Artcurial André Lurton Versteigerung 2020 – unterschätzte oder überbewertete Zeitzeugen?

Erstellt am 28. September 2020
, Leselänge 4min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Artcurial 
50
Citroën 2CV AZ (1956) - als Lot 02 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Citroën Traction 11 familiale (1938) - als Lot 03 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Renault Type CC 14 CV landaulet Gallé (1911) - als Lot 04 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Renault EK torpédo deux places (1910) - als Lot 05 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Berliet C2 Double Phaëton (1907) - als Lot 06 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Talbot K74 Coach (1931) - als Lot 07 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

André Lurton war ein Kriegsheld. Geboren am 4. Oktober 1924 trat er 1944 in die französische Armee ein und war bei der Befreiung Frankreichs und des Elsass an vorderster Front dabei. Nach dem Krieg kehrte er ins heimische Gut Château Bonnet zurück und wurde ein passionierter und erfolgreicher Weinbauer, dem viele hervorragende Bordeaux-Weine (das Schloss liegt in der Nähe von Bordeaux) zu verdanken sind.

Bild Citroën Traction 11 familiale (1938) - als Lot 03 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Citroën Traction 11 familiale (1938) - als Lot 03 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

Lurton hatte aber nicht nur Freude an den Weintrauben und den Erzeugnissen der Landwirtschaft, sondern auch an Technik und Mechanik. Wenn ich nicht Weinbauer geworden wäre, dann Mechaniker, soll er einst gesagt haben. Ab Mitte der Neunzigerjahre begann er eine Fahrzeugsammlung aufzubauen, die alles enthalten, sollte, was für seine Familie und ihn selber wichtig gewesen war. Entsprechend setzte sich die im Château Bonnet untergebrachte Sammlung denn auch aus vielen Automobilen, aber auch Militärfahrzeugen und Traktoren zusammen. Insgesamt waren es 80 Fahrzeuge und diese kamen am 27. September 2020, rund ein Jahr nach dem Ableben Lurtons, unter den Hammer.

47/49 Automobile

Der Fokus hier gilt den Automobilen, es waren deren 47 plus zwei Militärfahrzeuge, die man sicherlich auch als Strassenfahrzeuge einsetzen kann. Der Gesamtwert der 49 Wagen, die alle ohne Mindestpreis im Katalog figurierten, wurde im Vorfeld auf EUR 676’000 geschätzt. Erzielt aber wurden dann EUR 1,34 Millionen, also rund das Doppelte. Im Schnitt wurde das Dreifache des mittleren Schätzpreises geboten!

Bild Chevrolet Corvette SCCA (1971) - als Lot 39 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Chevrolet Corvette SCCA (1971) - als Lot 39 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

Die 49 Strassenfahrzeuge waren im Schnitt fast 78 Jahre alt, Vorkriegsautos waren also stark präsent. Es gab aber auch einige jüngere Wagen und einige, die etwas aus dem Kontext fielen, so etwa eine Chevrolet Corvette von 1971 mit SCCA-Geschichte und ohne Strassenzulassung, oder den Ford Fairlane 500 Skyliner von 1957, der einst Teil der Heuliez-Sammlung war.

Bild BMW 535i (1989) - als Lot 36 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
BMW 535i (1989) - als Lot 36 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

Das Gros der Fahrzeuge hatte aber französische Wurzeln, Ausnahmen waren vier BMW, drei Ford, ein Mercedes-Benz, ein Rolls-Royce und ein Volkswagen.

Bild Citroën Traction 15 Six D (1949) - als Lot 24 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Citroën Traction 15 Six D (1949) - als Lot 24 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

Citroën war mit 14 Wagen vertreten, Renault mit acht, Peugeot mit vier.

Ein Renault Estafette als Überflieger

Eine der grossen Überraschungen der nicht ganz drei Stunden dauernden Versteigerung war der Renault Estafette "Plein Air” von 1960. Ähnlich wie die Strandwagen auf Fiat-Basis hatte war auch dieser Bus als Strandwagen mit Korbstühlen gebaut worden. Vermutlich hatte der Wagen nur Renault gehört, bevor ihn Lurton kaufte. Man vermutet, dass damit auch der Russland-Premierminister Nikita Krushchev im Werk herumgefahren wurde.

Bild Renault Estafette " Plein Air " (1960) - als Lot 25 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Renault Estafette " Plein Air " (1960) - als Lot 25 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

Geschätzt waren für die Rarität EUR 8000 bis 12’000, bezahlt wurden EUR 88’040!

Bild Citroën AC4 Coach (1930) - als Lot 47 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Citroën AC4 Coach (1930) - als Lot 47 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

Geschlagen wurde dieses Ergebnis nur noch durch ein Restaurierungsobjekt, nämlich einen Citroën AC4 Coach von 1930, der für EUR 8060 verkauft wurde, nachdem der Estiate sich auf nur EUR 100 bis 200 belaufen hatte.

Bild Peugeot 403 B (1963) - als Lot 16 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Peugeot 403 B (1963) - als Lot 16 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

Weitere Autos, die deutlich über den Schätzwerten neue Besitzer fanden, waren ein Renault Type DM von 1913, ein Peugeot 403 B von 1963, ein BMW 535i von 1989 und ein Talbot K74 Coach von 1931.

Bild Citroën CX Prestige (1977) - als Lot 18 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Citroën CX Prestige (1977) - als Lot 18 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

Auch für einen Citroën CX Prestige von 1977 entbrannte ein spannendes Bieten, das erst bei EUR 18’600 endete, mehr als dem Dreifachen des Schätzwets.

Bild Volkswagen Type 82 Kübelwagen (1940) - als Lot 48 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Volkswagen Type 82 Kübelwagen (1940) - als Lot 48 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

Und auch ein VW Kübelwagen von 1940 wurde mit EUR 74’400 honoriert, obwohl der Schätzwert nur EUR 15’000 bis 25’000 gewesen war.
Dazu muss man noch wissen, dass die meisten Fahrzeuge reine Museums-Objekte waren und über Jahre nicht mehr im Einsatz standen.

Angebote eines Zwischengas-Händlers
Heinkel 150 Kabinenroller (1956)
Heinkel 150 Kabinenroller (1956)
Triumph Stag V8 (1977)
Triumph Stag V8 (1977)
Alfa Romeo Spider 2000 Veloce (1981)
Alfa Romeo Spider 2000 Veloce (1981)
Morgan 4/4 Roadster 2-seater (1977)
Morgan 4/4 Roadster 2-seater (1977)
+41 79 445 32 04
Gommiswald (oberer Zürichsee), Schweiz

Nur vier Autos unter den Erwartungen

Der am teuersten eingeschätzte Fisson 8 HP 3 Litres Tonneau von 1898 “enttäuschte” am meisten, wenn man dies überhaupt so sagen kann.

Bild Fisson 8 HP 3 Litres "Tonneau" (1898) - als Lot 14 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Fisson 8 HP 3 Litres "Tonneau" (1898) - als Lot 14 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

EUR 124’000 wurden als Verkaufspreis notiert, der Schätzwert des ältesten Autos der Versteigerung hatte auf EUR 120’000 bis 200’000 gelautet.

Bild Ford Fairlane 500 Skyliner (1957) - als Lot 19 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Ford Fairlane 500 Skyliner (1957) - als Lot 19 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

Ebenfalls unter dem Estimate wurden ein Citroën Traction 15 Six D von 1949 (EUR 23’560), ein Citroën C3 Trèfle Torpédo von 1926 (EUR 11’160) und ein der bereits angesprochene Ford Fairlane 500 Skyliner von 1957 (EUR 21’080) verkauft.

Einer von wenigen noch existierenden Citroën M35

Erwähnt werden sollte noch der Citroën M35 von 1970, der für EUR 27’900 in sicherlich nicht Concours-Zustand einen neuen Besitzer fand. Chassis 00EA0039  war ursprünglich Henri Heuliez persönliches Auto.

Bild Citroën M35 (1970) - als Lot 17 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Citroën M35 (1970) - als Lot 17 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

Er ist einer von wenigen Überlebenden der 257 gebauten Wankel-Versuchswagen und legte in seinem Leben 87’059 km zurück.

Bild Citroën Ami 6 (1963) - als Lot 01 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Citroën Ami 6 (1963) - als Lot 01 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020

André Lurton hätte es sicherlich das Herz zerrissen, als seine über Jahrzehnte aufgebaute Sammlung am 27. September 2020 in alle Winde zerstreut wurde, aber für Artcurial und Lurtons Erben ging die Rechnung sicherlich auf, schliesslich kamen am Ende des Tages für alle 80 Fahrzeuge insgesamt EUR 2’215’074 zusammen. Es stellt sich nun natürlich die Frage, ob die Artcurial-Experten zu vorsichtig schätzten, oder ob die Bieter zu euphorisch ans Werk gingen ...

Angebotene und verkaufte Fahrzeuge

Die folgende Tabelle listet alle angebotenen und verkauften Fahrzeuge mit Schätzpreisen, Höchstgeboten und Verkaufspreisen. Die Preis-Umrechnung erfolgte zum am Auktionstag gültigen Tageskurs. Alle Angaben ohne Gewähr.

Lot Fahrzeug Jahr EUR Est von EUR Est bis EUR HG EUR VP CHF VP % Est S
01 Citroën Ami 6 1963 4000 8000 16'000 19'840 21'427
+230.67%
V
02 Citroën 2CV AZ 1956 5000 8000 11'000 13'640 14'731
+109.85%
V
03 Citroën Traction 11 familiale 1938 8000 12'000 10'500 13'020 14'061
+30.2%
V
04 Renault Type CC 14 CV landaulet Gallé 1911 10'000 20'000 25'000 31'000 33'480
+106.67%
V
05 Renault EK torpédo deux places 1910 5000 10'000 22'000 27'280 29'462
+263.73%
V
06 Berliet C2 Double Phaëton 1907 20'000 30'000 36'000 44'640 48'211
+78.56%
V
07 Talbot K74 Coach 1931 4000 8000 22'000 27'280 29'462
+354.67%
V

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Legende: Spalte S = Status (V = Verkauft, N = Nicht verkauft, Z = Zurückgezogen, U = Unter Vorbehalt)
Est = Estimate/Schätzwert, HG = Höchstgebot, VP = Verkaufspreis

Bilder zu diesem Artikel

Citroën 2CV AZ (1956) - als Lot 02 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Citroën Traction 11 familiale (1938) - als Lot 03 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Renault Type CC 14 CV landaulet Gallé (1911) - als Lot 04 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Renault EK torpédo deux places (1910) - als Lot 05 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Berliet C2 Double Phaëton (1907) - als Lot 06 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Talbot K74 Coach (1931) - als Lot 07 an der Artcurial "Succession André Lurton" Versteigerung 2020
Quelle:
Logo Quelle
von fr******
30.09.2020
Antworten
Die Schätzwerte waren sicherlich sehr konservativ. Einerseits haben die Sammlungs-Fahrzeuge das Manko, dass sie lange nicht bewegt wurden und erst komplett aufgefrischt werden müssen, bevor man damit wieder losfahren kann. Andererseits haben sie den Vorteil der Vollständigkeit und des mindestens ordentlichen Zustands - so sehen sie jedenfalls von Außen aus. Wer also so ein Auto zerlegen und wieder zusammenbauen kann, muss kaum mehr als reichlich Arbeitszeit und Gummi-Ersatzteile investieren. Dafür kann man dann auch mehr Geld für die gesunde Basis ausgeben. Denn fehlende Teile kosten Zeit und Geld.
Favicon
von Ru******
29.09.2020 (09:53)
Antworten
Wenn das Minus Gelb und das Plus Grün sind, dann wäre es viel logischer, daß Dunkelgrün nicht ein geringes, sondern ein starkes Plus darstellt! Ganz so, wie Sie es ja wiederum bei Gelb - eben genau andersherum - richtig machen - alles klar?
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Artcurial Succession André Lurton Versteigerung
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