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Cyclecars und Voiturettes im Winter - als sei die Zeit stehen geblieben
Bernhard Brägger - 7. April 2012 |
Nur wenige der schnellen Cyclecars haben „Les années folles“ - die tollen Zwanzigerjahre - überlebt. Zu gross muss die Versuchung der damaligen Piloten gewesen sein, ihre drehfreudigen 1,1-Litermotoren bis zur Selbstzerstörung hochzujagen; zu gefährlich die berüchtigten französischen Strassengräben, die Pappelbäume der wunderschönen Alleen. Wehe, wer mit hoher Geschwindigkeit von der Strasse abkam!
Die französischen Automobilhersteller wie Rally, E.H.P. Derby, Lombard, Salmson oder B.N.C. bauten keine eigenen Motoren. SCAP, Ruby, Anzani oder Chapuis-Dornier lieferten ihnen ihre Produkte – auch Standmotoren.
Die pfiffigen Wägelchen waren wie geschaffen für die moderne Jugend in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die „Jeunesse dorée“ des finanzkräftigen Bürgertums, präsentierte sich übermütig mit ihren kleinen Rennboliden auf den Boulevards von Paris oder den Quais von Nizza. Rennen wurden organisiert: Erfolge wie solche um den Bol d’Or oder dem Rallye Paris-Nice wurden von den Werken hochgejubelt. Jungen Frauen verhalfen die Voiturettes und Cyclecars zum Ausleben männlicher Statussymbole, zur Befreiung von Haus und Herd.
Kleinvolumige Autos aus Motorradteilen und mit kleinen Motoren
Wie viele der verbliebenen kleinvolumigen Cyclecars (bis 350 kg schwer und aus Motorradteilen bestehend) und Voiturettes (mit 1,1-Liter-Motoren) zwanzig Jahre später von Bomben und Granaten des Zweiten Weltkriegs zerstört wurden, ist genauso wenig bekannt wie die Zahl jener, die in Hinterhöfen und leer stehenden Gebäuden verrosteten.
Doch zum Glück gab es in Frankreich Sammler, die der Nachwelt die ersten Zeugen der neuen Mobilität erhalten wollten. Zugedeckt unter Tüchern und Blachen versteckten in den 50er-Jahren Sammler wie Serge Pozzoli die kleinen Wagen in den hintersten Winkeln ihrer Baracken, in leeren Fabrikhallen oder alten Garagen. Sie suchten nach Ersatzteile und zeitgenössischer Literatur und machten die für wenig Geld erworbenen, klapprigen Wagen wieder fahrbar. Sonntags trafen sich diese Gleichgesinnten zu Ausflügen. Erste Oldtimer-Rallies wurden organisiert. Ihrer Weitsicht, ihrem Sammlertrieb und ihrer Leidenschaft verdanken wir heute den kleinen Bestand dieser mechanischen Kulturgüter.
Kein Hochglanz-Erlebnis
Die heutigen Besitzer solcher kleinen Renn- und Sportwagen lassen sich nicht mit den Oldtimerfahrern vergleichen, die sonntags in wunderschönen, auf Hochglanz polierten Cabriolets durch die Landschaft gondeln. Weder weisse Staubkappen kennzeichnen sie, noch winken sie unaufhörlich und majestätisch dem Fussvolk am Strassenrand zu. Es sind in die Zwanzigerjahre vernarrte, öl- und dreckverschmierte Nostalgiker einer längst vergangenen Rennepoche. Während Jahren haben sie sich in die alte Mechanik vertieft, haben versucht sie zu begreifen, zu restaurieren. Erst nach langer, harter Arbeit sind die Motoren von Ruby oder SCAP erwacht, um erneut mit viel Lärm über nervöse, schmale, kaum befahrene Strässchen gejagt zu werden. Löcher, Querrinnen und loser Schotter können die Freude an der zügigen Fahrt kaum trüben.
Quer durch die Schäbische Alb
Ausgerechnet im Schwabenland, dort wo doch Mercedes und Porsche sagen, was Sache ist, schlägt heute das Herz der europäischen Cyclecars- und Voiturettes-Rennszene! In Ingolf Engels Werkstatt in Strassberg auf der Alb gibt es zwar weder ein Büro mit blitzblanker Empfangsbar, noch gähnt einem ein steriler Showroom mit exotischen Pflanzen und Designermöbeln an. Ein selbstgebauter Ofen, Kaffee, ein Glas Rotwein, Roquefort und Weissbrot, mehr braucht es nicht zu einem Schwatz über Rizinusöl, Cozettekompressoren und schrägziehende, mechanische Bremsen.
Und jedes Jahr am 1. Februarwochenende herrscht hier ein sympathisches Chaos. Die Werkstatt wird kurzerhand in eine französische Brasserie verwandelt. Und kaum geschehen, treffen wetterfeste Piloten aus halb Europa ein, um sich und ihre Voiturettes auf den verschneiten Wegen und Strässchen der Schwäbischen Alb auszutoben. Und wenn sie im Oberen Donautal unvermittelt in einen Narrenumzug geraten, freuen sie sich über die Frage, ob jetzt noch ein Seifenkistenrennen im Programm der Faschingsgesellschaft stehe.
Der Pilot hat die volle Kontrolle
Weder ABS, EDS, ESP noch PASM bevormunden Fahrer und Fahrstil. Bereits beim Anbremsen lassen sich die Rennzwerge mit geringem Lenkradeinschlag, Bremsantippen oder Gaswegnehmen quer zur Fahrtrichtung stellen - je nach Wunsch mit der Nase nach links oder rechts zum Strassengraben. Das Heck wird dabei labil, kurvenfreudig, und schon lassen sich BNC, Amilcar, Rally, Derby oder Anzani mit dosiertem Gas-, Kupplungs- und Lenkeinsatz kontrolliert durch die Kurve driften. „Nur nie geradeaus, immer quer und krumm“, lautet die Devise. Voiturettes und ihre Fahrer sind von einem andern Stern! Und die vom Streusalz weiss gewordenen und doch schwarzgeräumten Strassen werden verachtet, verhöhnt.
Am liebsten rennmässig unterwegs
Und Rennen - echte Rennen? Die stehen hoch im Kurs! Dazu wurden diese Wagen ja gebaut. Auf dem baufälligen Hochgeschwindigkeitsoval von Linas-Monthléry, auf der Nordschleife des Nürburgrings, am Klausenpass oder am Rennen Turckheim-Trois Epis in den Vogesen - überall, wo man Gas geben kann, finden sie sich zum Rendez-vous ein. Ihre Karosserien sind notdürftig geflickt, der Lack oft noch mit dem Pinsel ausgebessert. Was soll’s! Wenn die Motörchen schön warm sind und die Cozette-Kompressoren auf Hochtouren zu laufen beginnen, scheint die Zeit stehen zu bleiben, als seien die Wilden Zwanzigerjahre aus dem tiefen Schlaf erwacht!
Und zum Schluss noch dies: Möchten Sie mehr erfahren über diese Voiturettes-Szene, dann besorgen Sie sich einen der letzten Bildbände mit dem Titel "Die Schnellen Zwanzigerjahre. Die Geschichte der Cyclecars und Voiturettes" (Direktkontakt: info@sp-verlag.de. ISBN:3-9809409-2-6).




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