürlich war auch ein derartig begehrenswerter Sportwagen dem normalen Wertverlust unterworfen. Bereits nach drei Jahren wurden für den munteren Spider nur noch knapp 3500 bis 4000 DM bezahlt und damit war die Talsohle noch nicht erreicht. Doch schneller als bei anderen Wagen setzte beim Giulia Spider eine Trendwende ein. 1989 war er im Zustand 2 gemäss Classic Data bereits wieder DM 20’700 ein, bis ins Jahr 2000 stieg der Wert auf DM 37’900.

Preisentwicklung Alfa Romeo Giulia Spider 1962

Im Jahr 2010 waren es dann bereits EUR 31’000, die für einen sehr gut erhaltenen Giulia Spider das Bankkonto wechseln, im Jahr 2018 durften es bereits rund EUR 55’000 sein.

Gegenüber dem damaligen Neupreis stieg der Alfa bis heute also fast um das Zehnfache, im Vergleich zur Talsohle in den späten Sechzigerjahre konnte man seinen Einsatz mit einer offen Giulia sogar verfünfzigfachen.

Aufwändiger Werterhalt

Allerdings darf nicht unterschätzt werden, was es bedeutet hätte, einen 1967 gebraucht gekauften Giulia Spider über 50 Jahre auf Zustand-2-Niveau zu halten. Rostvorsorge betrieben die Italiener damals kaum und die Fertigungsqualität war, wie bereits erwähnt, nicht da, wo Porsche damals etwa war.

Auch die Technik und das Interieur hätten über die vielen Jahrzehnte sicherlich nach Eingriffen verlangt, Chrom- und Lack wären sicherlich nicht ohne Zuwendung so schön geblieben wie am ersten Tag. So dürften wohl die meisten heute noch existierenden Giuila Spider mindestens teilrestauriert sein und dass dabei gerade bei Exemplaren, an denen bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren gearbeitet wurde, nicht immer Originalmassstäbe wichtig waren, spüren spätere Besitzer spätestens dann, wenn sie einen FIVA-Pass ergattern wollen.

Sportlich geblieben

Wie kompakt der Giulia Spider ist, stellt man heute fest, wenn man ihn beispielsweise neben einen modernen VW Golf stellt. Nur gerade 3,9 Meter lang ist er, die Breite misst selbst mit Rückspiegeln keine 1,6 Meter. Er ist ein reiner Zweisitzer, das Reserverad liegt hinter der Besatzung, um Platz im dafür durchaus reisetauglichen Kofferraum zu sparen.


Alfa Romeo Giulia Spider 1600 (1962) - das Lenkrad ist leider bei diesem Exemplar nicht original
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Man sitzt relativ steil, die Ergonomie hinter dem Lenkrad gibt aber keinen Grund für Kritik. Gestartet wird der 1,6-Liter-Motor per linker Hand und Zündschloss (wie bei Porsche).

Die Sicht nach draussen ist im offenen Auto natürlich hervorragend, je nach Grösse stört allerdings, dass man den oberen Rand der Windschutzscheibe direkt vor den Augen hat. Der Schalthebel des Fünfganggetriebes liegt gut zur Hand, die Gänge lassen sich mit kurzen Bewegungen wechseln. Und immer intoniert der Vierzylinder seinen typisch knurrigen Alfa-Gesang.


Alfa Romeo Giulia Spider 1600 (1962) - längs eingebauter Vierzylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Man kann sofort verstehen, dass der Spider damals bei Männlein und Weiblein gut ankam. Noch heute zieht der zierliche Alfa viele bewundernde Blicke auf sich. Am liebsten würde man gar nicht mehr anhalten, bis man vor einer typisch italienischen Espresso-Bar in irgendeinem Dorf draussen in der Pampa steht und für plus/minus einen Euro einen überaus geschmackvollen Kaffee erhält, für den sich auch die längst Anfahrt gelohnt hat, im Giulia Spider sowieso.


Alfa Romeo Giulia Spider 1600 (1962) - mit der Giulia wird man automatisch zum Naturfreund
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Wir danken der Oldtimer Galerie Toffen für die Gelegenheit, mit dem Alfa Romeo Giulia Spider von 1962 auf Fotofahrt zu gehen.

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