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Wie vor 100 Jahren - Werksbesuch bei der Morgan Motor Company

Erstellt am 16. Juli 2017
, Leselänge 3min
Text:
Heinz Ammann
Fotos:
Heinz Ammann 
26
Morgan / Werk 
3

Um es gleich vorweg zu nehmen: ein Werksbesuch der Morgan Motor Company im idyllischen Malvern Link, wenige Meilen südlich von Worcester, hat nichts, aber auch gar nichts gemein mit einem Besuch in jedem anderen Automobilwerk der Welt: Die Fabrikationsanlagen präsentieren sich äusserlich noch genau gleich wie 1914, als sie gebaut wurden und nirgendwo gibt es ein Fliessband, dafür ist der grösste Teil der Belegschaft echter Handwerker und Könner.

Morgan hat kürzlich das Land unter der Fabrik zurückgekauft
Copyright / Fotograf: Morgan / Werk

Die Tatsache, dass man geradezu ermuntert wird, alles zu fotografieren – ohne Blitz, wegen der „Mates“ (Jungs) in der Produktion – kommt einem in der heutigen Zeit befremdlich, aber sehr sympathisch vor. Aber was soll ein Verbot, wenn diese Art der Fahrzeugproduktion eh' niemand kopieren will ...

Reise in die Vergangenheit

Das Unternehmen, welches 1909 von Harry Frederick Stanley Morgan gegründet wurde, um dreirädrige Fahrzeuge herzustellen, befindet sich nach wie vor in Familienbesitz. Nach seinem Tod übernahm 1959 Sohn Peter (1919 – 2003) die Geschäftsführung bis 1999, dann dessen Sohn Charles bis 2013.

Keine Fliessbandarbeit und direkte Anlieferung- der Fachmann holt sich seine passenden Teile, die er für die Montage braucht, selber aus dem Regal
Copyright / Fotograf: Heinz Ammann

Heute leitet Steve Morris die Geschicke des erfolgreichen Unternehmens, das neben Threewheelers seit 1936 auch Autos mit vier Rädern baut. Und zwar geschieht dies wie in den Anfangsjahren auch heute noch gänzlich in hochwertiger Handarbeit (deshalb in der Produktion die vielen Handwerker wie Schreiner, Spengler, Lackierer, Sattler usw.) mit Rahmen aus Eschenholz aus Lincolnshire auf Chassis, darüber geklopfte Bleche und feinstem englischen oder irischen Lederwerk im Interieur nach freier Wahl.

Die Motoren bezieht Morgan bei Ford oder für die Modelle „Plus 8“ und „Aero 8“ bei BMW; die Zweiliter 2-Zylinder für die dreirädrigen Modelle kommen von S&S aus Wisconsin, USA
Copyright / Fotograf: Heinz Ammann

Die Motoren kommen heute von Ford oder BMW, die der Dreiräder von S&S aus den Staaten. Antworten zu technischen und tausend anderen Fragen findet die/der Interessierte alle auf der hauseigenen Webseite www.morgan-motor.co.uk oder auf einer der unzähligen Clubseiten in aller Welt.

Sehr persönliche Führung

Der Werksbesuch, der hiermit jedem Autofreund wärmstens empfohlen sei, beginnt im Customers Center, wo sich auch die soeben neu eingerichtete Boutique befindet. Die allesamt rührigen Führer mit der richtigen Menge Benzin im Blut führen die Gäste zu Fuss durch die einzelnen Abteilungen, in denen dann jeder hautnah miterleben kann, wie ein Morgan entsteht. Egal ob einfacher „4/4“ (4 Zylinder/4 Räder – das am längsten gebaute Automodell der Welt), supermoderner Aero 8 oder kultiger Threewheeler.

Seit 2016 ganz neu im Angebot - der „Threewheeler Morgan EV3“ mit elektrischem Antrieb, 90 mph schnell und mit einer Reichweise bis 150 Meilen
Copyright / Fotograf: Heinz Ammann

In der Ausstellung, ebenfalls noch in ihrem Originalzustand mit viel Patina, stehen ein paar neue Fahrzeuge, Prototypen aber auch Sportgeräte, die einst überaus erfolgreich an allerlei Rennen unterwegs waren. Tauchen während dem Rundgang in den einzelnen Hallen Fragen auf, kann man die gleich vor Ort klären und, so wird glaubhaft versichert, mancher Besucher hat dabei für immer sein Herz an einen Morgan verloren.

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Kameradschaftliches Arbeitsklima

Das Arbeitsklima scheint ausserordentlich gut zu sein; jeder kennt jeden und ohnehin stammen die meisten Mitarbeitenden aus dem Dorf oder mindestens aus der nächsten Umgebung. Ihre  Liebe zum erlernten Beruf, der Stolz auf die Marke mit ihren Produkten und das ruhige, konzentrierte Arbeitsklima bei den Mitarbeitenden drücken überall durch und überwältigen den Besucher, der sich gleich um ein paar Jahrzehnte zurückgeworfen fühlt.

Seit 1914 werden nach demselben Prinzip von „Coachbuildern“ Autos gebaut. In Massarbeit und von Fachspezialisten, wie hier zwei reine Zweisitzer ...
Copyright / Fotograf: Heinz Ammann

Das ist aber nur Schein, denn wie eigentlich nicht anders zu erwarten, stammen zwar die Arbeits- und Produktionsmethoden teilweise noch aus dem Kutschenbau, die Infrastruktur und der Hang zu umweltschonendem Tun aber lassen nichts zu wünschen übrig. Die verbauten Motoren bis 367 PS – ein Morgan Plus 8 sprintet in gerade einmal 4,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h – entsprechen allerneuesten Technologien.

Ein Dreiergrüppli „Morgan ::4“ (4 Zylinder, 4 Räder) wartet vor der Lackiererei auf einen der 40‘000 (!) erhältlichen Farbtöne
Copyright / Fotograf: Heinz Ammann

Die Logistik und überhaupt alle Produktionsabläufe wurden in den letzten Jahren deutlich optimiert und für die Lackierung werden umweltfreundliche Farben auf Wasserbasis verwendet.

Obwohl jedes Auto, das im Werk im wahrsten Sinne des Wortes an Hand genommen wird, fest bestellt ist, werden bestimmte Teile wie diese Armaturenbretter oder Innenkotflügel in Kleinstauflagen vorgefertigt
Copyright / Fotograf: Heinz Ammann

Das Unternehmen hat nicht geschlafen und dürfte damit wohl in eine erfolgreiche Zukunft blicken. An der Nachfrage jedenfalls scheint es bis heute nicht zu mangeln, auch wenn die Wartezeiten sich von Jahren inzwischen zu Monaten reduziert haben, was aber auch an den verbesserten Produktionsprozessen liegt.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von dr******
19.07.2017 (22:47)
Antworten
In Sachen Tradition ist ein Morgan wohl kaum zu toppen. Mein Plus 4 bereitet mir alleine schon im Stand unglaublich viel Freude.
Der Blick über die lange, auf uralten Maschinen gefertigte Alu Motorhaube mit Ihren schönen Lüftungsschlitzen, endet irgendwo am Horizont der Lampentöpfe.
Jedesmal wenn ich auf das Heck blicke, nachdem ich die Garage geöffnet habe, denke ich, dass auch das Design einfach genial zeitlos ist.
Der Spaß am Fahren wird aus meiner Sicht wesentlich von der Qualität der Straße beeinflusst.
Ich leide jedenfalls bei schlechten Straßen mit meinem Auto, vom Rücken mal ganz abgesehen.
Der Motor spielt hier nicht unbedingt die "erste Geige".
Bleiben die seitlichen Steckscheiben zu hause, ist schon eine langsame Fahrt eine sehr intensives und Reiz fühlendes Erlebnis.
Bewegt man das Auto aber forciert auf einer mit Kurven gespickten ländlichen Straße, fordert es einen mit allen Sinnen, verglichen mit einen Orkan mit Blitz und Donner.
Wer hier allerdings Perfektion sucht, ob der langen Bauzeit, sollte weiterblättern.

Allen Anderen sei gesagt: "der Morgan sieht eh älter aus als man ist, was einen selbst irgenwie jung erscheinen lässt"
von ba******
19.07.2017 (10:26)
Antworten
Das Fahren mit einem Morgan - es kommt nicht darauf an ob 4,6,8 Töpfe unter der Haube ist einfach ein grossartiges Gefühl und hinterlässt jedem Piloten ein permanentes zufriedenes Lächeln. Neider gibt es hier keine - nur interessierte Fans am Strassenrand, welche uns beim Vorbeifahren auf Ihr Handy bannen. Einfach mal ein solches Fahrzeug für 1-2 Tage bei ABT in Liestal mieten und Du hast den Virus für immer eingeimpft. Ob kurze Fahrten in der Umgebung oder 3 wöchige Reisen in unsere Nachbarländer - ein grossartiges Erlebnis für Dich und Deine Copilotin ! peterbader@gmx.ch
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