Alfa Romeo Alfasud TI 1.3 - eine Zeitreise über 35 Jahre in die Vergangenheit

Erstellt am 26. November 2014
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Balz Schreier 
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Bruno von Rotz 
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Archiv 
17

Es grenzt an ein Wunder, an Magie oder zumindest an eine chemikalische Unwahrscheinlichkeit. Da steht er vor uns, ein Alfa Romeo Alfasud Ti, wie er vor 35 Jahren herumkurvte, knappe 32’000 km auf dem Tacho, eine rüstige und fast neuwertige Occasion.

Wie ist dies möglich? Wurde die Zeitreise doch erfunden? Ist dieser Alfasud die Inkarnation jener Zeitmaschine, die Robert Zemeckis im Film “Back to the Future” in Form eines DeLoreans visualisierte? Irgendwo im Cockpit müsste sich dann wohl ein Einstellinstrument finden, auf dem November 2014 eingetippt wurde, als der Wagen das Jahr 1979 verliess ...


Alfa Romeo Alfasud ti 1.3 (1979) - der Traum vieler Neulenker vor 35 Jahren
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Rarität in Weiss

Wann haben Sie, werter Leser, zum letzten Mal einen weissen Alfa Romeo Alfasud ti gesehen? In den Siebzigerjahren orderte ein deutsches Automagazin einen Alfasud-Testwagen in exakt dieser Farbe, damit man den Rost schneller entdecken könne. Der Rost, also jene heimtückische Verbindung von Eisenoxiden und Wasser, war auch tatsächlich der schlimmste Feind des Alfasuds, denn konzeptionell war der Wagen, als er 1971 erstmals öffentlich vorgestellt wurde, der Konkurrenz ein gutes Stück überlegen.


Alfa Romeo Alfasud ti 1.3 (1979) - knackiges Heck
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Er erschien drei Jahre vor dem VW Golf, bot aber deutlich bessere Platzverhältnisse und dies dank dem genial konstruierten und weit vorne eingebauten Vieryzlinder-Boxermotor auf nur unwesentlich mehr Gesamtlänge. Ein attraktives Design (von Giorgetto Giugiaro), vier Scheibenbremsen und drehfreudige Motoren setzten den Alfasud zusätzlich von der Konkurrenz ab und machten ihn zum richtigen Alfa Romeo mit “cuore sportivo”. Ein früher erschienener Artikel schildert die Entwicklungsgeschichte im Detail.

Der natürliche Feind

Aber eben der Rost! Der Alfasud roste bereits im Prospekt, konnte man schon damals hören. Händler würden bereits fabrikneue Autos verschrotten lassen, weil sie bereits vor Auslieferung vom Rost befallen seien, munkelte man. Unbehandelte Karosserien würden im Süden Italiens in Meeresnähe gelagert und durch die salzwassergeschwängerte Luft bereits vor der Lackierung angegriffen, wussten vermeintliche Insider zu erzählen. Die Wahrheit ist, dass Alfa Romeo wie auch andere Hersteller in den Siebzigerjahren durch schlechte Stahlblechqualität gebeutelt wurde.

Und tatsächlich neigten die Alfasud noch stärker zur Korrosion als ebenfalls nicht besonders gut rostgeschützte Konkurrenten jener Zeit. Umso seltener sind sie daher geworden und umso überraschender ist es, wenn man in der Neuzeit ein unversehrtes und nie geschweisstes Exemplar “erfahren” kann. 

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Eine Besonderheit

Die 1,3-Liter-Version des Alfasud TI mit 1351 cm3 gehört hierzulande zu den Exoten. Die meisten “Suds” wurden 1979 und 1980 mit dem 85 PS starken und 1490 cm3 grossen Boxermotor ausgeliefert.


Alfa Romeo Alfasud ti 1.3 (1979) - ti-Zeichen auf der C-Säule
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Abgesehen von der Motorisierung zeigt sich der TI 1.3 aber identisch mit dem in Deutschland 200 DM teureren grösseren Bruder. Auch sein Motor atmet durch einen Weber-32-DIR-Doppelvergaser.


Alfa Romeo Alfasud ti 1.3 (1979) - längs eingebauter Boxermotor, weit vorne im Fahrgestell
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Aussen und innen lassen sich beide Versionen gut von den direkten Vorgängern unterscheiden, sie verfügen nämlich über Kunststoff-Kotflügelverbreiterungen und mattschwarze Front- und Heckspoiler. Besonders die aufgesetzte Abrisskante auf dem Heck ist charakteristisch, wenn sie auch nicht gerade als Beispiel meisterhaften Designs gilt. Innen wurde für das Modelljahr 1978 das Cockpit etwas aufgefrischt. Geblieben war der zwar ordentlich grosse Kofferraum, der aber weder durch ein Umklappen der Rücklehne vergrössert, noch über die unter dem Heckfenster endende Klappe besonders gut gefüllt werden konnte.


Alfa Romeo Alfasud ti 1.3 (1979) - Stoffpolster, erstaunlich weich für heutige Begriffe
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Fahrleistungsmässig muss sich die 1,3-Liter-Version nicht hinter dem stärkeren Bruder verstecken. Ob jetzt 12,5 oder 12,3 Sekunden für die Beschleunigung von 0 bis 100 km/h vergehen und ob die Spitze 169 oder knapp über 170 km/h beträgt, spielt heute keine Rolle mehr. Agil und spritzig waren sie beide damals.


Alfa Romeo Alfasud Ti (1978) - die sportliche TI-Variante war mit 1,3- und 1,5-Liter-Motor erhältlich und wies zwei Türen, sowie Front- und Heckspoiler auf
Archiv Automobil Revue

Erneut am Lenkrad

Der Verfasser dieser Zeilen legte vor vielen Jahren rund 50’000 km hinter dem Lenkrad verschiedener Alfasud-Versionen zurück. Eingewöhnung erfordert deshalb der weisse ti 1.3 nicht.


Alfa Romeo Alfasud ti 1.3 (1979) - viel Kunststoff im Innnern
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Der Schlüssel findet fast automatisch den Weg ins Zündschloss links an der Lenksäule  und der Klang des mit Choke-Hilfe (Zugriegel unter dem Lenkrad) gestarteten Boxermotors wirkt altbekannt. Wie damals flutschen die Gänge durch das nicht sehr exakt, aber trotzdem fehlerfrei schaltbare Fünfganggetriebe. Automatisch legt man im Stillstand vor dem Einlegen des ersten Gangs eine kurze Pause ein, um keine Schaltgeräusche ertönen zu lassen.


Alfa Romeo Alfasud ti 1.3 (1979) - der rote Bereich beginnt bei 6250 U/min
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Der drehfreudige Motor lässt sein fröhliches Lied erklingen, während die Drehzahl mühlelos und ohne Verzögerung in Richtung der gelben Zone auf dem Anzeigeinstrument steigt. Nach heutigen Massstäben ist der ti natürlich keine Rakete, aber sportlich unterwegs ist man allemal.

Und wie damals fühlt man sich pudelwohl, sobald die ersten Kurven auf einen zukommen. Im Vergleich zu manch modernem Auto gibt sich der Alfasud deutlich komfortabler, was einerseits auf die weicheren Sitze, andererseits auf die angenehmen Abrolleigenschaften der 165/70 SR 13 Reifen zurückzuführen ist.

Die Lenkung ist wohltuend direkt, das Kunststofflenkrad wirkt etwas billig - kein Wunder, wurde dies damals häufig gegen eine Ledervariante getauscht. Der Wendekreis leidet naturgemäss unter dem breit bauenden Motor, die Lenkkräfte zeugen von fehlender Servohilfe, lassen sich aber auch ohne langjähriges Fitnesstraining bewältigen. Die Bremsen verzögern sicher und auch das Pfeifkonzert beim Verzögern gehört zu den Erinnerungen von damals.

Auch dass die Handbremse auf die Vorder- und nicht auf die Hinterräder wirkt, fällt einem schnell wieder ein, doch wer würde mit dem Generationen überdauerten Alfasud heute noch auf schneebedeckten Strassen fahren wollen?

Wertvoll geworden

Wie rar der Alfasud geworden ist, erfährt man aus den ungläubigen Blicken von Passanten und Kennern. Der Erhaltungszustand des gefahrenen weissen Alfasuds ist wirklich stupend. Und weil originale Alfasud so selten geworden sind, klettern auch die Marktpreise bereits über den damaligen Neupreis von rund DM/CHF 13’000 hinaus. Eine späte Ehre für einen tollen Wagen und ein Hoffnungsschimmer dafür, dass vielleicht wenigstens die jetzt noch verbliebenen Exemplare auch langfristig überleben dürfen.


Alfa Romeo Alfasud ti 1.3 (1979) - liebt die Kurven
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Und vielleicht gibt es ja noch einige Zeitmaschinen zusätzlich, wir jedenfalls halten schon seit einiger Zeit nach einem unversehrten frühen Alfasud Sprint mit Chromstossstangen Ausschau ...

Wir danken der Firma allcarta für die Gelegenheit, mit dem weissen Alfa Romeo Alfasud ti 1.3 aus dem Jahr 1979 in die Vergangenheit entfliehen zu dürfen.

Weitere Informationen

  • AR-Zeitung Nr. 47 / 1971 vom 04.Nov.1971 - Seite 33: Weltpremiere in Turin: Alfa Romeo Alfasud
  • AR-Zeitung Nr. 27 / 1972 vom 22.Jun.1972 - Seite 35: Probegalopp mit dem Alfasud
  • AR-Zeitung Nr. 48 / 1972 vom 16.Nov.1972 - Seite 45: Alfasud - der Boxerchampion aus Pomigliano (moderne Motoren 1972)
  • AR-Zeitung Nr. 3 / 1973 vom 18.Jan.1973 - Seite 17: Test Alfa Romeo Alfasud
  • AR-Zeitung Nr. 50 / 1973 vom 29.Nov.1973 - Seite 33: Alfasud neu als “ti”
  • AR-Zeitung Nr. 22 / 1975 vom 22.Mai.1975 - Seite 33: Giardinetta - Alfa Romeos erster Kombi
  • AR-Zeitung Nr. 40 / 1978 vom 28.Sep.1978 - Seite 25: Alfa Romeo Alfasud TI 1.5 (Kurztest)
  • AR-Zeitung Nr. 6 / 1980 vom 07.Feb.1980 - Seite 19: Alfasud - Frischzellenkur
  • Auto Motor und Sport Heft 24/1972, ab Seite 54: Test Alfasud
  • Auto Motor und Sport Heft 3/1973, ab Seite 36: Vergleichstest untere Mittelklasse: Alfasud, Audi 80 L, Citroën GS 1220, Opel Ascona 1.2, Renault 12 TL (Teil 1)
  • Auto Motor und Sport Heft 4/1973, ab Seite 92: Vergleichstest untere Mittelklasse: Alfasud, Audi 80 L, Citroën GS 1220, Opel Ascona 1.2, Renault 12 TL (Teil 2)
  • Auto Motor und Sport Heft 7/1974, ab Seite 88: Test Alfasud ti
  • Rallye Racing Heft 9/1974, ab Seite 56: Alfasud Ti im Vergleich mit Fiat 128 Coupé 1300 und Simca Rallye 2
  • Rallye Racing Heft 7/1976, ab Seite 38: Alfasud Ti (Cup-Version) im Vergleich mit Renault 5 Alpine
  • Auto Motor und Sport Heft 7/1975, ab Seite 70: 50’000 km Dauertest Alfasud
  • Auto Motor und Sport Heft 3/1978, ab Seite 42: Kurztest Alfasud ti 1.3
  • Auto Motor und Sport Heft 18/1978, ab Seite 39: Test Alfasud Super, ti 1.5, Sprint 1.5
  • Auto Motor und Sport Heft 11/1979, ab Seite 186: Welchen Alfasud soll man kaufen?
  • Auto Motor und Sport Heft 6/1980, ab Seite 56: Test Alfa Romeo Alfasud 1.5
  • Auto Motor und Sport Heft 19/1980, ab Seite 74: Test Alfa Romeo Alfasud 1.5 ti
  • Auto Motor und Sport Heft 15/1981, ab Seite 92: Test Alfa Romeo Alfasud 1.5 ti
  • Motor Klassik Heft 12/1991, ab Seite 30: Jubiläum 20 Jahre Alfasud (mit Motorenauflistung)
  • Oldtimer Markt Heft 10/2002, ab Seite 188: Alfa Romeo Alfasud

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von pe******
05.12.2017 (09:02)
Antworten
Schöne Erinnerungen werden wach. Ich war infiziert vom Alfasud Bazillus und hatte zehn Stück davon. Leider habe ich den letzen 1989 verkauft. Der Fahrspaß war sagenhaft, das Motörchen hörte sich so gut an, vor allem der 1200. Durch den Boxer und die gute Platzierung des Motors war es im Innenraum erstaunlich leise. So mancher moderne Wagen kann hier vor Neid erblassen. Durch das viele Basteln am Alfasud wurde dann mein weiteres Leben geprägt, ich bin heute Kfz Meister und repariere Oldtimer. Vor einigen Jahren habe ich mir eine Giulia gekauft, aber die kommt nicht an den Alfasud ran. Wenn ich einmal mehr Zeit habe ziehe ich los und suche einen sud - mit den schönen Edelstahl - Radkappen.
von es******
20.12.2016 (09:23)
Antworten
Fahre heute noch Alfasud ti 1350/1980/ca. 150000 km./Farbe Avorio.
Gekauft in Siena, 92-jähriger Ex-Mlitärpilot musste Ausweis abgeben.
Kein Rost, aber Original Farbe und Spaghetti Auspuff (ex Alfasud Cup).`
Weit und breit keine Elektronik, aber 2 Doppel-Fallstrom Weber Vergaser mit einem Sound !
Zweiter Gang kratzt (kommt vom Durchreissen, kann aber überspielt werden), Rest OK.
Macht Freude !
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