Die Kunst des Fahrens (1) - Vorbereitung und Starten des Motors

Erstellt am 30. März 2012
, Leselänge 7min
Text:
Bernhard Brägger
Fotos:
Archiv Bernhard Brägger 
7

ZEIT ONLINE stellte kürzlich an Forschungschef Jürgen Leohold von VW  die Frage, ob er Fahrer verstehe, die sich von der Elektronik bevormundet oder gar entmündigt fühlen? Er nehme diese Skepsis sehr ernst, aber sie sei sachlich unbegründet, meinte der Professor. Das Gefährdungspotenzial im Auto gehe definitiv nicht von Assistenzsystemen aus, sondern es sei genau umgekehrt: Aus der Unfallforschung wisse er, dass in mehr als 95 Prozent aller Fälle die Ursache beim Menschen liege, der letztlich die Kontrolle verliere. Der Fahrer könne übermüdet- oder durch viele andere Faktoren abgelenkt sein. Genau hier setze VW mit innovativen Assistenzsystemen an, um das Unfallrisiko für die Fahrzeuginsassen zu minimieren. ZEIT ONLINE konterte, dass bei einem VW-Testfahrzeug auf der Autobahn eine Fehlfunktion eines Assistenzsystems aufgetreten sei. Beim Überholen auf einer dreispurigen Autobahn hätten sich zwei LKWs, ein Elefantenrennen geliefert. Das Assistenzsystem habe einen lauten Warnton abgegeben und kurz ruckartig gebremst, obwohl die dritte Fahrspur völlig frei gewesen sei. Was der Journalist erlebt habe, so Herr Leohold, sei leider ein Fehlziel gewesen. So etwas geschehe bei allen Systemen, die heute auf dem Markt seien. Das liege an der Unvollkommenheit der heutigen Bilderkennung. Die Systeme seien noch nicht perfekt, und genau darum sage er: „Ein Tempomat mit automatischer Abstandsregelung ist kein Autopilot, sondern ein unterstützendes Komfortsystem. Der Fahrer bleibt heute und auch in Zukunft in der Verantwortung.“

Nun wissen wir es. Automobilwerke suggerieren zwar ihren Kunden absolut verlässliche Assistenzsysteme vor. Im Falle eines „Fehlziels“ wie Herr Leohold die schwerwiegende Panne interpretiert, liegt die Verantwortung beim Fahrer und nicht beim Werk. Doch Verantwortung zu übernehmen wird heute im Alltag immer mehr zum unverständlichen Fremdwort degradiert.

In der Pionierzeit des Automobils waren den wenigen Fahrerinnen und Fahrern klar, sich mechanische Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen um eine dem Stand der Technik und den Strassenverhältnissen angepasste Fahrweise ausüben zu können. Vermögende Autobesitzer delegierten diese Aufgaben ihrem Chauffeur.

Doch den meisten war bewusst, dass die Technik noch in der Pionierzeit steckte. Sie alle mussten persönlich Verantwortung übernehmen um ohne Pannen und Unfall von A nach B zu reisen. Dem Druck auf den Starterknopf oder dem Griff zur Andrehkurbel gingen oft stundenlange, vorbereitende Arbeiten voraus.

Der moderne Kraftwagen

Drehen wir die Zeitmaschine zurück, zurück in die Jahre nach dem 1. Weltkrieg, als sich arbeitslose Rüstungsbetriebe dem Motorrad- und Autobau zuwandten. Und ihre Kundschaft? Wenn genügend Kleingeld für die Anschaffung eines Automobils vorhanden war – Abzahlung kam erst Mitte der Zwanzigerjahre in Mode - musste der zukünftige Fahrer, die zukünftige Fahrerin, einen Lehrmeister aufsuchen, der sich in all den Geheimnissen der Mechanik und der Fahrtechnik auskannte.

Berliet von 1922 - oft von Chauffeuren gefahren

Es gab aber auch die andere Möglichkeit: Do it yourself – damals hiess es eher: Selbst ist der Mann. Verleger hatten eine Lücke entdeckt und jede Menge von Lehrbüchern erschienen, mit Skizzen illustriert, teilweise mit Fotografien. „Die Kunst des Fahrens“, „Chauffeurkursus“ oder das gegen 900 Seiten starke Werk aus Berlin: „Der moderne Kraftwagen“, verfasst von einem Herrn M. Peter.

Schon nach wenigen Zeilen steht schwarz auf weiss: „Es ist nicht jeder schon Autofahrer, der einen Wagen besitzt. Die Fähigkeit, seinen Wagen richtig zu beurteilen, kleine Schäden rechtzeitig zu entdecken und zu beheben, damit keine grösseren daraus entstehen, muss erworben werden.“ „Also erwerbe ich mir all diese Fertigkeiten rund um das Automobil“, mag sich der zukünftige Autler gesagt haben. Dass ihm sein neues Buch bald einmal bewusst machte, dass das Lenken eines Automobils mit Verantwortung übernehmen zu tun hat, Verantwortung für die zukünftigen Mitfahrer, alle Verkehrsteilnehmer und für sich persönlich.

Das Nachsehen vor der Abfahrt

„Das Nachsehen vor der Abfahrt darf sich nicht auf Äußerlichkeiten wie Reinlichkeit, Gepäckunterbringung oder geeignete Strassenkarten begrenzen“ doziert Herr Peter unverblümt weiter und wohl manchem Neuling rauchte bald einmal der Kopf vor lauter mechanischen, teils unbekannten Begriffen wie: Batterie, Lichtmaschine Scheinwerfer, aufgepumpte Luftreifen, festgezogene Ventile, Reservereifen, Wagenheber, Werkzeug, Werkzeugkiste, Schmierkanne, Reservebenzinbehälter, gefüllter Kraftstoffbehälter, Ölapparat, Wasserkühler….!

„Erst jetzt darf der Öl- und Kraftstoffhahn geöffnet werden“ bemerkte Herr Peter, „wobei vorausgesetzt werden muss, dass der Wagen gut abgeschmiert, die Zündung richtig arbeitet, die Bremsen greifen…….“

Der Schmierplan

Ingangsetzung des Motors

Beim Starten des Motors geht es kompromisslos in dieser Tonart weiter: „Zuerst wird - z.B. bei der Fallbenzinanlage -  der Kraftstoffhahn geöffnet, dann hebt man leicht die Schwimmernadel an, bis etwas Benzin fliesst und Achtung: In einer geschlossenen Garage kann dadurch leicht Feuer entstehen. Also Vorsicht, ihre brennende Zigarre! Und sollte der Motor noch Zischhähne besitzen, kann nach öffnen dieser Hähne Benzin direkt in die Brennräume gespritzt werden.“

Die Hebel am Lenkrad

Nun ist die Zündung an der Reihe. „Der Zündhebel wird auf spät gestellt, der Hebel für die Gaszufuhr am Lenkrad muss um einen Viertel geöffnet werden. Und ja nicht vergessen, dass der Ganghebel des Getriebes auf Leerlauf stehen muss. Nun drücke man auf den Starterknopf, sofern man vorher die Zündung eingeschaltet hat. Der Motor sollte jetzt anspringen, sofern die Batterie aufgeladen ist.“

War das nicht der Fall, dann wurde es mühsam. Aber Herr Peter weiss auch da Rat: Ankurbeln. „Vergewissern sie sich nochmals ob die Zündung wirklich auf "spät" steht. Bei Frühzündung erfolgen gefährliche Rückschläge. Ein Bruch des Unterarms oder des Handgelenks ist oft die Folge solcher Unachtsamkeit.“

Starten mit der Kurbel

Für den heutigen Autofahrer eine unverständliche Welt. Und half auch das Ankurbeln nichts, so war der Wagen von den bereits nervös herumstehenden Passagieren - oder den schadenfreudigen Nachbarn - anzuschieben. Mit eingerücktem 3. oder 4. Gang natürlich. Und da gab es noch einen ganz besonderen Trick. Er war den Rennfahrern abgeschaut, die ohne fremde Mithilfe einen abgestorbenen Motor – z.B. nach einem Dreher – wieder in Gang bringen konnten. Garantie auf gutes Gelingen gab es trotzdem keine. „Ist der Fahrer alleine, kann er den Wagen von der Lenkradseite her anschieben. Bei der ersten Zündung ist auf das Trittbrett zu springen - sofern eines vorhanden ist, sonst direkt auf den Fahrersitz, alsdann absitzen, auskuppeln, Gas geben und den Motor am Leben erhalten!!

Da war das Anrollen am Berg eine Kindersache: Bergauf oder bergab.

Eine aussergewöhnliche Starthilfe

Und hier noch ein verrückter Trick von Herrn Peter: „Befindet man sich auf ebener Strasse und hat keine Hilfskräfte zum Anschieben, so kann man sich leicht helfen, indem man beide Hinterräder durch Wagenwinden hochhebt und dann ein Rad, und zwar bei eingeschaltetem grossen Gang andreht. Sobald der Motor läuft, schalte man den Leerlauf ein und lasse die Hinterräder wieder auf die Strasse!!“

Lief er jetzt endlich, der Motor, so waren die Hebel am Lenkrad für Gas- und Zündung zurückzustellen, damit der Motor nicht zu hoch drehte. Und dann zur Beruhigung des Fahrschülers die grosse Erkenntnis des Herrn Peter: „Ein Drehen des Lenkrades nach rechts lenkt auch den Wagen nach rechts und umgekehrt nach links!

So jetzt konnte abgefahren werden. Vom Schalten, Zwischengas und Bremsen, wird in der nächsten Folge erzählt. Da wird sich auch die Frage klären, wie der ungeübte Fahrschüler mit Kupplung und Gas umgehen musste, ohne dass der Wagen in fürchterlichen Sprüngen und vor den Augen der gaffenden Zuschauern hinter dem nächsten Haus verschwand. – oder schon vorher stehen blieb.“

Da in den Zwanzigerjahren die Fahrschullehrer erst in grossen Städten ihr nervenaufreibendes Handwerk zu ausüben begannen, mussten die meisten Anfänger, Anfängerinnen mit Hilfe eines geübten Fahrers in die Kunst des Fahrens eingeführt werden. Oft gaben die Automobilverkäufer eine kurze Anleitung. Dies ausführlich zu tun, stand aber nicht in ihrem Interessen. Sie wollten den Wagen ja wieder zur Reparatur empfangen!

Die Fahrprüfung selber wurde, wenn überhaupt, von einer amtlichen Stelle abgenommen. Dazu schienen Polizisten am geeignetsten zu sein. Oft konnten diese „Experten“ selbst nicht fahren! Mein Vater z.B. musste in Thun zwei Runden um einen Brunnen kurven, streng beobachtet vom Prüfungsexperten. Das schaffte er problemlos. Prüfung bestanden. Das war’s.

Verantwortungsvolle Fahrer ...

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