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Bild (1/1): Rolls-Royce Silver Shadow (1974) - die Kühler werden von Hand gemacht, jeder Handwerker soll in der Lage sein, die von ihm gefertigten auf Kühler auf offener Strasse zu erkennen (© Bruno von Rotz, 2012)
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    Rolls-Royce Silver Shadow von 1974 - Luxus in Zeitlupe

    20. März 2012
    Text:
    Bruno von Rotz
    Fotos:
    Bruno von Rotz 
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    Balz Schreier 
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    Man kann schon verstehen, dass Dieter Meyer, Berufs-Dandy und Yello-Frontmann, ihm über Jahre die Treue hielt. Dem Bentley T, baugleich zum Rolls-Royce Silver Shadow.

    Es beginnt schon beim Einstieg, man wird von dieser typischen britischen Noblesse empfangen, die Fahrzeugen des englischen Traditionsherstellers schon immer eigen war. Das Leder der Sitze knirscht und knatscht. Das Auge gleitet über ein noch wirklich in Holz gebautes Armaturenbrett und die wenigen Instrumente im Blickfeld. Vor allem aber bleibt er bei der Spirit of Ecstasy, auch liebevoll “Emily” genannt, die steil auf der Motorhaube steht, hängen. Es besteht kein Zweifel, man sitzt, oder besser thront, in einem Rolls-Royce, dem besten Auto der Welt, wie der Hersteller damals selbstsicher verkündete.

    Der Mythos von der tickenden Uhr als einziges Geräusch

    Der Einstieg in den 1,52 Meter hohen Wagen erfolgt aristokratisch stilsicher, ohne dass man sich zusammenfalten müsste wie ein Schweizer Sackmesser. Nach dem Starten des Motors durch Rechtsdrehung des Zündschlüssels links vom Lenkrad beginnt der Wagen fast lautlos zu laufen, der Mythos von der lauter tickenden Uhr stimmt. Diese tickt aber auch recht geräuschvoll, was wohl durchaus beabsichtigt war.

    Mühelos lässt sich die Automatik über einen Lenkradhebel in die Fahrposition bewegen und majestätisch gleitet der Wagen voran. Er schnellt nicht aus den Startblöcken wie ein Sportwagen, er beginnt einfach die Strasse aufzusaugen. Es kommt keine Hektik auf, alle Bewegungen scheinen sich zu verlangsamen. Auch die Blicke der Passanten verweilen länger auf dem Wagen, wenn sie prüfend im Fahrzeuginneren Adel und Reichtum aufspüren wollen.

    Alles scheint wie in Zeitlupe abzulaufen, man dreht fliessend und ohne Hast am dünnen Lenkradkranz, um ja keine Unruhe in die Fuhre zu bringen. Landstrassen-Tempo ist im besten Fall in weniger als acht Sekunden erreicht, aber in der Realität lässt man sich auch gerne lockere 30 Sekunden Zeit, um die Limousine auf 80 km/h zu beschleunigen. Warum sich beeilen, wenn sich der Genuss mit jeder Sekunde steigert?

    Stattliches Automobil

    Der Silver Shadow fühlt sich wie ein ziemlich gross geratenes Auto an. 5,17 Meter Länge, 1,8 Meter Breite und 2’185 kg Gewicht waren durchaus eine Ansage im Jahr 1965. Heute aber wiegt schon ein ausgewachsener Mittelklasse-Kombi soviel und mancher Audi oder BMW ist länger und vor allem breiter als der Engländer. Sanft wie eine Miezekatze rollt der Silver Shadow ab, man gleitet über die Strasse, die Löcher, die der Winter in den Strassen zurückgelassen hat, werden hervorragend von den Passagieren des noblen Transportmittels ferngehalten. Die Rundumsicht auf hoher Sitzposition ist ausgezeichnet, ein Grund dafür, dass sich das Auto weniger ausladend anfühlt, als es ist.

    In Kurven verbeugt sich der schwere Engländer etwas zur Seite, aber wer würde schon hohe Kurvengeschwindigkeiten von diesem Wagen fordern wollen? Quietschende Reifen und ein Rolls-Royce passen einfach nicht zusammen. Die hydraulische Dreikreisbremse verzögert den Silver Shadow sicher und fast ein wenig aufdringlich, das Pedal will sorgfältig behandelt werden. Während die Zeit für die Menschen auf der Welt weiter läuft, scheint sie im Rolls-Royce stehen zu bleiben oder zumindest langsamer zu laufen - so müssen sich englische Adlige auf dem Weg ins Oberhaus oder zur Oper gefühlt haben.

    Revolution beim traditionellen englischen Autobauer

    Der Rolls-Royce Silver Shadow trat 1965 die Nachfolge des zwischen 1955 und 1966 über 7’000 Mal verkauften “Silver Cloud” an. Während die “Silberwolke” mit der Chassisbauweise noch dem über Jahrzehnte gepflegten traditionellen Fahrzeugbau entsprach, beschritten die Rolls-Entwickler um Harry Grylls beim “Silberschatten” neue Wege. Eine sehr steife, selbsttragende Stahlblechkarosserie mit Türen und Hauben aus Leichtmetall bildete die Basis für das neue Fahrzeug.

    Bereits 1955 hatten die Arbeiten begonnen, schon 1958 fanden erste Fahrversuche statt. Erstmals an einem Rolls-Royce waren die Hinterräder einzeln aufgehängt, die gesteigerten Komfortbedürfnisse der anspruchsvollen Kundschaft wurden mit einer weichen Federung und einer hydraulischen Niveauregulierung erwidert. Die Scheibenbremsen an allen vier Rädern wurden über ein dreifaches Betätigungssystem und kräftige Servounterstützung aktiviert, beim Bremsen senkte sich der Wagen vorne nicht (Anti-Dive). Die Stromkreise zu den Scheinwerfern wurden doppelt geführt und bei einer Panne automatisch umgeschaltet, für Bremsöldruck, Kühlerwasserstand und Stop-Lichter-Funktion gab es Warnlichter.

    Konventioneller ging es bei der Motorisierung und bei der Kraftübertragung zu. Der bewährte 6,2 Liter grosse Achtzylinder mit hängenden Ventilen und zentraler Nockenwelle tat weiterhin seinen Dienst. Immerhin war der Zylinderkopf von Grylls modifiziert worden und für einen Kerzenwechsel waren nicht mehr allzugrosse Demontagearbeiten notwendig. Gekoppelt war der wuchtige Motor an eine Viergangautomatik oder die modernere die GM-400-Dreigang-Automatik (für kontinentialeuropäische und amerikanische Märkte). Das Automatik-Getriebe wurde über einen Elektromotor, gesteuert von einem Wahlhebel am Lenkrad, aktiviert.

    Downsizing

    Gegenüber dem Vorgänger war der Silver Shadow praktisch entlang aller Kriterien ein grosser Fortschritt, in der Grösse aber schrumpfte er gegenüber dem Silver Cloud beträchtlich: 12 cm niedriger, 18 cm kürzer und 9 cm schmäler war der neue Wagen. “Die Kunden wollen einen Wagen, der innen grösser ist als aussen”, meinte der technische Direktor Grylls bei der Vorstellung und mit den Versionen mit langem Radstand (LWB, spätere Modelle wurden Silver Wraith genannt) konnten auch anspruchsvollste Langbeiner im Fond zufriedengestellt werden.

    Die Formgebung des Silver Shadow war schlicht und auf Langlebigkeit ausgerichtet, die interne Design-Abteilung machte ihre Arbeit grossartig.

    Das beste Auto der Welt?

    Als “the best car in the world” hatte James Peacock Holland anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts den Rolls-Royce Silver Ghost nach einer Testfahrt über 15’000 km beschrieben. Und an diesem Anspruch musste sich auch der Silver Shadow messen. Die Konkurrenz hatte inzwischen deutlich aufgeholt und verfügte auch über besser ausgestattete Entwicklungsabteilungen und im Vergleich fast unerschöpfliche Mittel.

    Mercedes-Benz bot mit dem 600, dem 300 SEL 6.3 und später dem 450 SEL 6.9 ausgezeichnete Fahrzeuge zu wesentlich günstigeren Preisen, entsprechend kritisch äusserte sich denn auch Reinhard Seiffert nach einer ausgiebigen Testfahrt für die Zeitschrift Auto Motor und Sport im Jahre 1969 zu den Qualitäten und Fehlern des Rolls-Royce. Er monierte nicht nur Verarbeitungsmängel, sondern auch ächzende Geräusche der Karosserie, nicht funktionierende Fensterheber und eine eingerostete Scheibendusche.  Die unexakte Lenkung wurde genauso kritisiert, wie der unbefriedigende Geradeauslauf und das zu geringe Schluckvermögen der Federung auf kurzen Bodenwellen. Immerhin lobte Seifert das geringe Geräuschniveau und den guten Reisekomfort.

    Gert Hack doppelte in der Motor Revue im Jahr 1976 nach, als er den Silver Shadow direkt mit dem Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 verglich. Objektiv konnte der Mercedes fast alles besser, so dass Hack den Rolls-Slogan zu “the best car in another world” modifizierte.

    Auch die Automobil Revue äusserte sich im Jahr 1976 zur Edellimousine. Positiv aufgefallen war den Schweizern der typisch englische Stil und die traditionell-britische Club-Atmosphäre. Gelobt wurde Motor und Kraftübertragung, für negative Kommentare sorgte die gefühllose Lenkung und flatternde Scheibenwischer bei Autobahntempo. Gegenüber ersten Beschreibungen aus dem Jahre 1965 war die ursprüngliche Euphorie aber einer inzwischen recht kritischen Haltung gewichen. Die nicht mehr ganz zeitgemässe Dynamik des Wagens wurde mit einem Zitat eines Rolls-Royce-Mannes quittiert: “Ein Rolls-Royce ist ein Fahrzeug für Leute, die es geschafft haben. Und arrivierte Leute sind nicht in Eile.

    Die Fahrleistungen wurden übrigens in fast allen Testberichten auf ähnlichem Niveau gemessen: 11,6-11,9 Sekunden genehmigte sich der Rolls für den Sprint auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit wurde bei rund 183,7 bis 186,5 km/h erreicht. Nur beim Verbrauch sorgte der offensichtlich unterschiedlich schwere Gasfuss der Journalisten für eine Streuung der Werte, 20,8 Liter wurden in der Schweiz, 25,9 und 26,2 Liter in Deutschland pro 100 km nachgetankt.

    Kontinuierliche Evolution

    Wie bei einem Kleinserienhersteller üblich wurde der Silver Shadow ständig verbessert. So wurde der Motor 1970 auf fast 6,8 Liter vergrössert, 1973 wurden innenbelüftete Scheibenbremsen eingeführt, eine elektronische Zündung folgte 1975. Eine umfangreiche Modellpflege präsentierte Rolls-Royce 1977, die Änderungen waren so weitreichend, dass man ab jetzt vom Silver Shadow II sprach. Neu gestaltete Stossfänger waren das deutlichste Kennzeichen der erneuerten Baureihe.

    Das Ersthandfahrzeug SRX 18169

    Der hier abgebildete grüne (“Scots Pine”) Rolls Royce Silver Shadow mit der Fahrgestellnummer SRX 18169 wurde im Jahr 1974 neu an die Familie Lacroze de Fortabat ausgeliefert. £ 11’885 betrug der Neupreis, das grüne Vinyldach für £ 229 eingerechnet. Das Interieur war mit beigem Leder ausgekleidet worden.

    Fast 40 Jahre später präsentiert sich der Wagen, der nie die Hand gewechselt hatte, noch genau so. Die prominenten Besitzer, María Amalia Lacroze de Fortabat und ihr Mann Alfredo Fortabat, reiche Industrielle aus Argentinien, hatten den linksgelenkten Wagen in der Schweiz stationiert, um ihn für lokale Ausfahrten zu nutzen, wenn sie sich in Genf befanden. Man sieht ihm die rund 65’000 km und die lange Lebensdauer kaum an.

    Teuer, aber langlebig

    CHF 74’700 oder DM 88’700 kostete der Rolls-Royce Silver Shadow im Jahr 1966, bis zum Ende der Bauzeit stiegen die Grundpreise mit dem Lebenskostenindex auf rund CHF 160’000 oder DM 140’000.

    Aus einer derartigen Summe konnte man sich locker auch sieben bis zehn andere Fahrzeuge kaufen, die alle auch die grundsätzlichen funktionellen Anforderungen an ein Automobil erfüllten.

    Aber kaum ein Konkurrenzfahrzeug wies einen ähnlich hohen handwerklichen Anteil auf und dermassen erlesene Materialien. Und kaum eine der Alternativen hat eine vergleichbar hohe Überlebensrate wie die Erzeugnisse von Rolls-Royce. Rund 50% aller je gebauten Fahrzeuge aus Crewe existieren noch. Und das hat gute Gründe. Auch beim Silver Shadow wurden alle Register gezogen, um eine maximale Nutzungsdauer zu ermöglichen. Dass man dies in späteren Jahrgängen mit einem Kilometerzähler dokumentierte, der bis 999’999 km anzeigen konnte, war da nur ein Nebenschauplatz.

    Wertanlage zum Preis eines gebrauchten VW Golf

    Ein Rolls-Royce Silver Shadow hat kaum das Potential, in den nächsten Jahren Millionen an einer Versteigerung zu bringen. Dazu wurden zuviele Fahrzeuge gebaut - über 32’000 Limousinen verliessen als Rolls-Royce Silver Shadow und Bentley T-Series, sowie als viertürige verlängerte Derivate die Fabrikationsstätte zwischen 1965 und 1980 - und die Überlebensrate ist hoch.

    Eine vernünftige Wertanlage kann die Rolls-Limousine aber trotzdem sein, denn gepflegte und gut gewartete Exemplare werden voraussichtlich ihren Wert zumindest halten. Um die 30’000 Euro (oder 37’000 Franken) kostet heute gemäss Classic Data ein gut unterhaltener Silver Shadow, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Serien sind nicht allzu gross. Zum Preis eines gut ausgestatteten und motorisierten Jahreswagen vom Typ VW Golf oder Audi A3 erhält man also ein Auto, das einst so teuer wie ein Ferrari 12-Zylinder-Coupé und fast das Doppelte des nobelsten Mercedes-Benz kostete.

    Die Komplexität und der Ursprungspreis, sowie die Marke an sich haben aber auch Auswirkungen auf die Wartungs- und Unterhaltskosten, die man nicht unterschätzten sollte. Die laufende Kosten pro Jahr müssen sicher im (deutlich) vierstelligen Bereich einkalkuliert werden, vor allem wenn ernsthaftere Arbeiten am Fahrzeug nötig werden. Da fällt der Benzinverbrauch von rund 16 bis 20 Liter Benzin pro 100 km bei gemässigter Fahrweise nicht mehr wirklich ins Gewicht.

    Kaum ein anderes Fahrzeug in dieser Preisklasse vermag allerdings dieses unnachahmliche Fahrgefühl der Luxusklasse zu vermitteln wie ein Rolls-Royce Silver Shadow.

    Der portraitierte Rolls-Royce wurde uns von der Oldtimer Galerie Toffen zur Verfügung gestellt. Wir danken.

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