Alfa Romeo 1750 GT Veloce - herzhafte Coupé-Schönheit in Verde Pino

Erstellt am 16. Dezember 2011
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Bruno von Rotz 
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Balz Schreier 
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Archiv 
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Darf ein Alfa Romeo grün sein, genau gesagt in der Farbe “Verde Pino” (piniengrün) gespritzt sein? Auf jeden Fall, speziell wenn es sich um den 1750 GT Veloce handelt. Denn Bertone hat hier ein Meisterwerk geliefert und der kleine Alfa sieht prinzipiell in jeder Farbe gut aus.


Alfa Romeo 1750 GT Veloce - Wendig und kompakt
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Natürlich war trotzdem ein grosser Anteil der Fahrzeuge rot. Aber nicht Farbe oder Form machen diesen Alfa zum Liebling vieler Oldtimer-Fahrer, sondern sein Herz (sprich Motor) und seine Art, den Piloten in die Fahrt einzubeziehen.

Teil der ‘Bella Machina’ sein

Die Freude beginnt bereits beim Start! Der Schlüssel wird im Zündschloss gedreht und eine mechanische Benzinpumpe beginnt Kraftstoff vom 46-Liter-Tank im Heck nach vorne in die zwei Weber Horizontal-Doppelvergaser des Typs 40 DCOE zu pumpen. Diese vermischen Benzin mit Luft und senden das Ergebnis in den Motor, wo vier Kolben sich zu bewegen beginnen und zwei obenliegende Nockenwellen das Spiel der Ventile steuern. Das Ergebnis? Ein knurrender und wunderbar melodiöser Motorensound, der so ganz auf Sound-Engineering, elektronik-optimierte Geräuschkulisse und Klappensysteme im Auspuff verzichten kann.


Alfa Romeo 1750 GT Veloce - Dreispeichenlenkrad
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die Hand fällt vom Lenkrad fast automatisch auf den Schalthebel und mit diesem greift man direkt in das Getriebe, kein Gestänge, keine Seilzüge und schon gar keine elektronische Entkopplung trennt den Fahrer vom Getriebe. Man spürt das korrekte Verzahnen der Getriebeübersetzungen, wird sofort daran erinnert, wenn ein Zwischengas-Stoss nicht optimal erfolgt ist. Wieso sind nicht alle Handschaltungen so?

Der Motor des 1750 GTV offeriert viel Drehmoment, so dass man vor allem zum Vergnügen und nicht, weil dem Motor die Puste ausgeht, schaltet. Bei der Fahrt geniesst man die hervorragende Rundumsicht, erfreut sich an den gegenüber den Vorgängern verbesserten Sitze und wirft einen nostalgischen Blick auf das Armaturenbrett, das tatsächlich Holz zeigt.

Man will gar nicht mehr aussteigen! Schnell über die Pässe und in Milano einen Espresso trinken gehen? Schon ein Alfa-Verkaufsprospekt des Jahres 1966 titelte “Wie sich die 5-Gang-Schaltung über diese Berge (St. Gotthard) lustig machte” und “italienische Grenze - nach einigen Stunden Fahrt merkt man erst, wie bequem der Wagen ist”.

Nun, ganz so bequem ist es für uns grossgewachsene Menschen des 21. Jahrhunderts vielleicht nicht mehr, aber der GTV schlägt manchen seiner damaligen Konkurrenten bezüglich Komfort und Langstreckentauglichkeit.

Fahrverhalten und Bremsen verströmen ein hohes Sicherheitsgefühl, man kann kaum glauben, dass man in einem Auto sitzt, das vor fast 50 Jahren konzipiert wurde.

Nuccio Bertone und Giorgio Guigiaro

Blättern wir also einige Jahre zurück. Im September 1963 wurde auf der Internationalen Automobil Ausstellung in Frankfurt ein neues Alfa Romeo Coupé präsentiert, das auf den wohlklingenden Namen “Giulia Sprint GT” hörte.


Alfa Romeo Giulia GT Coupé (1963) - Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt 1963 - hübsches Coupé von Giugiaro für Bertone gezeichnet
Archiv Automobil Revue

Mit seinem gradlinigen und schnörkellosen Design aus der Hand des jungen Giorgio Giugiaro, der in Diensten von Nuccio Bertone zeichnete, war es ein echter Blickfang. Technisch griffen die finanziell nicht gerade auf Rosen gebetteten Alfa-Ingenieure auf Bewährtes, aber Hochkarätiges zurück.


Alfa Romeo GT 1300 Junior (1970) - Doppelnockenwellenmotor auch im kleinen Modell
Archiv Automobil Revue

Ein Doppel-Nockenwellen-Vierzylinder mit 1,6 Litern Hubraum entwickelte 106 PS und ermöglichte mehr als nur standesgemässe Fahrleistungen. Eine ZF-Lenkung, vier Dunlop-Scheibenbremsen, Einzelradaufhängungen vorne und eine gut geführten Starrachse hinten ergaben zusammen mit dem Motor und einem butterweich schaltbaren Fünfganggetriebe ein Paket, dem nicht nur sportlich ambitionierte Jünglinge, sondern auch ältere Semester kaum widerstehen konnten, insbesondere weil der Preis mit rund DM 17’000 oder CHF 17’900 mehr als nur konkurrenzfähig war.

Auch die Fachpresse war begeistert. Die Automobil Revue schrieb 1964: “... fühlt man sich sehr bald sicher, und man schätzt die Wendigkeit und die hervorragende Strassenlage des Wagens, der selbst grobe Fahrfehler ohne Ausbrechen von Heck oder Front ausgleicht ...”

Evolutionsgeschichte in vier Schritten

Aus dem Giulia Sprint GT wurde schon bald der 1600 GT Veloce, eine Handvoll PS stärker, im Preis aber günstiger. Und für Einsteiger gab es inzwischen den GT 1300 Junior mit 1,3-Liter-Motor.


Alfa Romeo GT 1300 Junior (1967) - mit Stahlfelgen und Radkappen
Archiv Automobil Revue

Zum grossen Evolutionsschub aber setzte Alfa Romeo 1967 an, als der 1750 GTV mit langhubigem fast 1,8 Liter grossen Motor vorgestellt wurde. Weitere vier Jahre später wurde der 2000 GTV mit 1’962 cm3 Hubraum präsentiert, der immerhin 131 PS leistete und bis 1977 gebaut und dann von der Alfetta GT abgelöst wurde. 

Kompakt und knapp geschnitten

Mit Ausnahme des “Gesichts”, das sich über die immerhin 14 Jahre Bauzeit immer wieder veränderte, blieb die Karosserie weitgehend umberührt. Die ursprünglichen grossen Hauptscheinwerfer wurden bei den schnellen Versionen über die Zeit durch beidseitige Doppelscheinwerfer ersetzt, das wappenförmige Zentrum des Kühlergrills verlor durch Modernisierungsschritte an Grösse und Prägnanz, aber nie an Eleganz. 

Mit 4,08 Metern Länge, 1,58 Metern Breite und 1,315 Metern Höhe stand der “Bertone”, wie er schon bald vereinfachend genannt wurde, stramm, aber vor allem kompakt auf seinen vier vergleichsweise schmächtigen Rädern. Die Reifen wiesen die Dimension 165 HR 14 auf und waren auf 5 1/2 Zoll breiten 14-Zoll-Stahlfelgen aufgezogen, damit gibt sich heute nicht einmal der kleinste Kompaktwagen zufrieden. Das Leergewicht des 1750 GTV betrug 1’048 kg (vollgetankt).

Sportlichkeit aus Tradition

Auto Motor und Sport beschleunigte im Jahr 1968 den vollgetankten und mit zwei Personen besetzten 1750 GT Veloce in exakt 10 Sekunden auf 100 Stundenkilometer und erreichte die Spitzengeschwindigkeit von 189,5 km/h. das war besser als die Fahrleistungen eines Porsche 912 und nur knapp schlechter als die des Porsche 911 T, der preislich rund 40% teurer war. Auch mit dem Testverbrauch von 12,7 Litern pro 100 km konnte man zufrieden sein.

Manfred Jantke meinte zusammenfassend im Testbericht: “Hinzu kommt das spezifische Alfa-Romeo-Flair, das schwer zu beschreiben ist. Wahrscheinlich resultiert es aus dem Eindruck, dass Alfa-Sportwagen nicht als Nebenprodukt einer grossen Firma aus dem Boden gestampft werden, sondern dass sie gewachsen sind aus einer langen Tradition im Sportwagenbau sowie aus den Erfahrungen einer aktiven Rennbeteiligung, und dass sie von Leuten gebaut werden, die selbst gern und schnell Auto fahren.”

Alleggerita - erleichert

Für den Rennsport-Ambitionierten offerierte Alfa Romeo weniger für mehr. Die GTA-Modelle - GTA steht für Gran Turismo Alleggerita - brachten dank Alluminium-Karosserie und anderen gewichtsoptimierenden Massnahmen rund 250 kg weniger Gewicht auf die Waage, lockten mit einem enorm drehzahlfesten und in der Leistung fast beliebig steigerbaren kurzhubigen Motor und etablierten sich damit zum Fahrzeug, das es in der Gruppe 2, 3 oder 5 zu schlagen galt. Kein Wunder vertrauten Fahrer wie Jochen Rindt oder Andrea de Adamich nebst vielen anderen auf den schnellen Mailänder.


Alfa Romeo Giulia Sprint GTA (1966) - die Karosserie bestand aus Aluminium
Archiv Automobil Revue

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Fast 225’000 Bertone-Coupés wurden gebaut während der vierzehnjährigen Produktionszeit, der Anteil des 1750 GTV beträgt daran ungefähr ein Fünftel. Der grössere Teil der Fahrzeuge, die heute noch im Umlauf sind, entspricht den Generationen ab 1967, während die sogenannten "Kantenhaube"-Fahrzeuge, erkennbar an den Stufen im Blech links und rechts beim Übergang des Kotflügels in die Motorhaube, eine Minderheit bilden.

Preislich geben sich die schnelleren Modelle nicht viel, rund 20’000 Euro oder 25’000 CHF sollte einem ein guter Bertone schon wert sein. Es empfiehlt sich, auf eine gute Historie zu achten, denn die kleinen Alfa-Coupés fielen oft in die Hände von Leuten, die den Wagen mit wenig Taschengeld am Leben erhalten mussten und in der Wahl der Mittel nicht immer wählerisch waren.

Von der Ersatzteillage her muss sich ein Bertone-Eigner fast wie im Paradies fühlen, fast alles ist erhältlich und im Technikbereich hilft oftmals auch der Griff in die Schubladen verwandter Modelle.

Aus erster Hand

Wer einen Bertone aus erster Hand kaufen kann und dazu noch weiss, dass das Auto zwar nicht geschont, aber pfleglich behandelt wurde und im Originalzustand vor einem steht, darf sich wie der Besitzer des abgebildeten grünen 1750 GTV von 1969 glücklich schätzen. Und glücklich waren auch wir, die Gelegenheit hatten, diesen Wagen zu fahren und den “Cuore Sportivo” zu spüren.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Ri******
22.09.2020 (08:42)
Antworten
Noch eine Anmerkung: In Deutschland fährt fast kein Bertone herum, der nicht tiefergelegt wurde und nicht mindestens auf 195er-Reifen steht. Das ist dann wie Elisabetta Canalis in Bergschuhen, oder Gina Lollobrigida in Birkenstock. War nicht so gemeint und fährt nicht gut. Die 105er beginnen mit 165/80er Reifen erst richtig zu tanzen.
von Ri******
22.09.2020 (08:38)
Antworten
Sehr schöner Artikel! Aber die allermeisten "Bertones" resp. 1750er waren ab Werk nicht rot, sondern verde, giallo ocra oder blu, bei älteren Herren war auch argento met. oder grigio medio met. sehr beliebt - mit Interieur in rosso oder cuoio cinghiale.

Die Alfas wurden dann in den frühen Neunzigern auf rot umlackiert...
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