Automuseum Dr. Carl Benz – tagsüber allein im Museum

Erstellt am 9. April 2021
, Leselänge 8min
Text:
Torsten Krebs
Fotos:
Torsten Krebs (TorstenKrebs.com) 
8
Matthias Schuler 
6

Der Moment ist episch und surreal zugleich. Es ist Samstagnachmittag, 14:13 Uhr, ein sonniger, aber kalter Februartag. Der Schlüssel dreht sich im Schloss, die Tür öffnet sich. Mir steigt ein bekannter und geliebter Geruch von altem Leder und Gummi in die Nase. Und dann erhasche ich den ersten Blick. Der Patent Motorwagen VELO von 1898 fällt mir zuerst ins Auge und erinnert mich daran, dass ich hier die Meilensteine der Automobilgeschichte vor mir habe.


Foto Shooting im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg - das ganze Museum steht zur Verfügung
Copyright / Fotograf: Matthias Schuler

Hier hat er selbst gearbeitet, der Erfinder des Automobils, Dr. Carl Benz. In den Hallen seiner historischen Fabrik in Ladenburg. Ich trete zusammen mit meinem Assistenten Matthias ein und es wirkt fast wie immer; das Sonnenlicht durchflutet das großzügige Gebäude und über hundert Zeitzeugen der automobilen Vergangenheit warten auf ihre Bewunderung. Aber etwas ist anders. Es ist ungewöhnlich kalt im Museum. Und… ungewöhnlich ruhig. Die Besucher fehlen. An einem Samstagmittag. Es ist “Corona".

Einmalige Gelegenheit

Winfried A. Seidel, der Inhaber des Museums ermöglicht uns dieses einmalige Erlebnis tagsüber allein im Museum die Traumautos unserer Großeltern zu fotografieren. Er begleitet uns die ersten Minuten, zeigt uns die Ausstellungsbereiche, macht uns Licht, wo wir welches brauchen, erklärt uns wie wir die Erklärungstafeln unfallfrei bewegen und geht.

Jetzt sind wir ganz allein. Ein bisschen fühle ich mich wieder wie damals als kleiner Junge, als ich das erste Mal in einem Toys R Us stand: einfach nur überwältigt.

Eine schwierige Auswahl

Wir drehen erst einmal eine Runde durch das Museum und widmen uns der schwierigsten Aufgabe des Tages: wir müssen eine Auswahl treffen. Ich deute spontan ca. 10 Fahrzeuge heraus, die ich unbedingt vor der Linse haben möchte; Matthias noch einmal 4 Stück. Vollkommen unrealistisch wie sich später herausstellt. Dennoch gehen wir voller Tatendrang an unser erstes Fahrzeug.


C. Benz Söhne 8/25 (1924) - Fotoshooting im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg
Copyright / Fotograf: Torsten Krebs (TorstenKrebs.com)

Ein C. Benz Söhne 8/25 Wagen aus der Ladenburger Fabrik von 1924. Der Wagen hatte eine bewegte Vergangenheit, wurde zwischendurch zu einem Klein-LKW umgebaut. Allein dem Engagement von Herrn Seidel ist es zu verdanken, dass der Wagen in über 3000 Arbeitsstunden wieder in seine ursprüngliche Form zurückgebaut werden konnte und jetzt wieder an seinem "Geburtsort" in alter Schönheit erstrahlt. Der Wagen hat es verdient portraitiert zu werden. So viele fotogene Details. Die riesigen Scheinwerfer, die Holzfelgen, das Holzlenkrad. Alt aber unendlich sexy, wie ich finde.

Ich könnte an dem Fahrzeug allein den restlichen Tag verbringen, aber ich wähle gerade mal zwei Perspektiven für die ersten Fahrzeugportraits. Wir haben noch viel vor.

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Sonnenschein

Wir wechseln das Jahrzehnt. Ein Mercedes Benz 230 W 143, Baujahr 1936. Er wird "Sonnenschein-Limousine" genannt. Wie passend denke ich. Genau der Sonnenschein macht uns gerade das Leben an diesem Fahrzeug schwer.


Mercedes-Benz 230 W 143 (1936) - Fotoshooting im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg
Copyright / Fotograf: Torsten Krebs (TorstenKrebs.com)

Durch die großen Fenster der Fabrik scheinen die Sonnenstrahlen auf den Wagen und die Rahmen der Fabrikfenster spiegeln sich unschön im dunklen Lack. Auf Zehenspitzen balancierend versucht Matthias die Strahlen mit einem großen Reflektor zu bändigen. Mit Erfolg. Klick. Szenenwechsel.

Der verflixte Stern

Wir nähern uns mit dem kompletten Equipment dem Highlight des heutigen Tages. Allerdings ohne es zu wissen. Ein tiefroter Mercedes Benz 300 SL Roadster. 6 Zylinder,  2996 ccm, 215 PS. Unschuldig steht er da und lässt das darauffolgende Prozedere über sich ergehen: Blitze aufbauen, Softboxen ausrichten, Reflexionen bändigen. Dann das übliche Bodenturnen, um den richtigen Winkel zu finden. Der seitliche Luftauslass hat es mir angetan. Ein Shot, noch einer, Licht anders, noch einer. Dann natürlich noch die elegante Front. Die muss unbedingt auch noch portraitiert werden.


Foto Shooting im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg - der 300 SL Roadster aus der Vorserie soll abgelichtet werden
Copyright / Fotograf: Matthias Schuler

Dass ausgerechnet eine meiner Lieblingsperspektiven mir die meisten Kopfschmerzen macht, hatte ich nicht gedacht. Blitz hin, her, rauf, runter. Geduldig folgt Matthias all meinen Anweisungen. Aber ausgerechnet der "verflixte" Stern macht mir hier das Leben schwer. Jede Spitze soll ihr Highlight bekommen, aber das ist ganz schön kniffelig. Vermutlich wird mir hier nur die Nachbearbeitung helfen, zu dem Ergebnis in meinem Kopf zu kommen.

Rarität aus der Vorserie

Nach einer gefühlten Ewigkeit lassen wir von der Schönheit ab und bereiten gerade die Blitzanlage für einen erneuten Umzug vor, als Herr Seidel vorbeikommt, um nach dem Rechten schauen. "Der Wagen ist teurer als Sie denken." erläutert er uns trocken. Ich überschlage schnell im Kopf und tippe auf Ende sechsstellig. Weit gefehlt. Es handelt sich bei dem Kleinod um eine sogenannte Null-Serie, ein Vorserienfahrzeug mit Rennsportvergangenheit. Seinerzeit pilotiert von Eugen Böhringer. Im Übrigen eine Leihgabe des aktuellen Besitzers, der den Wagen momentan verkaufen möchte. "Der Schätzwert ist weit höher als gedacht" erwidert Herr Seidel und wir können nur erahnen wie "weit"…


Mercedes-Benz 300 SL Roadster (Vorserie) (1957) - Fotoshooting im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg
Copyright / Fotograf: Torsten Krebs (TorstenKrebs.com)

Nachdem sich unsere weichen Knie wieder gefangen haben, entfernen wir uns voller Ehrfurcht und bringen die Lampenstative außer Reichweite der rollenden Kostbarkeit. Jetzt weiß ich wieder, wofür ich eine Berufshaftpflicht abgeschlossen habe, und habe irgendwie das dringende Bedürfnis zeitnah die Deckungssumme zu prüfen. Zum Glück hoch genug, wie sich später herausstellt.

Nicht nur Sterne

Die Zeit rennt. Konzentration, Kreativität und Tageslicht neigen sich dem Ende zu. Wir nehmen uns noch zwei weitere Fahrzeuge vor. Beide entstammen eigentlich nicht der berühmten Carl-Benz-Schmiede. Nach der Feststellung, dass auch Fremdmarken im Museum stehen, bin ich etwas erleichtert. Haben wir doch die Ungehörigkeit besessen, direkt vor dem überdimensionalen Mercedes-Stern auf dem Hof des Museums mit dem Fahrzeug eines motivierten Marktbegleiters aus Ingolstadt zu parken.


Porsche 356 (1955) - Fotoshooting im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg
Copyright / Fotograf: Torsten Krebs (TorstenKrebs.com)

Zunächst widmen wir uns also einem Porsche Modell 356 aus dem Jahre 1955. Ein Amerika-Import, welcher noch heute bei Bergrennen und im historischen Motorsport eingesetzt wird. Ein wunderschönes Fahrzeug, was aufgrund seiner gewölbten Motorhaube wieder eine Herausforderung für die Platzierung der Blitze darstellt. Matthias muss wieder viele Anweisungen über sich ergehen lassen, bis auch der letzte Reflex da ist, wo ich ihn gern haben möchte.

Vorkriegsfahrzeuge sind da definitiv einfacher. Zu einem solchen wechseln wir jetzt zum krönenden Abschluss. Ein Ford Cagle A. Spezial Midget-Rennwagen aus dem Jahre 1929 soll das Finale des heutigen Tages bilden. Der Rennwagen gehört seit 2015 zum Portfolio des Museums und besitzt noch immer gültige FIA Rennsportpapiere. Ob jemand dies allerdings tatsächlich nutzen möchte, bleibt fraglich. Wirken die Bremsen mit außenliegendem Bremshebel doch lediglich auf die Hinterräder.

Und noch eine spezielle Perspektive

Wir sammeln die letzten kreativen Energien und plötzlich kommt sie noch, die kreative Bildidee. Anders als alle Bilder die wir heute gemacht haben. Anders als die tausendfach eingeübten Standardperspektiven. Seltsamerweise passiert das öfter ausgerechnet am Ende eines langen Shooting-Tages. Wenn wir müde ausgelaugt und kurz vorm Zusammenpacken sind. Ich verstehe es zwar nicht, trotzdem funktioniert es immer wieder. Genau wie die Umsetzung der Idee. Rote Haube quer durch die gelbe Speichenfelge fotografiert. Nochmal auf den Boden, Bauchmuskeln ein letztes Mal anspannen. Klick. Blick auf's Display. Freude. Fertig!


Ford Cagle A Spezial Midget-Rennwagen (1929) - Fotoshooting im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg
Copyright / Fotograf: Torsten Krebs (TorstenKrebs.com)

Mittlerweile ist es in den heiligen Hallen stockdunkel geworden und wir bewegen uns nur noch mit Taschenlampen und äußerster Vorsicht. Bloß nichts anstoßen, alles nah am Körper tragen und bloß weit vom 300 SL wegbleiben.

Schlussbouquet

Wir tragen langsam das ganze Equipment Richtung Ausgang, als wir uns dem langen Gang Richtung Empfang nähern. Die gute alte Glühlampe wirft ein malerisches Licht auf die schweren Holzmöbel und die alte Backsteinmauer. Verträumt, friedlich, fotogen. Wir schauen uns an. Es ist schon 20:15 Uhr. Sollen wir noch? Wann, wenn nicht jetzt, also los! Ein letztes Aufbäumen. Wir können jetzt nicht einfach gehen, ohne das Museum noch in der nächtlichen Stimmung einzufangen. Also versuchen wir noch eine letzte Aufnahme vom gesamten Museum.

Diesmal brauchen wir allerdings mehrere Aufnahmen. Matthias dreht mit meinem Akkublitz nochmal eine letzte Runde. Wobei wir deutlich merken, dass die Luft raus ist. Ganz so sorgfältig wie zu Beginn arbeiten wir nicht mehr. Dennoch können wir's nicht lassen. Photoshop wird's schon richten. Nach ca. 20 Aufnahmen beschließen wir endgültig das Ende der heutigen Session.


Foto Shooting im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg - Blick ins Museum am Ende des Tages
Copyright / Fotograf: Torsten Krebs (TorstenKrebs.com)

Um 20:45 Uhr packen wir zusammen. Wir sind müde, zufrieden, aber ein bisschen enttäuscht. Enttäuscht, dass der Tag schon wieder rum ist. Die Zeit ist an uns nur so vorbeigerauscht. Wir hätten locker eine ganze Woche in dem beeindruckenden Gemäuer verbringen können. Trotzdem hat es unfassbar viel Spaß gemacht und irgendwie können wir der Pandemie jetzt doch noch eine klitzekleine positive Seite abgewinnen.

Danke an das Museum

Zu verdanken haben wir das aber letztlich Winfried A. Seidel, der über die Jahrzehnte eine einmalige Sammlung zusammengetragen und uns das Vertrauen geschenkt hat, in seinem liebevoll aufgebauten Museum frei zu fotografieren. Wir senden auf dem Wege noch einmal ein riesiges Dankeschön an Herrn Seidel und legen jedem Leser nach Aufhebung der Beschränkungen einen Besuch in diesem einmaligen Fleckchen gelebter Automobilgeschichte nahe. Tagsüber.

Das Automuseum Dr. Carl Benz ist an der Ilvesheimer Straße 26 in 68526 Ladenburg zu finden. Natürlich hat es auch eine eigene Website .

Die Fotografen heissen Torsten Krebs und Matthias Schuler. Krebs hat natürlich eine Fotografen-Website . Beide Fotografen haben auch eine Instagram-Präsenz: Torsten Krebs und Matthias Schuler .

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von al******
10.04.2021 (13:00)
Antworten
Zu einem Beruf berufen ist offensichtlich jemand, bei dem man sieht, dass er liebt, was er tut, und auch das, womit er in Berührung kommt. Herzliche Gratulation zu dem schönen Bericht!
Antwort von tk******
12.04.2021 (08:42)
Vielen Dank für die lieben Worte!
von sp******
14.04.2021 (08:02)
Antworten
Sehr schöner Kommentar

Ich hatte das Vergnügen das Museum vor drei Jahren zu besichtigen. Ein Highlight.
Auch das Städtchen ist sehr sehenswert. Sollte ein Muss sein für jeden Auto Fan.

H. Speck aus der Schweiz
Antwort von tk******
26.04.2021 (08:32)
Das sehe ich zu 100% genauso. Ein mit viel Liebe zum Thema und Detail geschaffenes Museum.
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